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18. Mai 2017

Ergebnis einer langjährigen Entfremdung

Der Freiburger SPD-Bundestagsabgeordnete Gernot Erler beleuchtet im Kurhaus Titisee die Hintergründe des deutsch-russischen Zerwürfnisses .

TITISEE-NEUSTADT. Die interessanten Dinge im Leben sind meist vor allen Dingen eins: fordernd. So war es auch mit dem Vortrag von Gernot Erler im Kurhaus von Titisee. Der SPD-Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Freiburg und ehemalige Staatsminister im Auswärtigen Amt referierte auf Einladung der Ökumenischen Erwachsenenbildung Titisee-Neustadt über den Konflikt zwischen Russland und dem Westen. "Russland verstehen. Von der Entfremdung zur Bedrohung der europäischen Friedensordnung" lautete der Titel. Und Erlers Vortrag hielt, was der Titel versprach.

Denn der 73-jährige, seit 2014 Russland-Beauftragter der Bundesregierung, erlag nicht der Versuchung einer Vereinfachung. "Man könnte aufgrund des Veranstaltungstitels meinen, dass da vorne ein naiver Russlandversteher, ja, ein Putinversteher vor Ihnen steht," hob er selbstironisch an. Seine Ausführungen waren so komplex wie der zugrunde liegende Konflikt. Gernot Erler erläuterte, dass dieser Resultat eines langjährigen Entfremdungsprozesses sei, der auf einer gegensätzlichen Interpretation der Handlungen der anderen Seite basiere.

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Die unterschiedliche Wahrnehmung beginne bei Politikern wie Michael Gorbatschow und Boris Jelzin. Während sie in Deutschland als Ermöglicher des Wandels und Beendiger des Kalten Krieges wahrgenommen würden, sähe sie man in Russland als Totengräber der Sowjetunion und Verantwortliche für das Nachwendechaos – aus dem Putin das Land befreit habe, der wiederum im Westen als Verhinderer einer demokratischen Entwicklung angesehen werde.

Was der Westen nach 1991 als aufrichtige Bemühung betrachtet habe, gute Beziehungen zu Russland aufzubauen, sei dort vielfach als Wahrnehmung wirtschaftlicher Interessen interpretiert worden. Zum Beweis für enge Kontakte würden oft geschäftliche Verbindungen aufgeführt. So heiße es, dass man Russland vertraue und daher ein Drittel seines Energiebedarfs von dort decke, und dass 350 000 Arbeitsplätze in Deutschland am Russlandgeschäft hingen. Auch in der Zivilgesellschaft habe sich viel getan: 100 Städte- und Hunderte von Hochschulpartnerschaften seien vereinbart worden. In Russland fürchte man eine Ausdehnung des Einflussbereich des Westens und der Nato. Es heiße, dass Amerika, das sich zunächst als Sieger des Ost-West-Konfliktes empfunden habe, mit Hilfe seiner Geheimdienste in Ländern der ehemaligen Sowjetunion Unruhe gestiftet und auch die farbigen Revolutionen gefördert habe, was der russische Präsident auf der Münchner Sicherheitskonferenz den Delegierten erregt vorgehalten habe.

Dass die Wahrnehmung so unterschiedlich sei, habe ihn überrascht, sagte Erler. In der Politik spreche man in diesem Zusammenhang von "diverging narratives", die auch die Vorgeschichte des Ukraine-Konfliktes kennzeichneten: Für die EU sei das Angebot einer privilegierten Partnerschaft an die Ukraine eher eine Art gewesen zu sagen, dass man sich eine echte Mitgliedschaft (noch) nicht vorstellen könne. Wladimir Putin dagegen habe das Angebot als Versuch aufgefasst, die Ukraine in die Arme des Westens und der Nato zu treiben. Erlers Konfliktanalyse war trotz ihrer Komplexität gut verständlich, was nicht zuletzt an einer guten Vortragsstrukturierung lag. Seine Sprache war wohltuend nüchtern, klassische Polit-Euphemismen fehlten an diesem Abend ganz.

Erler hat, bevor es ihn in die Politik zog, zehn Jahre lang an der Universität Freiburg als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Osteuropa-Institut geforscht. So ist es nicht verwunderlich, dass er beim Vortragsthema ganz in seinem Element war. Verträge, Abkommen, Jahreszahlen, Orte, Verhandlungsverläufe: Selten musste der 73-jährige einen Blick ins Manuskript werfen. Auch historische Hintergründe der russischen Positionen ließ er nicht unerwähnt, etwa die ideengeschichtliche Auseinandersetzung zwischen den Westlern und den Volkstümlern, sozialrevolutionären Bewegungen aus dem zaristischen Russland des 19. Jahrhunderts, deren Ideen bis heute das politische Denken in Russland beeinflussen. Das erforderte aufmerksames Zuhören.

"Danke für diesen temporeichen Vortrag", lobte Moderator Peter Ludorf den Gast, bevor er zur Diskussion aufforderte. In deren Verlauf ging Erler auch auf die im Programmtitel angedeutete Frage ein: "Befinden wir uns auf den Weg zu einer neuen Weltordnung?" Ja, lautete seine Antwort, die bipolare Weltordnung der Vorwendezeit sei im Begriff, sich in eine multipolaren zu verwandeln, in der Russland eine Rolle als Großmacht reklamiere. Ökonomisch sei Europa durchaus in der Lage, auch eine solche Rolle zu spielen, aber derzeit zu absorbiert von Problemen, um sie auch auszufüllen. Diese Uneinigkeit sei es, die ihm Sorgen bereite.

Autor: Merle Hilbk