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20. Juli 2010
Mit Rossini auf du und du
Wildbad: "La Cenerentola" und "Die Belagerung von Korinth".
Wieder also bei "Rossini in Wildbad", dem kleinen, aber feinen Festival im Nordschwarzwald. Wieder also auch unter den vielen beschlagenen Rossinianern, die jede seiner Noten zu kennen scheinen, die mit Gioachino Rossini sozusagen auf du und du sind. Und die auch mitten im Ort vor Karl-Henning Seemanns Bronze-Skulptur des kurenden Maestro verharren. Sie zeigt einen leicht gebeugten älteren, dickeren, nackten Herrn, der, den rechten Fuß eine Spur im Wasser, dabei ist, sich nach dem Bad abzutrocknen und der sein Gemächt mit einem Zipfel seines Handtuchs gerade eben zu verhüllen vermag.
Dem Kurhaussaal haben sie an der Enz jetzt den Laufpass gegeben. Die restaurierte Neue Trinkhalle ist nun ihr Opernhausersatz. Denn: Ein Ersatz bleibt auch das 1934 im Zuge des zweckmäßigen Bauhaus-Rationalismus errichtete Gebäude. Immerhin ist dort technisch mehr möglich, es gibt mehr Plätze, und überhaupt wirkt das Ganze großzügiger. Die erste Inszenierung gilt Rossinis Aschenbrödel-Variante "La Cenerentola". Sie zeigt wieder, dass die Fähigkeiten Jochen Schönlebers als Intendant größer sind denn als Regisseur. Immerhin, er treibt nicht ungeschickt allerlei Allotria, und das ginge auch in Ordnung, verriete er, womöglich von dem unsäglich klamaukigen Altstar Bruno Praticò als Don Magnifico angestachelt, die Buffa nicht öfter an billig-vordergründige Albernheiten. Aber dafür steht ja musikalisch alles zum Besten, in erster Linie wieder mal dank Antonino Fogliani. Ihm gelingt, ganz knapp, ganz trocken, aber auch feinnervig akzentuierend, eine mitunter schon elektrisierende Wiedergabe. Und der Vokalpart profitiert vor allem von dem bestrickend weich timbrierten und dabei koloraturvirtuosen Mezzosopran der Staranwärterin Serena Malfi.
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Von drei längst Arrivierten profitiert denn auch "Die Belagerung von Korinth", die vorerst nur konzertant aufgeführt wird: von dem gewandten Bassisten Lorenzo Regazzo als Türkenanführer, der siegreich in Griechenland einfällt; von dem abermals so schönstimmigen wie phänomenal höhensicheren Tenor Michael Spyres und Majella Cullagh, die zwar keinen sonderlich edlen, dafür aber zu triumphalen Ausbrüchen fähigen Sopran besitzt. Gibt sich Bad Wildbad in der "Cenerentola" der Lust an der Lustbarkeit hin, so zeigt "Le Siège de Corinthe" des ernsten Rossini die Forschungsqualitäten des Festivals.
Der am Pult so sorgsam wie effektbewusst vorgehende junge französische Dirigent Jean-Luc Tingaud hat sich in monatelanger Kleinarbeit über das Werk hergemacht und stellt jetzt vor, was er als ursprüngliche Pariser Version empfindet – jene Fassung, die der Komponist aus seinem italienischen "Maometto II" gewann: keine Variante, sondern ein beinahe neues Werk, das sich 1826 ganz in die Tradition der französischen "Tragédie-lyrique" fügt und vor allem in die französische Sprache, in ihren Duktus, ihren Rhythmus, und das mit großräumigen Szenenkomplexen, die bemerkenswert reaktionsschnell die dramatischen Erfordernisse auffangen. Allerdings ist aus dieser auch musikwissenschaftlichen Glanzleistung ein eher bedenklicher Rekord zu melden: Im Finale stolperten in der Premiere die in den Bläsern brillanten und nur in den Geigen öfter schwächelnden Virtuosi Brunensis (sprich: aus Brünn) so gründlich, dass der Mann am Pult dreimal neu ansetzen musste.
Eines lässt der Wildbader Rossinianer keineswegs links liegen: die Umgebung seines Idols, seine Vorläufer, seine Konkurrenten, auch wenn sie, nüchtern betrachtet, in die zweite Reihe gehören. Diesmal kann man im restaurierten Königlichen Kurtheater(chen) mit Pietro Generali Bekanntschaft schließen. Der lebte von 1773 bis 1832. Und er weist nach, dass so manche auch von Rossini hochgehaltene Floskel damals Allgemeingut war. Sein "Melodramma sentimentale" namens "Adelina" ist eine Opera semiseria, eine halbernste Oper, in der gerade auch in den umfänglichen Ensembles so manche Mozart-Abkunft herumgeistert, die immer wieder Bellinis empfindsames Belcanto-Melos vorwegzunehmen scheint und sich hinter dem jungen Rossini nicht zu verstecken braucht. Der energisch und straff dirigierende Giovanni Battista Rigon lässt keinen Zweifel daran.
Diese Adelina kommt mit einem Baby heim an den Zürichsee, und es kann nur mit knapper Not verhindert werden, dass der entsetzte Vater sie verstößt. Auf Anton Lukas’ Bühne bröckelt der Schweizer Bergkitsch zusehends und macht einer Hochhauskulisse Platz. Achtung, Aktualität! Auf sie hebt auch Kay Links bedenkenswerte Inszenierung ab, auch wo sie schon etwas modisch-erwartbar und aufgesetzt erscheint. Dann nämlich, wenn Adelina – statt das Happy-End auszukosten – sich am Schluss ihren Kinderwagen schnappt und zeigt, dass sie von ihren lieben Nächsten die Nase voll hat. Und auch, wo die Szene das nachzappelt, was sie in Anführungszeichen zu setzen angetreten scheint: die Buffa-Usancen. Als Prolog geht dem ein Potpourri aus – gleichzeitig, 1810 – fürs selbe venezianische Teatro San Moisè entstandenen Farcen des Karrierejünglings Rossini voraus. Da hebt sich doch das Genie vom Könner ab.
Und dabei wird deutlich wie selten zuvor: Bad Wildbad ist vor allem ein Vokalereignis, für das hier (außer Spyres) zwei begnadete Tenöre stehen mögen: der so samtene wie stratosphärensichere Gustavo Quaresma Ramos an diesem Doppelabend. Er wird nur von seinem womöglich noch gewinnenderen und noch höhenstrahlenderen Kollegen Edgar Ernesto Ramirez als Ramiro in "La Cenerentola" übertroffen. Da müssten die Intendanten Schlange stehen.
– "La Cenerentola", 22., 25. Juli; "Die Belagerung", 23. Juli; "Adelina", 24. Juli. Tel. 07081/10284.
Autor: Heinz W. Koch
