Jostäler Freilichtspiele

Die Freiheit erkämpft

Alexandra Wehrle

Von Alexandra Wehrle

So, 19. Juli 2015 um 17:59 Uhr

Titisee-Neustadt

Nichts weniger als die Freiheit verhandeln die Jostäler Freilichtspiele in ihrem neuen Stück. Am Samstag hatte "Die treue Theresia – eine Hinterzartener Bäuerin kämpft um ihren Hof" von Wulf Schmidt Premiere. Bei bestem Wetter und – dank der neuen Mikrofone – bester Akustik verfolgten die Zuschauer vor der Öhlermühle, wie Theresia um ihre Unabhängigkeit kämpft.

JOSTAL. Vordergründig geht das Stück gut aus, aber die Freiheit hat ihren Preis.

Hinterzarten, 1884. Wer die Freiheit liebt oder anders leben will als die Allgemeinheit, ist ein Außenseiter oder wird durch Gesetze beschränkt. Er muss sich entscheiden: Entweder er passt sich an oder geht. Theresia Geiser wählt den eigentlich unmöglichen Mittelweg: Sie bleibt und setzt sich trotzdem durch, wenn auch unter großen Opfern. Das Stück ist einer wahren Begebenheit nachempfunden.

Theresia (Franziska Waldvogel) bewirtschaftet zusammen mit ihrer Mutter (Lucia Ketterer) und einem Knecht (August Fürderer) seit dem Tod ihres Vaters den elterlichen Geiserhof. Weil nur eine verheiratete Frau dazu berechtigt ist, einen Hof zu besitzen, muss sie heiraten, der Gemeinderat will es so. Die Mutter verhindert Theresias Liebesheirat mit Anselm, der Geiger ist und nicht standesgemäß erscheint. Anselm macht sich auf nach Italien, um ruhmreich zurückzukehren. Theresia schwört ihm zwar ewige Treue, ist aber nicht bereit, mit ihm zu gehen. "De Geiserhof ufgei, isch für mich unmöglich." Anselm verunglückt unterwegs tödlich, die Liebe ist nicht lebbar. Einen ungeliebten Mann will Theresia aber nicht heiraten.

Der Außenseiter und die Neuerungen

Auch auf dem Sägenbauernhof scheut einer vor der Ehe zurück: Lorenz Kapp (Andreas Schwär) ist freiheitsliebend und der Arbeit abgeneigt, dafür den Frauen, der Wilderei und dem Alkohol zugetan. Sein Vater (Hubert Waldvogel) empfiehlt ihm, Theresia zu heiraten, und stellt ihm ein Ultimatum: Noch einen Monat kann Lorenz auf dem elterlichen Hof bleiben, dann muss er gehen. Die Zwangsheirat wird formal vollzogen, aber nicht gelebt. Theresia hat sich ein Sammelsurium an Abwehrmechanismen ausgedacht, um sich Lorenz vom Leib zu halten. Frauen wie Männer lassen sich einspannen, um die Hochzeit zu einem Fiasko werden zu lassen. Lorenz hat einen schweren Stand bei der eigenen Familie, bei den Bauern, sogar bei den Kindern. "Der kan it mol e Heugable von ere Mischtgable unterscheide", lästert einer und beschimpft den "stinkfule Drecksack."

Lorenz wird von allen Seiten provoziert. Holzhacken verhilft nur bedingt zur Aggressionsabfuhr, die er nötig hat, weil er "die nächtlichen Freuden eines Ehemanns" nicht genießen darf. Doch Lorenz weiß sich zu helfen. Er nutzt die Rechtslage und lässt seine Frau in die Irrenanstalt einweisen, um das lebende und tote Inventar auf dem Hof zu verkaufen und mit dem Geld die Auswanderung nach Amerika zu finanzieren. Nach ihrer Rückkehr findet Theresia nichts vor als ein leeres Haus und einen abgeholzten Wald, immerhin noch Grund und Boden.

Das Stück wirft Fragen auf. "Theresia kämpft mit allen Mitteln um ihre Freiheit", berichtet ihre Schwester Paulina (Jana Kleiser) den Frauen in der Spinnstube. Aber: "Was für eine Freiheit ist das?"

Während sich die Frauen über ihre Lage Gedanken machen und Veränderungen herbeisehnen, setzen sich die Männer nicht mit den sozialen Konventionen, sondern nur mit dem Außenseiter auseinander. Dabei sind auch sie den Zwängen unterworfen. Sie beobachten allerdings interessiert die Neuerungen, die sich durch den Bau der Höllentalbahn ankündigen. Die ersten Fremden, zwei italienische Bauarbeiter (Stefan Ketterer, Markus Wangler) kommen in den Ort, bald werden mehr und mehr Kurgäste anreisen. Der Weg nach Freiburg, als Absatzmarkt für landwirtschaftliche Produkte und als Ausgangspunkt für Reisen, wird kürzer. Das freie Denken hinkt noch hinterher, ist aber nicht mehr aufzuhalten.

Was aber bedeutet Freiheit in diesem Umfeld? Offenbar für jeden etwas anderes. Theresia möchte ihren Hof selbstbestimmt bewirtschaften. Sie könnte auf die Zwangsheirat und damit den Hof verzichten, aber das kommt für sie nicht in Frage. Lorenz verabscheut körperliche Arbeit, hat aber höhere Ziele, er träumt davon, reich zu sein. "Ich gang fort vo dem düstere un eintönige Schwarzwald", verkündet er, "nach Amerika. Dert were die Boys für mich schaffe." Im Dorf hat so einer keinen Platz. Anselm, der Geiger, gilt ebenso als Nichtsnutz wie Lorenz, auch er sucht sein Glück in der Ferne, wenn auch mit dem Ziel, zurückzukommen. Und dann ist da noch Theo (Stefan Löffler), der Sonderling, von dem man nicht weiß, was sein Lebensziel sein könnte, der aber seine Freiheit im Verrücktsein gefunden hat.

Theresia ist die einzige der Figuren, die ihr Lebensziel erreicht. Auch wenn sie nach ihrer Rückkehr aus dem Irrenhaus ihren Hof nur mit Hilfe ihrer Schwester Paulina und deren unehelicher Tochter Maria weiterführen kann. Den Männern ergeht es schlechter: Anselm verunglückt tödlich, Lorenz soll laut Gerücht mit dem Schiff auf der Überfahrt untergegangen sein, Theo lebt in seiner eigenen Welt.

Das Fliehen führt zu nichts, nur das beharrliche Bestehen auf dem eigenen Weg.

Beide bleiben ihrem eigenen Leid verhaftet

Verhandelt wird auch die Treue. Ist Theresia treu oder nicht? Sich selbst auf jeden Fall, allen und allem anderen eher nicht. Ihrem Lebensziel ordnet sie alles unter. Ist das nicht egoistisch? Ein weiteres Thema, das mitschwingt, sind die oft missglückten Beziehungen der Menschen untereinander, die alle im selben Boot sitzen und doch einander das Leben schwer machen. Theresia und Lorenz zum Beispiel. Unter anderen Vorzeichen hätten die beiden vielleicht zusammengepasst. Wie sagte Lorenz’ Vater vor dessen Heirat: "Wenn du Glück hast, kannst du dein Lotterleben weiterleben." Lorenz macht keine Anstalten dazu, sondern läuft nun dem auferlegten Ideal nach, die Ehe mit seiner Frau vollziehen zu müssen, obwohl er sie als "Vogelscheuche" ansieht und diese sich nicht für ihn interessiert. Sie tauschen sich nicht aus und arrangieren sich nicht, obwohl sie in derselben Lage sind. Theresia bleibt hart, sie hat ein Ziel. Lorenz wird aggressiv, er hat plötzlich seine Ehre zu verteidigen. Beide bleiben in ihrem eigenen Leid verhaftet und verschlimmern ihre Lage gegenseitig noch.

Trotz des ernsten Themas ist die Stimmung heiter. Paradiesvogel Theo und der unerschütterliche Irrenarzt (Peter Duttlinger) sorgen für Lacher, bei den Umbauten reizen kleine Missgeschicke und Äußerungen der Akteure zum Schmunzeln. Spaß machen den Zuschauern auch die Provokationen gegenüber Lorenz und dessen heftige Reaktionen. Da landet einer im Misthaufen oder kugeln sich gestandene Männer raufend im Staub. Schön auch das Häuschen auf der Drehbühne, das von außen den Sägenbauernhof, von innen die Spinnstube darstellt.

Die Geschichte wird im Zeitraffer weitererzählt. Am Ende sitzen die gealterten Schwestern Theresia (Rosel Kaltenbach) und Paulina (Irmgard Beha) müde auf dem Bänkle und blicken zufrieden auf ihr Lebenswerk zurück: "Siehsch, es lohnt sich immer wieder azfange."

Mit einem schönen Schlussbild, bei dem alle Akteure in zwei langen Reihen nebeneinanderstehen und sich an den Händen halten, geht die Aufführung zu Ende. Die zahlreichen Mitwirkenden ernten langen Applaus.

Jeweils Samstag und Sonntag: 25. und 26. Juli, 1. und 2. August sowie 8. und 9. August bei der Oehlermühle in der Schildwende. Sie beginnen um 20 Uhr (Einlass ist von 18 Uhr an).

Alle Besucher können zwischen 18 und 19.30 Uhr den Gratis-Pendelbus vom Wanderparkplatz Schildwende zur Oehlermühle und nach der Aufführung zurück (Fußweg ungefähr 30 Minuten).

Bei zweifelhaftem Wetter kann man sich unter http://www.jostaeler-freilichtspiele.de oder 07651-988198 informieren, ob gespielt wird.

Eintrittskarten bei den Infostellen der HTG, BZ-Geschäftsstelle und unter Tel. 07652-1206-30. Jugendliche bis 16 zahlen 9 Euro, Erwachsene 15 Euro (zuzüglich Gebühren).