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26. September 2014

Vollkommen andere Welt

Theater Panoptikum führt HipHop-Musiktheater auf – mit Texten von Bertolt Brecht

  1. Brecht mit Beat: Die Jugendlichen proben mit den Choreografen für das Stück „Zeit heilt alle Stunden“ in den Zollhallen. Foto:  Jennifer Rohrbacher

Mit laszivem Blick Richtung Kamera bringt sich die Reporterin Swantje van Eycken in Position. Dann beginnt sie bedeutungsschwer ihren Bericht: "Wir sind auf dem Mittelmeer, jenem Meer, das seit 1990 300 000 Menschen auf der Suche nach Glück und politischer Freiheit verschluckt hat." Neben ihr stehen fünf verunsicherte Flüchtlinge, die die Reporterin nach Belieben vor der Kamera hin und herschiebt, fast so, wie die Regierungen der westlichen Welt. Die ehrgeizige Journalistin ist das Spiegelbild dieser Welt, der die menschlichen Schicksale anscheinend nicht wichtig sind. Hier zählen nur Konsum, Karriere, Lifestyle.

Die Reportage wird abrupt unterbrochen: Jugendliche stürmen zu wummernden Beats die Szenerie, fangen an zu tanzen und zu rappen. "Zeit heilt alle Stunden", ein multimediales Tanz- und Musiktheater um die aktuelle Flüchtlingsdebatte, über Städte, Zivilisationen und die Frage, ob ein Leben für Fremde dort möglich ist, beginnt. Sie ist die dritte Zusammenarbeit des Freiburger Theaters Panoptikum mit Rapucation aus Berlin, einem Team um Rapper Robin Haefs, der Jugendlichen Bildung mithilfe von HipHop nahebringen will. Schon das gemeinsame Projekt "Romeo feat. Julia" wurde 2012 ein alle Erwartungen übertreffender Erfolg: Das SWR-Symphonieorchester spielte die Musik ein, die Probenarbeit wurde bis zur Aufführung vom Fernsehen begleitet. Nicht in derartigen Dimensionen, aber mit 50 Jugendlichen aus Freiburger Schulen führen Panoptikum und Rapucation die Neuproduktion "Zeit heilt alle Stunden" im Rahmen der Reihe "Hier und weg" in den Zollhallen beim Güterbahnhof Nord auf.

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Lernen, was in der Schule keinen Schwerpunkt hat

Mit einem Tablet-Computer in den Händen steht Sigrun Fritsch, die Regisseurin von Panoptikum, bei den Proben inmitten der Jugendlichen und gibt ihnen Anweisungen. "Das alles ist für die Jugendlichen sehr neu. Viele tanzen zwar HipHop oder rappen, aber in ein Theaterstück haben sie das noch nie eingebracht. Mit der Ästhetik holen wir die Jugendlichen an ihren Interessen ab, aber eröffnen ihnen trotzdem im Theater eine andere Welt." Für die Schülerinnen und Schüler war die Mitarbeit bei dem Musiktheater freiwillig. Jetzt, da die vier Aufführung kurz bevorstehen, proben sie mehrere Stunden – täglich, nach der Schule. Viele Seiten Text müssen auswendig gelernt werden, dazu kommt die Arbeit mit Choreografen. In einer Szene tanzen sie in kleinen Gruppen hinter hängenden Stoffbahnen, auf die Bildcollagen projiziert werden, rund um das Publikum herum. Der Zuschauer ist Teil des Stücks, wird angeklagt, für die Zustände in den Städten mitverantwortlich zu sein. Zusammen mit den Akteuren wandert er im Laufe der Handlung durch die drei Hallen.

Als Grundlage für "Zeit heilt alle Stunden" hat Fritsch Bertolt Brechts "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" und "Frontex" von Richard Schuberth ausgesucht. Keine einfachen Stoffe. Aber die Jugendlichen sind begeistert, bringen eigene Ideen ein und diskutieren mit. Schließlich mussten manche ihrer Familien ebenfalls in der Fremde – in Deutschland – eine neue Heimat suchen. Das Stück hat auch einen Bezug zum Veranstaltungsort. "Bei Mahagonny wird eine neue Stadt gegründet. Und wir führen auf einem Gelände auf, aus dem gerade ein neuer Stadtteil entsteht", meint Fritsch. Das Gebiet rund um den Güterbahnhof Nord ist eine große Baustelle. Man müsse die Möglichkeiten in dem rustikalen Bau also nutzen. Neben "Zeit heilt alle Stunden" werden noch zwei weitere Stücke aufgeführt: Rapucations preisgekrönte Brecht-Adaption "MC Messer" und "Metropolen".

Die Arbeit mit den Jugendlichen ist Fritsch und ihrem Team von großer Bedeutung: "Es ist elementar, dass die Jugendlichen über solche Projekte breit gefächert Dinge lernen, die an den meisten Schulen keinen Schwerpunkt haben. Wenn sie mitbekommen, was es alles beim Theater zu tun gibt und was dahinter steht, geht bei ihnen wie eine Tür auf." Gesellschaftskritische Texte, kombiniert mit HipHop, Rap und Tanz – wem könnte solch ein Projekt nicht besser gefallen als Brecht persönlich, der mit seinem Prinzip der Verfremdung das Publikum zum Denken anregen wollte? Die Schülerinnen und Schüler haben vor allem Spaß an dem Projekt. Vielleicht ein Anreiz, selbst öfter ins Theater zu gehen.
– "Hier und weg": Zollhallen im Güterbahnhof, Freiburg. "MC Messer": 27.9., 20 Uhr, 28.9., 16 Uhr; "Metropolen": 30.9., 20 Uhr; "Zeit heilt alle Stunden": 2.10., 19 Uhr, 3.10., 4.10., 20 Uhr, 5.10., 19 Uhr.

Autor: Rebecca Pfister