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02. Dezember 2015

Theatralische Effekte

Freiburg: Die Camerata Vocale mit Monteverdis Marienvesper.

400 Jahre ist Claudio Monteverdis Marienvesper alt. Dennoch wirkt sie frisch und blitzblank wie am ersten Tag, besonders in einer kongenialen Darbietung wie derjenigen der Camerata Vocale jetzt in der Freiburger Herz-Jesu-Kirche. Durchweg fein war diese Interpretation, die sowohl das Filigrane der Details als auch den großen Bogen eindringlich erlebbar machte.

Monteverdi schrieb eine Chorpartie, die teils noch nach der würdigen Ruhe der Renaissance-Mehrstimmigkeit zurückzuhorchen, mit ihrer meist quirligen, ja erregten Klangsprache aber schon ganz im Barock zu stehen scheint. Die Camerata unter Leitung von Winfried Toll arbeitet das mit großer Wendigkeit und substanzieller, charakteristisch gefärbter Klanglichkeit heraus. Dunkel und intensiv leuchtend ist dieses Kolorit allermeist, aber stets durchhörbar und klar in den Konturen. In der "Sonata sopra Sancta Maria" werfen sich die räumlich getrennten Soprane über dem differenzierten Orchesterpart eine choralhafte Melodie zu: nachgerade theatralische, räumliche Effekte, die diese Darbietung evoziert.

Souveräne Schlagkraft des Vokalsolisten-Sextetts

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Ähnlich im "Audi coelum". Florian Cramer (Tenor) singt die Hauptpartie, während es aus dem Hintergrund wie ein Echo (streckenweise hochvirtuos: Hans Jörg Mammel, Tenor) tönt: Die räumliche Distanz wird treffend durch die stark nasale Klangfarbe des Lirone (Matthias Müller) unterstrichen. Beide Sänger sind die exponiertesten eines Vokalsolisten-Sextetts, das sich durch klangliche Homogenität und – einige Ausrutscher vor allem in höheren Registern abgerechnet – souveräne Schlagkraft auszeichnet, sich zugleich aber nahtlos in die überwölbende Architektur einzufügen weiß.

Das zeigt sich insbesondere an den schön koordinierten Übergängen von Solisten- und Chorpartien. Das schlank besetzte und sehr wache Orchester gerät mancherorts ins Hintertreffen. So ist in der einleitenden Fanfare die charakteristische Motivik der instrumentalen Oberstimmen nur mit Mühe wahrzunehmen. Dennoch: Posaunen und Cornette sorgen im Tutti für prachtvolles Volumen, während in den solistischen Passagen Thomas Boysen (Theorbe) kunstgerecht strukturierende Akzente setzt.

Autor: Gero Schreier