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22. November 2010
Vom Zuckerguss im Vampirland
Das Jugendtanzstück "Cinderella" am Theater Freiburg.
Aschenputtel, eine rebellische Graffiti- Künstlerin? Der nächtliche Ball eine coole Mitternachts-Party im verlassenen U- Bahn-Tunnel? Der Prinz gar ein Vampirschönling wie jener Edward aus Stephenie Meyers Biss-Saga? So viel künstlerische Freiheit muss sein, dachten sich Emma-Louise Jordan und Gary Joplin (Konzept und Choreografie), die den Märchenklassiker mächtig aufgepeppt haben und mit "Cinderella" jetzt am Freiburger Theater ein ebenso dynamisches wie originelles Jugendtanzstück auf die Bühne des Kleinen Hauses brachten. Wobei Joplin auch für die Regie zuständig ist.
Dabei kommt gerade Tanz bei Jugendlichen offensichtlich sehr gut an: Nach den Erfolgen von "Romeo und Julia" und "Flokati" haben sich für dieses Projekt so viele Interessenten beim Theaterlabor angemeldet, dass es nun gleich in zwei Besetzungen zu sehen ist. Erstmals setzt man auf Tanz pur und verzichtet auf jedes Wort. Und auch die ausgesprochen anspruchsvolle Ballettmusik von Sergei Prokofjew wird wieder von Jugendlichen live auf der Bühnenempore gespielt. Leiter Nikolaus Reinke hat die Stücke dazu für Kammerorchester neu arrangiert – und gemäß der Neuinterpretation einige musikalische Überraschungen eingebaut.
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Bühne und Kostüme (Birgit Holzwarth) erinnern dann zuerst auch mehr an West Side Story als an rosarotes Märchenland: Im nebelwabernden Halbdunkel lungern finstere Gestalten an Graffiti-besprühten Wänden und auf Stahlgerüsten, nur aus den Luftschacht-Lamellen fällt Licht. Wenig später verschwindet diese stimmungsvolle Szenerie hinter weißen Stoffbahnen: Possierlich wie kleine Pudel hüpfen und tänzeln nun die beiden Prinzessinnen vor riesigen Spiegeln herum, um sich auch gleich einen Zickenkrieg mit der ungeliebten Stiefschwester zu liefern. Die ist ganz Kind der Moderne: Die Jeans sitzt knackig, in ihrem Rucksack klappern Sprühdosen. Als dann noch eine albern gickelnde Mädchen-Schar zur Pyjama-Party einläuft, ist kein Platz mehr für die Außenseiterin.
Zwei reizvoll kontrastreiche Welten, die da aufeinander prallen: hier der manierierte Zuckerguss des Schlosses, hinter hauchdünnem Vorhang das gefährliche Vampirland. Keine Frage, was attraktiver ist! Nun nimmt die Inszenierung mächtig Fahrt auf, bietet starke Bilder und mitreißende Choreografien in fantasievollen Kostümen. Der roten Faden bleibt dabei erhalten: Aschenputtel büxt aus, landet auf einem rauschenden Fest, trifft ihre Schwestern samt Freundinnen – und den Mann ihrer Träume. Längst hat sich das Mobbingopfer zum männermordenden Vamp gemausert, dem reihenweise die Lederkerle zu Füßen liegen. Doch schon naht die Königin auf Exorzismus- Tour mit wedelnden Kreuzen. . .
Bei komplexen Gruppenchoreografien samt kraftvoller Boden- und Hebefiguren zeigen die jungen Tänzer neben viel Spielfreude ein beeindruckendes Können und viel Präsenz. Die klassischen Musikarrangements werden nun vermehrt von jazzigen, rockigen oder bluesigen Elementen durchzogen, gleich drei Songs kommen dabei sehr gut gesungen auf die Bühne. Das hat Tempo, Zauber, Spannung. Und natürlich lässt Cindy sich am Ende nur allzu gerne von ihrem Süßen beißen.
– Weitere Vorstellungen: 26. November (ausverkauft), 5., 10., 15., 23. und 28. Dezember sowie 8., 15. und 21. Januar. Info: Tel. 0761/4968888.
Autor: Marion Klötzer
