Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

10. Februar 2012 18:56 Uhr

Grossfeuer

"Hotel Bären": Der Brand hat alles zerstört – Hoffnung auf Neubeginn

Der Brand des "Hotel Bären" in Titisee hat Südbaden bewegt. Viel hat das Feuer nicht übrig gelassen, ein Abriss ist unumgänglich. Doch inmitten der Zerstörung hofft die Eigentümerfamilie Sauter auf einen Neubeginn.

  1. Foto: Dominic Rock

Die Fassade steht. Doch ein Blick dahinter genügt, die Wunde zu sehen, die das Feuer gerissen hat. Thomas Sauter sucht Halt. Sein Blick springt über die verkohlten Balken, zur Tapete, die sich in Wellen Richtung Boden schlägt, zum Deckenputz unter seinen Füßen (Fotos). Er hebt den Kopf. Sein Blick geht ins Leere. Eine kleine weiße Wolke pustet sich an seinen Lippen auf, mit Worten kann er sie nur schwer füllen. "Es ist ein Alptraum", presst der 47-Jährige hervor und saugt die minus elf Grad kalte Luft durch die Zähne in seine Lunge.

Auch sie hat an jenem Dezemberabend die schwarze Wolke fürchten gelernt, die das "Hotel Bären" in Titisee mit giftigen Gasen füllte. Thomas Sauter lotste Gäste durch die Gänge, als ihn ein Schwall traf. Der Qualm biss sich in Augen und Hals, eine schwarze Schicht legte sich über sein Gesicht – doch er funktionierte weiter. "Das Adrenalin." Erst später, als alle draußen waren, passten ihn zwei Rotkreuzler ab. Da hatte er schon schwarzen Schleim ausgehustet. Mit Verdacht auf Rauchgasvergiftung kam Sauter in die Heliosklinik. Er schlief nicht eine Minute. Pfleger fragten ihn, ob er es sehen wolle. Mit zittrigem Finger klickte er sich am Computer durch die Nachrichten, von Bild zu Bild. "Ich konnte kaum hinsehen."

Werbung


27. Dezember, 20.45 Uhr: Bei Rehrückenfilet, Wirsinggemüse und Gnocchi schlemmten sich 85 Gäste im Hotelrestaurant durch den Dienstagabend. Thomas Sauter legte in der Küche letzte Hand an Crème Karamell und Christstollenparfait. Gerade wollte er in den Speisesaal, als plötzlich der Alarm losbrach. Feuer, 1. Stock, Zimmer 116, zeigte die Brandmeldeanlage. Zusammen mit Vater Harald und Bruder Stefan hetzt Thomas die Treppe hinauf, im Gang schlug ihnen Rauch entgegen, das Zimmer stand in Flammen. Stefan Sauter wickelte im Treppenhaus den Löschschlauch von der Halterung, stellte sich dem Feuer entgegen. "Als der Rauch zu dicht wurde, bin ich über den Balkon aufs Flachdach geklettert", so der 45-Jährige. Dann durchbrachen schon Sirene und Blaulicht der Feuerwehr die Nacht.

Scheinbar unberührt vom Brand

Sechs Wochen später knatschen Thomas Sauters Schritte auf dem Teppich, die Fasern sind schwer und satt vom Löschwasser, von Regen und Schnee. Durch das aufgerissene Dach, dessen Balken schwarz und gebrochen in den Himmel ragen, bekommen sie immer neue Nahrung. Im Speisesaal des Traditionshotels haben sich die Lamellen des Parketts zu schienbeinhohen Wellen aufschlagen. Sauter tastet sich an der Wand die brüchigen Stufen der Treppe im Foyer hinauf. Eine mit Eisblumen geschmückte Glastür trennt Aufgang und Zimmer im ersten Stock. Sauter duckt sich unter einer Kabelschlange durch, streift sie mit dem roten Bauhelm, lässt sie in der modrigen Luft tanzen.

Zu Zimmer 116 wagt er sich nicht. Zu instabil sind Wände und Böden. Inmitten der schwarzen Schneise geht ein Zimmer ab, das mit der angebrochenen Wasserflasche auf dem Tisch und dem Kopfabdruck im lachsfarbenen Kissen unberührt scheint von Feuer und Rauch. "Zum Glück waren nur wenige Gäste auf ihren Zimmern", meint Sauter. Von den 87 Besuchern seien viele im Restaurant oder spazieren gewesen. "Vier Stunden später und es wäre womöglich ganz anders ausgegangen." Neben Sauter erlitten zwei Hotelmitarbeiter eine Rauchgasvergiftung, ein Koch verletzte sich am Fuß, ein Feuerwehrmann wurde von einem Wasserstrahl am Kopf verletzt. Drei Gäste rettete die Feuerwehr aus dem dritten Stock über die Drehleiter. Der Qualm hatte ihnen den Weg abgeschnitten.

"Jetzt ist wieder ein Fußboden durchgebrochen." Thomas Sauter
Thomas Sauter zieht die Schultern an und die Hände tief in die Ärmel seiner Winterjacke. Er friert, auch weil er so müde ist. Das Unterlid am rechten Auge ist entzündet, leuchtet rot aus dem blassen Gesicht. Er und sein Bruder tollten schon als Kinder durch diese Gänge. Stammgäste sahen die Sauter-Jungen aufwachsen und 2004 in die Fußstapfen der Eltern treten. "Es bricht ein Stück Erinnerung weg, ein Stück von einem selbst." Mit der Schuhspitze stupst er eine rote Christbaumkugel an. Sie ist heil geblieben.

Bis zum 27. Dezember lebten Thomas Sauter und seine beiden Kindern in einer ausgebauten Wohnung unter dem Dach. "Es wurde alles pulverisiert." Sein Notquartier hat er in einem Gästezimmer im Waldflügel bezogen. Der Anbau wurde durch das Löschwasser in Mitleidenschaft gezogen, blieb aber dank Brandschutztüren und dem Einsatz der Feuerwehr intakt. Seine Kinder wohnen beim Bruder im Nachbarhaus. Nachts hört Sauter oft wie es knarzt, rumpelt und kracht. "Dann weiß ich, jetzt ist wieder ein Fußboden durchgebrochen."

84-Jährige verschläft den Feueralarm

Die Feuerwehren Titisee-Neustadt, Kirchzarten, Hinterzarten, Löffingen Freiburg und Feldberg kämpften in jener Nacht mit 200 Mann gegen das Feuer. 65 Helfer des Deutschen Roten Kreuzes versorgten sie bei Minusgraden in einem Zelt mit Essen und warmen Getränken. "Die Holzbauweise bereitete Probleme, aber auch die vielen Zwischendecken und Zwischenwände", erläutert Alexander Widmaier, Kreisbrandmeister des Landratsamts Breisgau-Hochschwarzwald. Schienen die Flammen an einer Wand gelöscht, fraßen sie sich dahinter weiter durch das Gebälk.

An einer Sammelstelle auf dem Parkplatz registrierten 15 Hotelmitarbeiter die Hotelgäste. Gegen 21.30 Uhr war klar: Eine 84-Jährige aus dem 3. Stock fehlte. Zwei Feuerwehrmänner und Stefan Sauter rannten ins Haus, der Hotelier wies ihnen den Weg. Dort, wo sich die schwarze Wand vor ihnen aufbaute, musste Sauter warten – und warten und warten. Die Frau am Arm spuckte der Rauch die Retter wieder aus. Die 84-Jährige trug ein Nachthemd und einen Morgenmantel am Leib. Aber: "Es ging ihr gut", sagt Stefan Sauter leise. "Sie hatte den Alarm komplett verschlafen."

"Und dann wartet man. Und schaut, wie weit die Katastrophe geht." Stefan Sauter
Um 23 Uhr stand das Hotel komplett in Flammen. "Es hatte sich Rauchgas gesammelt, das durch das Feuer stark erhitzt wurde. Als Sauerstoff dazukam, entzündete sich das Gemisch", erläutert Widmaier. Stefan Sauter harrte die ganze Nacht am Hotel aus, brachte mit Hilfe der Stadt und Bürgermeister Armin Hinterseh die Gäste in anderen Häusern unter. "Und dann wartet man. Und schaut, wie weit die Katastrophe geht." Um 3.20 Uhr meldete die Feuerwehr: Brand unter Kontrolle, doch noch am Morgen dauerten die Löscharbeiten an. Da war auch Thomas Sauter wieder vor Ort. Er hatte sich selbst aus dem Krankenhaus entlassen.

Für die Gäste wurde in der Tourist-Info Titisee ein Krisenstab eingerichtet. "Einige wollten ihren Urlaub fortsetzen, andere nur schnell nach Hause", berichtet Romy Reiser, Teamleiterin der Tourist-Info. Per Mail fragten sie und ihre Mitarbeiter freie Zimmer bei Hotels im Hochschwarzwald ab. "Tourist-Info, Stadt, Feuerwehr, DRK – die Zusammenarbeit hat sehr gut funktioniert", lobt Stefan Sauter.

Der Abriss ist unumgänglich

Der stattliche Mann wirkt klein inmitten der Aktenordner. Sie haben in einem feuerfesten Tresor die Nacht im Altbau überstanden. Dort war die komplette Infrastruktur untergebracht: Technik, Heizung, Computer. In den Gästezimmern des Waldflügels haben Sauters ihre Büros eingerichtet, die improvisierte Verbindung ins Internet wackelt oft. Sie organisieren die Rücknahme von kiloweise Zucker, Mehl, Kaffee und zweieinhalb tausend Flaschen Wein. Stammgäste, die schon für 2012 gebucht haben, verweisen sie an andere Hotels in der Umgebung. Hotels, in denen mittlerweile 17 der 21 "Bären"-Angestellten arbeiten. Doch Thomas Sauter stellt klar: "Wir wollen alle wieder einstellen, so wir denn wieder eröffnen." Die Chancen stehen nicht schlecht. Mit der Versicherung gehe es gut voran, die genaue Schadenssumme stünde aber noch nicht fest. Sauters schätzen sie auf vier bis sechs Millionen Euro. Nach wie vor unklar ist, ob tatsächlich ein defekter Fernseher Brandursache ist.

Einen Satz hören die Brüder in diesen Tagen oft: "Da muss doch nur ein neues Dach drauf." Wer ihn sagt, hat nicht hinter die Fassade geschaut. Ein Abriss ist unumgänglich. Ein Schritt, der Sauters weniger schmerzt als der Anblick der Ruine. "Wir brauchen einen Schnitt. Es muss weitergehen." Stefan Sauter ist pragmatisch. Sein Bruder nickt und wendet blinzelnd den Blick ab.

"Sieh mal sein Herz. Es schlägt noch." Thomas Sauter
Sie rechnen damit, dass sie rund 40 Prozent der Kosten für den Wiederaufbau tragen müssen, um mit einem wettbewerbsfähigen Haus an den Markt zu gehen. "Da sind wir auf die Hilfe unserer Hausbank angewiesen", so Stefan Sauter. In den vergangenen Jahren sei viel Geld in die Modernisierung des Altbaus geflossen. "Und ein Brand bedeutet ja kein Schuldenerlass." Wie hoch ihre Belastungen sind, will er nicht verraten.

Im kommenden Jahr hätte der Bären 125. Geburtstag gefeiert. Jetzt hoffen Sauters im Sommer 2013 mit dem Neubar in Teilbetrieb gehen zu können. Der soll das Gesicht des alten "Bären" bekommen, aber auch "modern und leicht sein, gepaart mit dem Flair des Schwarzwalds", so Thomas Sauter. Neben dem von Oma gestifteten schmiedeeisernen Eingang, soll dort ein kleiner Teddybär einen Ehrenplatz bekommen. Denn als die Brüder nach dem Brand zum ersten Mal das zerstörte Traditionshaus betraten, lockte sie ein seltsames Blinken zur Treppe. Darunter: ein Leiterwagen voller Teddybären. Thomas Sauter griff nach dem Leuchten und zog einen weißen Bären mit Kurzschluss in der Batterie heraus. "Sieh mal Stefan sein Herz. Es schlägt noch."
Chronik
19. Mai 1888: Eröffnung des "Bären" durch Josef Isele. 19. März 1898: Iseles Erben verkaufen das Hotel an Louis Ganter, Brauereidirektor, und Otto Hüglin, Privatier aus Freiburg. 16. Mai 1900: Adolf Guth aus Falkau kauft das Hotel 19. März 1901: Das Ökonomiegebäude und die Dependance brennen bis auf die Grundmauern nieder. 1961: Wieder bedroht ein Brand den"Bären". Dank des Einsatzes der Familie Guth und des Personals wird er rechtzeitig gelöscht. 1. April 1970: Alfred Guth verkauft den "Bären" an die Heidelberger Gastronomen Adam und Harald Sauter. 25. Februar 1982: Spatenstich für den Bau des Waldflügels. 2004: Die Söhne Thomas und Stefan Sauter übernehmen die Leitung des Hotels.

Mehr zum Thema:

Autor: Alexandra Sillgitt