Neue Wohnform für alte Menschen in Neustadt

Die WG der reiferen Generation

Peter Stellmach

Von Peter Stellmach

Fr, 05. Mai 2017 um 16:23 Uhr

Titisee-Neustadt

"Sind wir eine Vorzeigeeinrichtung?" Der Mann trifft mit seiner Frage den Nagel auf den Kopf. Denn die Kaffeetafel gehört zu einem Wohnmodell, wie man es bisher im Seniorenzentrum in Neustadt nicht gekannt hat. Eine WG für Betagte, so kann man die Hausgemeinschaft im St. Raphael am Felsele nennen.

TITISEE-NEUSTADT. Sie scheint gut zu funktionieren, denn die Urteile der alten Menschen bei Käsekuchen und duftenden Waffeln zu Kaffee fallen einhellig aus: "Das war ein guter Gedanke von dem, der das gemacht hat" und "Die Entscheidung hat sich bewährt", hört man aus der Runde.

Marco Kuhn-Schönbeck wird es gerne gehört haben. Der Geschäftsführer des Zentrums hat die Bundestagsabgeordnete und parlamentarische Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter eingeladen. Die SPD-Politikerin, die in der Runde gleich mal "Frau Ministerin" genannt wird, soll sich im 50. Jubiläumsjahr der Einrichtung einen Eindruck verschaffen.

Auf die Frage, ob sie hier auch einziehen würde, sagt sie, dass sie lange wie möglich daheim bleiben möchte – die betagten Männer und Frauen nicken verständnisvoll. Sie fügt aber an, dass sie sich als Teil einer Wohngemeinschaft im Alter durchaus vorstellen könnte.

Nein, es ist keine Wahlkampfveranstaltung, Kuhn-Schönbeck erhebt keine Forderungen, trägt nicht einmal Wünsche vor. Er sagt am Ende nur, dass es aus seiner Sicht noch mehr verschiedene Wohnformen geben dürfte. Er ist ein Verfechter offener Einrichtungen.

Das Modell, das der Geschäftsführer vorführt ist entworfen von seinem Vorgänger Klaus Lauber, mit Leben erfüllt wird es nun von ihm und seinem Team. Das für knapp zehn Millionen Euro erbaute St. Raphael am Felsele bietet neben den neun Mietwohnungen und den zwölf Tagespflegeplätze 48 Zimmer, die sich auf vier sogenannte Hausgemeinschaften verteilen. Nebenbei: Das Haus ist schon ein halbes Jahr nach der Einweihung randvoll belegt. Dabei hatte vor Jahren eine kommunale Bedarfsplanung ermittelt, dass das gar nicht so sein dürfte.

Die Hausgemeinschaften funktionieren tatsächlich wie WGs. Die Zimmer sind um einen zentralen Raum herum angeordnet, der die gute Stube für alle bietet, mit Küche und genügend Platz, um beim Essen gemeinsam oder in Gruppen zu sein. Wer allein sein will, kann sich zurückziehen. Umsorgt werden die jeweils zwölf Männer und Frauen von Pflegekräften, die hier aber Alltagsbegleiter heißen. Denn es bleibt Raum und Zeit für Selbständigkeit, für Gegenseitigkeit, für Mittun. Angehörige sind willkommen, als Besucher und auch als tätige Begleiter in Gesprächen, als Vorleser oder als zusätzliche Stimme beim gemeinsamen Singen.

"Sie dürfen gerne wieder

kommen und mit uns Mensch-ärgere-dich nicht spielen"
Eine Bewohnerin zur Abgeordneten
Ist das betreute Wohnen im Erdgeschoss "die unabhängigste Form des Versorgtseins", wie es Kuhn-Schönbeck formuliert, kommen auch die Wohngemeinschaften dem Ziel nahe, dass Menschen gefördert und gefordert werden, damit der Aufenthalt möglichst lange den Charakter des Daheimseins behält. Mahlzeiten werden an Ort und Stelle zubereitet, "die Betreuerinnen kochen erstklassig", spendet eine Frau höchstes Lob.

Das Haus wird als Erweiterung des Seniorenzentrums bezeichnet, doch funktioniert es ganz für sich und könnte auch woanders stehen, kommen Kuhn-Schönbeck, Dorothea Kessler als vorsitzende Vertreterin der Beschäftigten des Seniorenzentrums auf die lange Suche nach dem richtigen Ort für den Neubau zu sprechen. Die Abgeordnete erfährt: Der beste Standort ist gefunden.

Das Modell wird, wie berichtet, von der Katholischen Hochschule Freiburg wissenschaftlich betreut. Es geht darum zu erfahren, wie es funktioniert, wenn ein stationärer Aufenthalt ambulant gelebt wird. Nach vier Jahren wird zu entscheiden sein, ob es eine Zukunft hat.

Schwarzelühr-Sutter, mit Sandra Uecker vom St.Raphael-Café und Markus Schlegel begleitet von zwei Stadträten, muss natürlich ein wenig erzählen aus ihrer Arbeit. Sie erntet ein Raunen, als sie vom Treffen mit dem Papst und dem Generalsekretär der Vereinten Nationen berichtet oder dass sie schon am Atomunfallort Fukushima war. Die Sprache kommt aber auf die Themen Alter und Ausbildung in der Pflege. Die Zahl der alten Menschen wird weiter und spürbar zunehmen. Deshalb liege eine Herausforderung darin, die Pflegeberufe aufzuwerten, hört man. Kuhn-Schönbeck plädiert für ein stärkeres Selbstbewusstsein.

Den Anlass dafür scheint das Haus zu haben, denn Dorothea Kessler bestätigt, dass man dank der Ausbildung, die schon immer über den Bedarf hinausging, keine Probleme kennt, Fachkräfte zu finden. Zurzeit sind 15 junge Leute in der Pflege- und zwei in der Hauswirtschaftsausbildung. Der gute Ruf der Ausbildung hat wohl schon wiederholt dazu geführt, dass Azubis aus anderen Einrichtungen nach St. Raphael gewechselt und hier, wo ihnen zusätzliche Angebote gemacht werden, ihre Lehrzeit beendet haben. "Wir lassen uns die Ausbildung und Qualifizierung etwas kosten, ohne dass es refinanziert wird", sagt Marco Kuhn-Schönbeck, "aber das ist es uns wert".

Viel wert war den alten Menschen der Hausgemeinschaft der Besuch aus Berlin. Eine Stunde Information, Teilhabe und kurzweilige Geselligkeit brachte er. Gerne haben sie sich unterhalten. Und es darf mehr sein: Wenn die Bundestagsabgeordnete mal wieder Zeit habe, wünscht sich eine Seniorin, "können Sie gerne wiederkommen und mit uns Mensch-ärgere-dich nicht spielen".