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15. November 2013

"Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg"

BZ-INTERVIEWmit dem Rüstungsgegner und Buch-Autor Jürgen Grässlin, der die Veranstaltungsreihe "Frieden ist der Weg" in Neustadt eröffnet hat.

  1. Jürgen Grässlin Foto: Privat

TITISEE-NEUSTADT. "Frieden ist der Weg" heißt eine Vortragsreihe in Neustadt, zu der die Ökumenische Erwachsenenbildung Titisee-Neustadt einlädt. Rüstungsgegner Jürgen Grässlin machte den Auftakt. BZ-Redakteur Joachim Frommherz unterhielt sich mit dem Autor von "Schwarzbuch Waffenhandel".

BZ: Was ist ihr Antrieb, sich mit dem Thema Rüstungsindustrie zu beschäftigen?
Grässlin: Meine Recherchereisen führen mich seit langen Jahren in Länder, in denen mit deutschen Waffen oder in Lizenz nachgebauten Waffen unzählige Menschen verstümmelt, traumatisiert oder getötet wurden und werden. Allein durch Kugeln aus dem Lauf von Heckler & Koch-Waffen wurden – so meine Recherchen für das "Schwarzbuch Waffenhandel" – mehr als zwei Millionen Menschen erschossen. Ich reise nach Somalia, Kenia, Südafrika oder beispielsweise Türkisch-Kurdistan und spreche mit Überlebenden, mit Angehörigen Getöteter. Das Bewusstsein, Menschen wie diesen in Büchern eine Stimme geben zu können, ist mir ein Trost und Lebensaufgabe zugleich. Die Standardfrage lautet immer: "Warum macht ihr Deutschen das?"

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BZ: In ihrem aktuellen Buch treten sie vielen auf die Füße – Industrie, Banken, Politik. Wie waren die Reaktionen?
Grässlin: In 20 Täterprofilen – aus Rüstungsindustrie und Politik – gebe ich im "Schwarzbuch Waffenhandel" erstmals den Tätern Name und Gesicht. Sicherlich ist es für Frau Merkel und Herrn Kauder, Herrn Schröder und Herrn Steinmeier, Herrn Fischer und Herrn Westerwelle nicht leicht, als Toptäter der Politik biografiert zu werden. Bisher herrscht seitens der Biografierten, auch in der Rüstungsindustrie, Schweigen. Die Faktenlage ist klar, meine Analysen treffen zu, keine Unterlassungsverfügung liegt vor. Sie wissen warum: Deutsche Politiker und Rüstungsmanager machen sich mitschuldig am Massenmorden mit deutschen Kriegswaffen in den Empfängerländern, beispielsweise in Saudi-Arabien, Libyen oder Mexiko. Jede weitere juristische Auseinandersetzung mit mir brächte noch mehr Aufmerksamkeit.
BZ: Welche Eigenschaften gehören zu einem kritischen Buchautor dazu?
Grässlin: Als Autor von Büchern über die Rüstungs- und Autoindustrie oder die Bundeswehr sowie als Biograf von Jürgen E. Schrempp und Ferdinand Piëch benötigt man zweifelsfrei ein dickes Fell. Denn vielfach gehören Beschimpfungen und Bedrohungen zum Repertoire der Gegenseite. Dass ich abgehört wurde und werde, ist mir seit Langem bekannt. Schrempp, Zetsche und der Daimler-Konzern verklagten mich vor Gericht. Nach vier langen Jahren bekam ich vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe auf ganzer Linie Recht – in Deutschland gilt das grundgesetzlich verbriefte Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit. Als kritischer Autor benötigt man vor allem Rückgrat und Standhaftigkeit.
BZ: Im Mai ist ihr Werk "Schwarzbuch Waffenhandel" erschienen. Bis dato gibt es über 60 Termine für Lesungen. Überrascht Sie die große Resonanz?
Grässlin: Die bundesweit immense Resonanz und die große Nachfrage sind sensationell, gerade weil das Thema "Waffenhandel" kein leicht Verdauliches ist. Wer ein Buch darüber schreibt, dass alle bisherigen Bundesregierungen hemmungslos Exportgenehmigungen für Waffen an menschenrechtsverletzende sowie kriegführende Staaten erteilt haben und die Rüstungsindustrie wie auch Banken massiv profitieren, kann diesen Zuspruch allenfalls erhoffen. Sehr erfreulich ist auch, dass die Medien umfassend berichten, die Rezensionen äußerst positiv sind und sich das Buch bereits in der zweiten Auflage befindet.
BZ: Wie definieren Sie Frieden?
Grässlin: Frieden ist weitaus mehr als die pure Abwesenheit von Krieg. Frieden muss in allen gesellschaftlichen Ebenen gelebt werden. Dagegen ist Waffenhandel ein aktiver Beitrag zum Unfrieden auf der Welt. Deutschland gießt durch Rüstungsexporte Öl ins Feuer von Kriegen und Bürgerkriegen, zum die deutsche Rüstungsindustrie vielfach beide oder mehrere Konfliktparteien mit Kriegswaffen hochrüstet. Ich freue mich über jeden Menschen, der nach der Lektüre meines Buches das eigene Leben und Konsumverhalten reflektiert. Denn erfreulicher Weise haben wir als kritische Bürgerinnen und Bürger, als Käufer von Automobilen, als Kunden von Banken undundund weitaus mehr Einfluss, als der Gegenseite Recht sein kann. Auch hier gibt das "Schwarzbuch Waffenhandel" wichtige Tipps. Denn jeder von uns kann seinen Beitrag leisten für eine friedlichere und gerechtere Welt.

Jürgen Grässlin ist unter anderem
Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK). Des Weiteren ist er Mitbegründer und Sprecher der vor zweieinhalb Jahren ins Leben gerufenen Kampagne "Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel. Grässlin wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter auch der "Aachener Friedenspreis".

Autor: jfz