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28. September 2010 10:07 Uhr

Theater Freiburg

Ring der Nibelungen: Das lässt niemanden kalt

Das Theater Freiburg hat Richard Wagners "Ring des Nibelungen" komplett aufgeführt – eine Würdigung von Musik und Szene.

  1. Kleinbürgerliches Idyll: Sabine Hogrefe und Christian Voigt in Frank Hilbrichs Freiburger „Siegfried“-Inszenierung Foto: korbel

  2. Liebe bis zum Tod: Sabine Hogrefe, Sigrun Schell und Vincent Wolfsteiner in der „Walküre“ Foto: Maurice Korbel

Barbara Mundel musste mit den Tränen kämpfen, als sie nach einer packenden "Götterdämmerung" im Freiburger Theater für einen kurzen Dank an alle Beteiligte den frenetischen Beifall unterbrach. Aber nicht nur die Intendantin ließ sich von diesem "Ring des Nibelungen" berühren. Auch im Publikum waren die Emotionen zu spüren, als das Philharmonische Orchester mit Generalmusikdirektor Fabrice Bollon die Bühne betrat und sich das Publikum erhob. Als sich der dröhnende Applaus beim Auftritt von Sabine Hogrefe, der Brünnhilde, nochmals steigerte oder kräftige Buhs zu hören waren, als das Regieteam die Bühne betrat. Kalt ließ der "Ring" niemanden.

Dabei wohnte just dem Anfang kein Zauber inne. Beim Beginn des "Rheingold" verlor das Orchester Orientierung und Intonation. Aber schon mit dem Celloeinsatz in Takt 49 kam das Orchester wieder in die richtige Spur, die es bis zum im Blech grandios befeuerten Ende der "Götterdämmerung" nicht mehr verließ. Bollon geht mit dem Orchester immer wieder ins Pianissimo zurück. Ökonomie kennzeichnet den Masterplan fürs Mammutprojekt. Die wenigen dynamischen Höhepunkte sind bewusst gesetzt wie beim toll musizierten Trauermarsch der "Götterdämmerung", wenn die wuchtigen Blecheinwürfe Schrecken verbreiten und sich im Tutti der Schmerz über den Tod Siegfrieds zur Massenklage steigert. Es sind auch die Solisten, die dieses Orchester in guten Momenten mit Spitzenensembles Schritt halten lassen. Den von Hornisten gefürchteten "Siegfried-Ruf" kann man nicht besser hören als hier von Isabel Forster. Man kann ins Schwärmen geraten bei der hervorragenden Intonation der Wagnertuben, der Präzision der Holzbläser und des runden Blechklangs.

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Die Sänger müssen bei diesem durchlässigen Orchesterpart nicht brüllen, um gehört zu werden. Sie verbinden eine hohe Legatokultur mit einer überaus klaren Textgestaltung – und kommen so dem Ideal des Wagner-Gesangs sehr nahe. Von Regisseur Frank Hilbrich ausgezeichnet geführt, entwickelt das bis in kleine Rollen hervorragend besetzte Ensemble packende Rollenporträts. Fast alle sind Ensemblemitglieder oder ständige Gäste des Freiburger Theaters. Unter den großen Partien ist nur die des Siegmund mit dem überragenden Vincent Wolfsteiner an einen Gast vergeben. Peteris Eglitis ist ein Wotan, wie man ihn sich eindrucksvoller nicht wünschen kann. Der Amerikaner hat genügend Bassfundament, um dem Göttervater die nötige Dominanz zu verleihen. Trotz seiner kernigen Stimmgebung lässt er die Phrasen fließen. Und berührt auch dann, wenn er Wotan beim großen Abschied von seiner Tochter Brünnhilde in Akt III der "Walküre" weiche Züge verleiht. Ob Fafner, Hunding oder Hagen – Gary Jankowsky ist ein echter Schwarzer Bass mit großem Volumen, der mühelos in jede Tiefe steigt. Besonders sein Hagen bleibt im Gedächtnis. Dieser schart mit gewaltigen Rufen seine Mannen (ebenso bedrohlich: die Herren des Theaterchors, Einstudierung Bernhard Moncado) um sich und stachelt Gunter (vor allem darstellerisch präsent: Wolfgang Newerla) zur Intrige an.

Es gibt nur wenige Tenöre, die bei einer zyklischen Aufführung beide Siegfried-Partien übernehmen. Christian Voigt hat den Mut. Anfangs gerät sein "Siegfried"-Debüt etwas zu vorsichtig, so dass ihn der enorm präsente Roberto Gionfriddo als Mime gelegentlich sogar klanglich dominiert. Aber Voigt teilt sich die Partie klug ein. Und verschwendet dann seine Reserven, wenn es notwendig ist: in der Schluss-Szene mit Brünnhilde. Hier wächst Voigt mit seiner überragenden Partnerin Sabine Hogrefe ins Außergewöhnliche – und beschert mit seinen ekstatischen Aufschwüngen einen der Höhepunkte dieses "Rings". In der "Götterdämmerung" singt Voigt ähnlich kontrolliert – ein lyrischer Grundton durchzieht seine Interpretation. Anja Jung (Erda, Fricka, Schwertleite, Waltraute, erste Norn) bereichert den "Ring" mit dunkel timbriertem Alt, Roberto Gionfriddos Tenor (Mime, Loge) hat an Strahlkraft gewonnen, Lini Gongs (Woglinde, Waldvogel) Sopran ist brillant. Neal Schwantes, Ensemblemitglied seit 1983, erlebt mit seinem erschütternden Alberich-Porträt einen Karrierehöhepunkt, Sigrun Schells vielschichtiger Sopran (Sieglinde, Fricka, Gutrune) setzt die Entwicklungen der Figuren packend um. Den größten Prozess vom Kind bis zur selbstbewussten, reifen, verletzten Frau macht Brünnhilde durch. Sabine Hogrefe ist Brünnhilde. Ihr Schmerz ist in Hogrefes voluminöser Tiefe zu hören, ihre Leidenschaft in den dunkel strahlenden Spitzentönen. Wenn diese Brünnhilde am Ende über dem wogenden Orchester thront und ein letztes Mal Siegfried grüßt, dann verbindet sich größte Gesangskunst mit höchster dramatischer Wirkung. Und das lässt niemanden kalt.

Autor: Georg Rudiger