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08. September 2014

Theaterfestival Basel

„Unsere Geheimnisse“ von Béla Pintér

THEATERFESTIVAL BASEL: Großartiges Finale mit "Unsere Geheimnisse" von Béla Pintér.

  1. - Foto: Festival

Wie es in einer von einem Konzern beherrschten westlichen Gesellschaft zugeht, die Geheimnisse nicht mehr zulässt, in der absolute Transparenz herrscht, das zeigt der amerikanische Autor Dave Eggers in seinem eben auf Deutsch erschienenen Roman "Der Circle". Auch politische Diktaturen lieben Geheimnisse nicht. Sie tauschen private gegen politische Geheimnisse: den Abgrund im Individuum gegen den gesellschaftlichen Untergrund. Menschen, die erpressbar sind, werden von Geheimdiensten gern als Spitzel angeworben – so auch in Béla Pintérs zum Abschluss des Theaterfestivals Basels auf der Kleinen Bühne des Theaters präsentierter Inszenierung "Unsere Geheimnisse". Diese zwei beklemmenden Stunden gehörten fraglos zu den Höhepunkten des Festivals.

Das liebt vielleicht auch daran, dass Istvan Balla Bán (Zoltan Friedenthal) ein ganz besonders schreckliches Geheimnis mit sich herumträgt. Die Fallhöhe im Gespräch mit einer Psychologin ist entsprechend groß: Denn der ungarische Theatermacher, derzeit der wichtigste freie Bühnenkünstler seines Landes, stimmt zu Beginn nicht nur beschwingte volksmusikalische Töne an, sondern er greift auch – und immer wieder, sonst wäre das Ganze kaum auszuhalten – zum Mittel des sarkastischen Humors.

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Man befindet sich in den 1980er Jahren in einem jener Budapester Tanzhäuser, in denen die ländliche Folklore Ungarns wiederentdeckt wurde. Im Tanz kommen die auf Volkskunst setzende kommunistische Partei mit oppositionellen Gruppierungen zusammen, die in der Kraft und Dynamik des Tanzes auch subversive Energien zu entdecken glauben. Der Riss geht durch das im Zentrum der Bewegung stehende Paar: Bea ist eine stramme Genossin, ihr Geliebter Imre (Béla Pintér) Chefredakteur der im Geheimen operierenden Samisdat-Zeitschrift "Eiserner Vorhang".

Als Istvan, ein sympathischer, etwas unbeholfener Kerl, nach mühsamem Herantasten – er hat eine Ehekrise und sich in jemand anderen verliebt, nicht Mann nicht Frau ("Ist es ein Tier?", fragt die Therapeutin ratlos) – sein Geheimnis entdeckt, vergeht einem jäh das Lachen: Der Mann ist pädophil und hat sich in seine Stieftochter Timi verguckt, ein siebenjähriges Mädchen. Und schon hüpft Timi über die Bühne: nicht als gequältes Opfer, sondern als munteres Mädchen, das den Mann seiner Mutter ganz offensichtlich sehr gern hat und sich auf die Spiele mit ihm freiwillig eingelassen hat: wenn der Zwerg zum Riesen wird und auch noch spuckt...

Nein, Béla Pintér nimmt kein Blatt vor den Mund. Er zeigt mit aller Drastik einen Pädophilen in seiner übergroßen Seelennot und seinem Ausgeliefertsein an ein zerstörerisches Begehren. Er zeigt, wie dieser Gebrochene, der seine Ehe schon aufs Spiel gesetzt und verloren hat, sich auch noch an seinen Freunden versündigen, sie verraten und verlieren wird: Die perfide Unterhaltung zwischen dem Chef des Geheimdiensts und seinem angeworbenen Spitzel kann bei aller grausamen Zuspitzung des Konflikts exemplarische Gültigkeit für sich beanspruchen. Im Gegensatz zu den Deutschen, erklärte Pintér in einem Interview anlässlich der deutschen Erstaufführung von "Unsere Geheimnisse" im HAU in Berlin, hätten die Ungarn ihre eigene Stasi-Vergangenheit nie aufgearbeitet.

Dass auch der Geheimdienstler keine ihren politischen Auftrag exekutierende Maschine ist, verschweigt die Regie nicht: Auch er hat spezielle sexuelle Vorlieben, auch er kennt die Einsamkeit des Begehrens, auch er ist wie Istvan ein musikalisch gebildeter Mensch. Die Musik überhaupt spielt eine große Rolle in der Inszenierung. Nicht nur beim Auftritt der fabelhaften Musiker, sondern auch theoretisch. Imres Sohn Feri ist ein Klavier spielender Überflieger, der nur einen einzigen Komponisten auf der Welt gelten lässt: Johann Sebastian Bach, dessen f-Moll-Konzert gespielt von Glenn Gould man dann auch hören darf; das riesige Tonbandgerät, das die Bühne bestimmt wie die molochartigen Maschinen den Stummfilm – ein überdeutliches Symbol –, ist auch dafür zu gebrauchen: Selbst die Dinge sind bei Pintér ambivalent. Und so geschieht das Fürchterliche, dass aus den in ihrer Schlichtheit ergreifend schönen Bach-Klängen ein neuerlicher Missbrauchsversuch erwächst: Istvan setzt den Jungen mit K.O.-Tropfen schachmatt und zieht ihm die Hose von den Hüften – bevor er sich verzweifelt ein Küchenmesser in den Schritt rammt.

Schwer erträglich sind Szenen wie diese – und doch gelingt es dem Regisseur, der vor plakativer Bildsprache nicht zurückschreckt, auch immer wieder, die tonnenschwere Mischung von Missbrauch und Verrat (schlimmer als in dieser tragischen Kombination kann es einen Menschen fast nicht treffen) leicht zu machen: durch intelligente, geistreiche Dialoge, durch die poetischen ungarischen Volkslieder, durch das Umkippen von existenzieller Drangsal in die Freiheit von Witz und Ironie.

Am Ende springt die Aufführung in die Gegenwart: mit der Verleihung des Preises der ungarischen Selbstachtung. Victor Orbans nationalistisches Ungarn lässt grüßen. Der Applaus war für Schweizer Verhältnisse frenetisch. Und er bewies zuletzt auch, dass konventionelles Theater immer noch bewegen kann: wenn es so aufwühlend und so engagiert daherkommt wie bei Béla Pintér und seinem Ensemble. Was für ein Finale für dieses hochkarätige Festival, das künstlerischen Anspruch und Publikumszuspruch aufs Schönste zur Deckung gebracht hat: Mehr als die Hälfte der Vorstellungen war ausverkauft – bei einer Auslastung von insgesamt 86 Prozent.

Autor: Bettina Schulte