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28. Juli 2014 12:50 Uhr

Schwarzwald-Mythos

Das Rätsel um den Schatzstein in Todtnauberg ist gelüftet

Also doch: Es stimmt, was Schwarzwälder Schatzjäger stets vermutet hatten. Die Inschriften auf dem Todtnauberger Kreuzfelsen führen zu einem Schatz. Allerdings nicht zu vergrabenen Kisten mit Gold.

  1. „Schatzkarte“ Schatzstein: Links die Erläuterungen, rechts die Ortsangaben. BZ Foto: Werner Störk

  2. Der Schatzstein Foto: Privat

  3. Werner Störk Foto: André Hönig

"In der Nähe des Todtnauer Wasserfalles liegt ein mächtiger Felsblock, der merkwürdige eingemeißelte Zeichen trägt. Man nennt ihn den Schatzstein. Diese Zeichen sollen die Maße sein, aus denen man die Lage eines Geldschatzes erkennen könne, der zur Zeit des französischen Einfalls um 1795 vor den Feinden auf der Flucht vor den Österreichern vergaben wurde. (...) Seitdem ist schon oft (...) dort selbst gegraben worden. Den Geldschatz aber hat noch niemand gefunden."

Diese Erzählung von Theodor Humpert in der Todtnauer Chronik (1959) ist beileibe nicht die einzige, die sich um den Stein rankt, der eigentlich Kreuzfelsen heißt, unter dem Namen Schatzstein aber zu einem Mythos im ganzen deutschsprachigen Raum geworden ist. Bereits im Badischen Sagenbuch 1899 taucht diese Version auf. Doch kursier(t)en auch andere Sagen. Etwa, dass hier ein Schatz aus dem Schwedenkrieg verbuddelt sei. Andere Erklärungen kreisen darum, dass dies ein keltischer Kultplatz sei.

Rätsel für die Forschung

15 Zeichen sind auf der Stirnseite des vier Meter hohen und 80 Tonnen schweren Brockens eingemeißelt. Was sie bedeuten, darüber rätselten (mindestens) 160 Jahre lang nicht nur Schatzjäger und Historiker. Selbst professionelle Forscherteams aus der Bergbau-Fachwelt kamen an ihre Grenzen.

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Erst die vom Schopfheimer Werner Störk geleitete ehemaligen Schülerforschungsgruppe Minifossi AG gelang der Durchbruch. Auf den Schatzstein waren sie in den 90er Jahren im Rahmen des Forschungsprojekts "Schwarzwaldgold" gestoßen.
Wie liest man die Karte?

Die Meißelmarken und Zeichen auf der linken Seite (Ziffern 1-4) des Steins sind die Legende. Die rechte Seite (5-10) ist die eigentliche kartografisch absolut exakte Karte im Maßstab 1:5000.
1 Diese 3 Zeichen stehen für 3 Stollen: Gauch 1, Gauch 2 und Hangloch 1
2 Diese zwei Kreuze geben an, wie die Mineralienschichten verlaufen sowie den Richtungsverlauf der Stollen.
3 steht für einen beim Erdbeben 1356 eingebrochenen Stollen (siehe 7)
4 steht für den Schönenbach und der einzelne Punkt für den Messpunkt.
5 steht für den Radschert und zugleich für den nördlichsten Messpunkt.
6 zeigt die Stelle der jetzt zufällig von Störk wiederentdeckten Stollen beim Ennerbach.
7 gibt die genaue Lage des eingebrochenen Hanglochstollens an.
8 gibt die Lage des Stollens Gauch 1 an
9 gibt den Stollen Gauch 2 an
10 gibt den Mühlenboden als südlichsten Messpunkt an

Auf der Suche nach Hinweisen auf Goldgewinnung wurden geologische Spuren, aber auch Flur- und Gewässernamen sowie 14.000 Sagen untersucht. So geriet der Schatzstein in ihren Blick. Dieser liegt südlich von Todtnauberg und östlich des Wasserfalls am Roßweg, der alten Verbindung zwischen Todtnau und Todtnauberg – inmitten des alten Bergbaureviers von Todtnauberg also, in dem vom 13. bis 16. Jahrhundert Silber gewonnen wurde. Ganz in der Nähe sind die alten Gauchgruben. Gauch 1 liegt in der Kurve der Landesstraße 126 (Pfad zu den Wasserfällen), Gauch 2 neben dem Brunnenhaus "Zur Knappenquelle". Weitere Stollen in direkter Nähe sind unter der Bezeichnung "Hangloch" überliefert.

"Todtnauberg besitzt mit dem Schatzsein ein montanhistorisches Zeugnis, das mit nichts zu vergleichen ist." Werner Störk
Ein Zusammenhang mit Bergbau lag also auf der Hand. Aber welcher? Als entscheidender Durchbruch erwies sich da eines Tages die Überlegung, das Radsymbol rechts oben als geografischen Hinweis auf den "Großen Radschacht" (heute Radschert), einem Erzgang oberhalb des Teilortes Büreten zu deuten. Ausgehend davon kamen die Minfossi, die sich ab 2004 drei Jahre intensiv dem Stein widmeten, zu erstaunlichen Ergebnissen, die die montane Fachwelt aufhorchen ließ.

Nach und nach schien sich ihre Theorie zu bestätigen, dass dies eine 500 Jahre alte Bergbaulandkarte ist. Exakt vermessen im Maßstab 1:5000, gibt sie in Nord-Südrichtung die Standorte von Stollen an – und liefert Erläuterung in der Sprache der Bergbauvermesser gleich mit. Bergbaugeschichtlich eine Sensation. Belegt diese Hinterlassenschaft doch nicht nur hohes Können und Wissen jener historischen Bergvermesser, die man Schiner nannte (ihr Messstab hatte die Form einer Schiene). Sie beweist auch, dass schon um 1500 Kompasse verwendet wurden. Aber warum wurde die Karte eingemeißelt? "Möglicherweise, um vor dem Hintergrund der Pestwellen zu gewährleisten, dass das Wissen nicht verloren geht", vermutet Störk. Das Ziel wurde indes verfehlt. Das Wissen ging verschütt und wäre ohne Fügung des Schicksals wohl weiter im Dunklen geblieben.

Der glückliche Zufall

Zwar überzeugte die mathematisch-geometrische Interpretation der Karte durch die Minifossi AG selbst letzte Zweifler. Doch zwei der 15 Zeichen konnten Störk und sein Team nicht zuordnen – sie machten ihnen buchstäblich einen Strich durch die Rechnung. Stollen nämlich schien es dort nicht zu geben. Bitter für Störk und die Minifossi: Ihnen fehlte das letzte Mosaiksteinchen zur absoluten wissenschaftlichen Beweisführung. Der Schatzstein aber ging Störk nicht aus dem Sinn. Und vielleicht war es gerade diese Ausdauer, die Glücksgöttin Fortuna letztlich belohnte. Das war jetzt im Januar beim Winterurlaub der Störks in Ennerbach. Beim Frühstück wirft Störk einen Blick aus dem Fenster auf die verschneite Landschaft. Plötzlich fällt ihm auf, dass südlich vom Bach auf einem recht klar begrenzten Areal der gesamte Schnee weggetaut war. Störk schaut sich das genauer an. Zwei Vertiefungen zeichnen sich ab. Was könnte das sein?

Störk weiß: Alte Stollen wurden einst über ein Luftströmungssystem belüftet. Das bewirkt, dass selbst heute noch wärme Luft aus dem Inneren nach oben gelangt, auch wenn die Zugänge verschüttet sind. Logische Folge davon: Im Winter bei kalter Außentemperatur schmilzt der Schnee und es entsteht ein "Abbild" der einstigen Stolleneingänge.

Zwei bislang unbekannte Stollen

Was Störk an jenem Januartag vermutete, wurde dann schnell Gewissheit: Tatsächlich befinden sich hier in diesem Bereich der Scheuermatt, der übrigens "Erzbrust" heißt, wie auf dem Schatzstein angegeben, zwei bislang unbekannte Stollen. Für Störk ein besonderer Moment: Das letzte fehlende Puzzleteil – nach mehr als zehn Jahren Forschung ist es endlich gefunden. "Damit kann nach 500 Jahren diese in Stein gehauene Bergbaukarte erstmals wieder komplett richtig gelesen werden", freut sich Störk, der "überglücklich" ist, "das Kapitel Schatzstein endlich erfolgreich abschließen zu können."

Wobei er sich diesen Erfolg nicht allein ans Revers heftet. Ausdrücklich dankt er den Todtnauer Bergbauexperten Benno und Roland Dörflinger, Todtnaubergs Ortsvorsteher Arthur Strohmenger und dem Verein "Kulturhaus Todtnau" für deren Unterstützung. Gelohnt hat sich das Lösen des Schatzsteinrätsels allemal, auch wenn kein Gold aus der Tiefe gehoben wurde. Störk ist überzeugt, dass sich diese wissenschaftliche Erkenntnis auf die Bergbaugeschichte des gesamten deutschsprachigen Raum auswirkt – und Todtnauberg damit noch etwas berühmter macht. "Todtnauberg besitzt mit dem Schatzsein ein montanhistorisches Zeugnis, das mit nichts zu vergleichen ist", sagt Störk. Allein das mache ihn zu einem Schatz.

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Autor: André Hönig