(Eine oder zwei) Metamorphosen

Merle Hilbk

Von Merle Hilbk

Mi, 27. April 2016

Titisee-Neustadt

Kunstforum Hochschwarzwald: Doppelausstellung zeigt Malerei von Marianne Klaus und Fotografie von Günther Hucklenbroich.

TITISEE-NEUSTADT. Es ist ein schlichter, unprätentiöser Titel, den das Kunstforum Hochschwarzwald für seine neue Ausstellung wählte: Metamorphose. Ein Titel, der vielerlei Interpretationen zulässt und im Kunstbetrieb daher oft so etwas wie eine Verlegenheitslösung ist, wenn es darum geht, verschiedene künstlerische Techniken und Sichtweisen unter einen Hut zu bringen.

Doch die Besonderheit liegt in diesem Falle im Detail – im Singular. Denn gefeiert wurde am Freitagabend eine Doppel-Vernissage, die an zwei Orten die Werke zweier Künstler präsentierte. Ein Singularwort also, das daraufhin deutet, dass es hier nicht um das Ergebnis, sondern um einen Wandlungsprozess geht.

Ein künstlerischer Prozess, von dem Marianne Klaus, deren Werk im Empfangsraum der Sparkasse vorgestellt wurde, berichtete: Von der Zeichnung habe sie sich immer mehr zur Acrylmalerei vorgetastet. Vor fünf Jahren habe sie die ersten Versuche gewagt, danach Kurse in der Kunstschule am Schluchsee und der Akademie für zeitgenössische Kunst am Bodensee besucht und seitdem frei mit Farbe und Materialien experimentiert.

Bei den in der Sparkasse präsentierten, großformatigen Bildern arbeitete die 70-jährige Lenzkircherin mit einer Sand-Schütttechnik, bei der sie zunächst den Bildgrund aufträgt, dann Quarzsand mit Binder mischt, anschüttet und dabei das Bild wahlweise dreht, kippt, hin- und her schüttelt, bis der Sand eine feine Maserung auf der Oberfläche hinterlassen hat. Auf die malt sie dann die Vordergrundmotive. Das Ergebnis ist ein feines Relief, das einem Strand bei Ebbe gleicht. Klaus gehe es um mehr als "zufällige, realistische Gestaltung", erklärte Inge Bottler bei der Einführung, die Klaus seit ihrer Schulzeit kennt, die beide gemeinsam in Freiburg verbrachten.

Schon damals habe sie das besondere Interesse an Kunst verbunden. Ein Interesse allerdings, aus dem Klaus im Gegensatz zu ihrer Freundin keinen Beruf machen wollte. Sie habe ja "noch andere große Interessen" gehabt. Die lagen – für eine junge Frau in den frühen 60ern ungewöhnlich – im Technischen. Als einer der wenigen weiblichen Studentinnen schrieb sie sich für Elektrotechnik ein und hängte später noch ein Betriebswirtschaftsstudium an.

Nach ersten Berufsjahren in Norddeutschland zog es sie, die, wie sie sagt, "während der Evakuierung kurz nach dem Krieg" in Dittishausen geboren wurde, zurück in den Schwarzwald. Bei Testo fand sie eine Stellung, machte Karriere – und bekam die Chance, ihre Bilder in den Firmenräumen öffentlich zu zeigen. In ihrer Freizeit engagierte sie sich im Kunstforum Hochschwarzwald, das sie mehrere Jahre leitete. Dort hängt auch der zweite Teil ihrer "Metamorphose"-Bilder.

Günther Hucklenbroich, dessen Ausstellung eine Stunde später in den Räumen des Kunstforums eröffnet wurde, ist mit seinen Fotografien den umgekehrten Weg gegangen. Der gebürtige Stuttgarter, Jahrgang 1937, war als gelernter Werbegraphiker und Werbefotograf Jahrzehnte lang mehr Präsentation von Produkten, Ereignissen und Firmen verpflichtet. Nach seiner Ausbildung an der Merz-Akademie in Stuttgart arbeitete er für Kaufhäuser und in der Unternehmenskommunikation, bis er seine eigene Firma in Stuttgart gründete. Nach dem Berufsleben zog es ihn 2012 aus familiären Gründen in den Hochschwarzwald. Und wie es der Zufall so wollte, lag die neue Wohnung in Sichtweite einer Institution, die seinen nächsten Lebensabschnitt entscheidend prägen würde: das Kunstforum. Überdies fand er nicht nur Freundschaften, sondern auch einen besonderen Zugang zur Landschaft des Schwarzwaldes, die er anfangs nur erwanderte, mit einem alten, in einer Versteigerung erworbenen Rucksack. Das wurde ihm aber, wie er sagt, "irgendwann zu eintönig", und so packte er Kamera und ein Notizbuch ein, in dem er seine Gedanken zu den Bildern festhielt, die ihm im Wald in den Blick fielen.

Zu einer Reihe toter Bäume, deren geborstene Stämme aus einer Wiese oberhalb des Raimartihofes aufragten, notierte er beispielsweise, dass er bei ihrem Anblick an "Die Wacht am Rhein" denke, ein Soldatenlied aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges. "So etwas haben wir früher in der Schule gelernt," sagte er lachend. "Aber weil diese Bäume ja nicht am Rhein standen, habe ich mein Bild später einfach ,Die Wacht’ genannt".

In den 18 Bildern der Ausstellung im Kunstforum, sagte Festredner Konstantin Sell, werde Totholz in "lebende Aussagen" verwandelt. Eine Verwandlung, die sich zunächst durch den Blick des Fotografen vollzieht, seine Perspektive und Auswahl, dann aber durch Hucklenbroichs Art der Bearbeitung: Am Computer entzieht er den Digitalbildern die Farbe, rechnet die Schichten auseinander und legt sie neu wieder übereinander. So erscheint aufgeschichtetes Brennholz als Pergament-Haut, ein in der Mitte abgeschnürter Stamm zu einem Wolkengebilde, ein Baumrest zu einer Caspar-David-Friedrich-Szenerie.

Die Ausstellung in Neustadt sei nicht seine erste, erzählte Günther Hucklenbroich – aber seine erste rein künstlerische. Eine intensive künstlerische Auseinandersetzung, die zum prägenden Bestandteil seines neuen Lebensabschnittes wurde. Kunst sei kein Lückenbüßer, sondern eine Notwendigkeit, sagte Kunstforums-Vorstand Rainer Mertens, der in seiner Rede auch seiner Vorgängerin für ihr zehnjähriges Engagement im Vorstand dankte. Karin Hessler habe bewusst gemacht, dass nicht allein das Interesse an der Kunst zähle, sondern vor allem das Interesse an ihrer Förderung.

Doppelausstellung "Metamorphose":

Im Kunstforum Hochschwarzwald (Salzstraße 16) noch bis 15. Mai samstags 16 bis 18 Uhr und sonntags 11 bis 13 Uhr; in der Sparkasse zu den Geschäftszeiten.