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27. Juni 2008

Ein Schauspieler, der singt

Gespräche im Orbit: Zum bevorstehenden Abschied von Jesse Coston, der 24 Jahre lang am Theater Freiburg gewirkt hat

  1. Wollte eigentlich Pianist werden: Jesse Coston Foto: Thomas Kunz

Er geht mit zwei weinenden Augen. Und lächelt dabei. Seine Augen glänzen sowieso. Sie sind schwarz wie seine Haut, die das durch und durch grüne Hemd leuchten lässt. Er ist kein Mann, der nicht weint. Es gab Rollen in seinem Leben, die gingen ihm so nah, dass die Theatertränen echt waren. Nach 24 Jahren verlässt der Sänger, Schauspieler und Regisseur, der im April 65 Jahre alt geworden ist, die Freiburger Opernbühne. Da soll einer nicht weinen? Jesse Coston kann sich ein letztes Mal noch gar nicht vorstellen.

Eigentlich wollte er Pianist werden. Denn singen tat er sowieso. Jeder konnte schön singen in der schwarzen Kirche in Virginia, der seine Familie angehörte. Doch als sein Klavierlehrer ihn eines Tages zu einem Choral die zweite Stimme erheben ließ, horchte der dennoch auf, setzte sich selbst ans Klavier, um noch einmal zu lauschen, und entschied dann: "Du wirst nicht Pianist. Du wirst Sänger." Er vermittelte dem Jungen sofort ein Stipendium für die Musikschule. Es folgte das Gesangsstudium am Curtis Institut of Music in Bloomington/Indiana.

Da war das Singen nicht mehr normal. Der Vater, Friseur von Beruf, fragte: "Nun bist du Sänger, aber womit verdienst du dein Geld?" Und die Mutter, als sie den blond gelockten, weiß geschminkten Jüngling zum ersten Mal auf der Bühne sah, erkannte ihn nicht. Seine Opernstimme hatte sie noch nie gehört.

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Amerika ist seither weit weg. Vor 32 Jahren verließ Jesse Coston die Staaten. Auf ein Jahr dachte er, auf Nimmerwiedersehen blieb er. Mithilfe eines Fulbright-Stipendiums wollte er in Saarbrücken seiner Ausbildung den letzten Schliff geben. "Ich war etwas arrogant damals", sagt er. Denn als junger Sänger in den USA singt man schon sehr früh große Rollen, und "dann kommt man nach Europa und denkt, man könne alles".

Aus einem Jahr Gesangsunterricht werden drei. Das Wichtigste, was Jesse Cos ton von seinem damaligen Lehrer lernt, ist, sich selbst nicht so ernstzunehmen. Nur dank dieser Lehre schafft er es, sich danach vier Jahre lang mit einer Stelle im Saarbrücker Opernchor zu begnügen. Den eigenen Gesang anpassen, im großen Ganzen aufgehen lassen, das ist anstrengend, manchmal auch ruinös für die Stimme eines gelernten Solisten – und fürs Ego auch. Aber es gibt in dieser Zeit nur zwei schwarze Opernsänger in der Bundesrepublik. Jesse Coston macht sich keine großen Hoffnungen, als er sich an einen Agenten zur Vermittlung wendet.

Die erste Einladung kommt aus Freiburg: Sonntagabend um 18 Uhr, was für eine Uhrzeit, und die Nasentropfen, ohne die er nie vorsingen geht, hat er vergessen. Sänger sind abergläubisch, sagt er. Im Parkett sitzen der damalige Intendant Ulrich Brecht und der Generalmusikdirektor Eberhard Kloke. Statt der üblichen zwei lassen sie ihn drei, vier, dann fünf Arien singen. Am selben Abend unterschreibt er sein Engagement. Die Spielzeit 1984/85 beginnt für ihn mit der Rolle des Eremiten in Carl Maria von Webers "Freischütz".

Über sich selbst sagt Jesse Coston, er sei Schauspieler, der singt. Was bescheiden klingt, wenn, wie derzeit in dem Abschiedsstück "Die Bremer Stadtmusikanten", sein voller Bassbariton ertönt. Doch das Schauspiel, für das er als Gesangsstudent in den USA intensiv ausgebildet wurde, liegt ihm am Herzen. Die Idee von Opernregisseur Gerd Heinz, ihn an einem Abend die Rolle des blinden Sehers Teiresias sowohl in Sophokles’ Schauspiel "König Oedipus" als auch in Igor Strawinskys "Oedipus Rex" spielen zu lassen, war für den singenden Schauspieler wie für den schauspielenden Sänger 1996 ein Glücksfall.

Gerd Heinz, sagt er, sei für ihn wie ein Mäzen gewesen. Von ihm habe er gelernt, wie man "mit Menschenkenntnis und Wärme Regie führt". 1999 inszeniert Jesse Coston als erster Schwarzer eine Oper in Deutschland: Rossinis "Der Türke in Italien". Seitdem inszenierte er immer wieder, auch mit eigenem Ensemble. "Als Sänger bin ich Farbe, als Regisseur der Maler." Bei den Breisacher Festspielen führt er in diesem Jahr zum fünften Mal Regie. "Die Kameliendame" steht auf dem Spielplan, ausnahmsweise auch dort ein Stück zum Weinen.

Sein Engagement vor der Bühne wird Jesse Coston bleiben. Er geht auch mit zwei lachenden Augen. "Eigentlich singe ich nämlich am schönsten, höchsten, tiefsten, leisesten, lautesten, wenn ich Regie führe." Ein letztes Mal wird es deshalb so bald nicht geben.

– Zu dem Abschiedsabend "Merci vielmals" für Jesse Coston und Ueli Schweizer lädt das Theater morgen Abend, 20.30 Uhr, ins Winterer-Foyer ein. Info: Tel. 01805/556656.

Autor: Kathrin Kramer