Rekorde bei der Jobstartbörse in Neustadt

Bei den Firmen betteln muss niemand mehr

Peter Stellmach

Von Peter Stellmach

So, 21. Oktober 2018 um 16:16 Uhr

Titisee-Neustadt

60 Aussteller mit einem Vielfachen an Personal, 605 mögliche künftige Auszubildende, dazu Eltern oder sonstige Betreuer: Das ist die Rekordbilanz der Neustädter Jobstartbörse am Samstag in der Hans-Thoma-Schule.

Wie sich die Veranstaltung seit 1999 gewandelt hat, wird deutlich in der Gesprächsrunde, die den Eröffnungsrundgang abgelöst hat. Musste man anfangs bei Firmen betteln, dass sie teilnehmen, führt Mitorganisator Markus Schlegel heute eine Warteliste. Die Unternehmen drängen zur Teilnahme, weil sie sich in Zeiten des Fachkräftemangels Nachwuchs heranziehen wollen.

Da kann man von Glück sprechen, dass die Beruflichen Schulen Bedingungen bietet wie dem Vernehmen nach kein anderer Veranstaltungsort: Platz auf zwei Stockwerken und im Freien, außerdem mit ihren Werkstätten die Möglichkeit, den jungen Leuten Berufe vorstellbar zu machen. Früher konnten sich Schüler während zwei er Schulstunden informieren, mehr gedrängt, als mit Lust. Inzwischen findet die Börse auf Wunsch der Firmen am Samstag statt und ist mit fünf Stunden ausgestattet, damit Eltern ihre Söhne und Töchter begleiten können und Zeit für Gespräche ist.

Holger Schwaab, Ausbildungsleiter von Framo Morat Eisenbach und Pionier der Börse, erinnert sich an einfache Stände der Firmen. Heute erlebt er "eine richtige Messe". Bei der Franz Morat Gruppe (Framo und F. Morat) beschäftigt die Börse die Personalabteilung, das Marketing und die Ausbilder. Ein Jahr vorher werden die Eckpunkte umrissen, ein halbes Jahr davor wird das Konzept geschmiedet und die Attraktion ausgewählt, mit der die Jugend gelockt wird, eine Woche vorher bereiten Azubis und Studenten den Auftritt vor. Schwaab hat sechs junge Leute dabei. Der Kontakt zwischen Azubis und Schülern hat sich bewährt.

Timo Honisch (Agentur für Arbeit) findet wichtig, dass sich die Schüler die Berufswahl nicht bis zum Schluss offen halten; sie müssten erkennen, dass sich andere Jugendliche auf der Börse umschauen und ihre Konkurrenten für die Lehrstellen sind. Sie biete Gelegenheit für einfache erste Vorstellungsgespräche.

Martin Klimpel (Mesa Parts Lenzkirch) beschreibt, wie die Börse gewachsen ist und immense Vielfalt bietet. Mesa hat eigene Aktionen zur Nachwuchswerbung, aber der Neustädter Veranstaltung gilt besondere Aufmerksamkeit. Allein in die Vorbereitung des Metall-Workshops investieren die Ausbilder ein halbes Jahr. Einer von zwölf Azubis kommt über den Erstkontakt hier, Mesa sieht auch einen wichtigen Haltepunkt für Praktika.

Ausbilder Florian Gnann von IMS Gear (Donaueschingen/Eisenbach) findet, dass die Qualität der Gespräche über die Jahre besser geworden ist. Er führt das darauf zurück, dass die Schüler freiwillig kommen, mehr Zeit haben und die Eltern dabei sind. IMS Gear stellt jährlich mehr als 60 junge Kräfte ein – auch hier kommen zwei, drei über die Börse.

Die Hotellerie und Gastronomie hat laufend Kräftemangel, aber das allein treibt sie nicht. Franjo Roso hat als Schüler selbst das zweistündige Informationsangebot genutzt, heute ist er Fachgruppenleiter Ausbildung beim Dehoga Schwarzwald. Er hebt darauf ab, dass der Tourismus die Region anpreist, aber aus der Region heraus viel zu wenige Bewerbungen eingehen. Die gute Konjunktur verschärfe die Situation. Außerdem wollen die jungen Leute der Großstadt nahe sein, deshalb locken Betriebe mit Ausbildungsautos, Regiokarten oder übernehmen Führerscheinkosten – trotzdem sei die Lücke nicht zu decken.

Ines Bertelsmann als Ausbildungsleiterin von BZ Medien legt den Finger in die Wunde, die auch die Industrie und das Handwerk schmerzt: der Drang zum Studium. Sie fordert die Gymnasien dazu auf, diese Entwicklung nicht bedingungslos voranzutreiben. Honisch zieht die Statistik heran: 30 bis 40 Prozent Abiturienten wollen studieren. Realschulrektorin Christian Bronner beziffert den Anteil ihrer Schüler, die in die Ausbildung gehen, auf 25 Prozent. Schwaab appelliert an die Eltern, sie sollen ihre Kinder nicht "auf den höchstmöglichen Schulabschluss trimmen". Die Runde ist einig: Industrie und Handwerk bieten vielfältige Möglichkeiten, im Beruf voranzukommen, angefangen bei der soliden Ausbildung über intern spezialisierte Weiterbildungen, die Qualifikation zum Meister und auch das Studium parallel oder anschließend.