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04. Mai 2012 20:21 Uhr

Industriezweig im Schwarzwald

Die Bürstenmacher von Todtnau

Seit knapp 250 Jahren werden in der Schwarzwaldstadt Todtnau Bürsten hergestellt – allen Krisen zum Trotz. Der Maschinenbauer Zahoransky ist Weltmarktführer. Doch auch das Handwerk lebt.

  1. Die Firma Zahoransky produziert seit 1902 Maschinen zur Bürstenherstellung, das Familienunternehmen ist Weltmarktführer. Foto: ZAHO/Smileus (Fotolia.com)/Bloedner

Eine ruhige Hand ist Voraussetzung. Friedrich Busse nimmt das Bündel Dachshaar, teilt es in der Mitte und führt es langsam zum Hölzle. Durch ein vorgestanztes kleines Loch schiebt er von hinten den Draht durch das Holz, legt das Bündel mittig in die Schlaufe, zieht es in das Loch ein und fixiert es. Bündel für Bündel. Geübte Bürstenbinder schaffen 300 Bündel in der Stunde. Zum Schluss werden die Borsten mit einer riesigen Schere begradigt, fertig ist eine Bürste, mit der man Computerbildschirme vom Staub befreit.

Busse macht es so, wie es schon die Arbeiter im 19. Jahrhundert in den ersten Manufakturen oder zu Hause in Heimarbeit getan haben – lange bevor die Maschinen aus dem Hause Zahoransky oder Ebser kamen, lange bevor Todtnau für einige Jahrzehnte zur Bürstenhauptstadt Deutschlands werden sollte. Und lange vor der Krise in den 1980er-, 1990er-Jahren, als die Bürstenindustrie im Oberen Wiesental wegen der Billigkonkurrenz aus Fernost am Rand des Zusammenbruchs stand.

Das Bürstenbinden in den Tälern hat Tradition

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"Ich bin einer der Letzten meiner Art", sagt Busse. Geboren in Zürich, begann der heute 72-Jährige 1955 in Hannover die Lehre als Bürsten- und Pinselmacher. Er kam 1958 nach Todtnau zur Firma Faller und wechselte wenige Jahre später zur Firma Dietsche in den Ortsteil Aftersteg – zu jener Firma, die durch ein Patent für einen zusätzlichen Bürstenring am Stiel der Klobürste erfolgreich wurde und jedes deutsche Kaufhaus belieferte. Dietsche ist ein großer Name aus vergangenen Zeiten. Die Bürstenfabrik gibt es seit zehn Jahren nicht mehr. Heute zeigt Busse sein Handwerk auf Wochenmärkten oder Messen, so von Mittwoch an auf der Branchenschau Interbrush in Freiburg.

Das Bürstenbinden in den Tälern unterhalb des Feldbergs hat Tradition. Es ist eng mit dem Namen Leodegar Thoma verknüpft – neben dem Erfinder der Dauerwelle Karl Ludwig Nessler (1872–1951) ein prominenter Sohn Todtnaus. Die Bürste hat der Müllergeselle Thoma zwar nicht erfunden, das waren wohl die alten Ägypter. Aber er war der Erste, der vormachte, wie eine Bürste in Arbeitsteilung zu fertigen ist, damals im Jahr 1770. Thoma war genervt vom Mehl auf dem Boden. Um das tägliche Zusammenkehren einfacher zu machen, entwickelte er aus einem Stück Buchenholz und Schweineborsten einen Feger. Wenig später begann er mit der Fertigung für den Verkauf.

Vom Aufstieg und der Krise einer Branche

1772 schaffte er den Durchbruch. Es kam ein Riesenauftrag von einem in Freiburg stationierten österreichischem Reiterregiment. Thoma musste für die Produktion der Pferdebürsten Mitarbeiter einstellen. In und um Todtnau, das im Mittelalter für den Silberbergbau bekannt war, entstand ein neuer Industriezweig. Im Jahr 1815 gab es in Todtnau selbst 42 Haar- und 14 Bürstenbinder sowie 29 Bürstenhändler. In der nahen Umgebung waren 26 Familien mit dem Hölzlemachen und als Bürstenbinder beschäftigt, berichtet der Chronist Benno Dörflinger. 1840 gründete Fridolin Wissler die erste Fabrik. Sie wurde Ende des 20. Jahrhunderts von einem spanischen Unternehmen übernommen, ausgeschlachtet und ging vor fünf Jahren unter.

In den leeren Hallen will der Verein Kulturhaus ein Museum einrichten. Zu erzählen gibt es genug vom Aufstieg und der Krise einer Branche.

Vor 50 Jahren beschäftigten 13 Firmen in Todtnau 1029 Mitarbeiter, hinzu kamen etwa 500 Heimarbeiter. "Fast jede benutzte Zahnbürste in Deutschland kam zu dieser Zeit aus Todtnau", sagt Monika Schneider vom Kulturhaus etwas wehmütig.

Bürstenbranche hat noch fünf Betriebe

Vor kurzem war der Fernsehsender SWR in Todtnau. Er zeichnete das Bild einer sterbenden Stadt – Verlust von Jobs, Landflucht, Hoffnungslosigkeit. "Ein viel zu düsteres Bild", findet Bürgermeister Andreas Wießner. Man bleibe attraktiv für die knapp 5000 Bewohner und für die Touristen. 1891 wurde hier der erste deutsche Skiklub gegründet, jedes Jahr kommen 75.000 Gäste nach Todtnau, der Fremdenverkehr spült der Stadt 51 Millionen Euro netto in die Kassen.

Heute hat die Bürstenbranche noch fünf Betriebe mit 400 Mitarbeitern. 260 davon beschäftigt die Zahoransky Group. Das 1902 gegründete Familienunternehmen ist in Todtnau geblieben und hat vor zehn Jahren ein neues Fabrikgebäude im Ortsteil Geschwend bezogen: Schwarzwald-Idylle wie auf einer Postkarte, die imposanten Gehöfte vor der Halle dienten schon als Kulisse für den Film "Schwarzwaldmädel" aus dem Jahr 1950, der 16 Millionen Besucher in die deutschen Kinos brachte.

Hightech aus dem Schwarzwald

Heute gibt es in Geschwend Hightech aus dem Schwarzwald. Zahoransky stellt Maschinen für die Bürstenindustrie her, die Kunden kommen aus der Region, aus Europa und immer mehr aus China und anderen Schwellenländern. Die Interbrush ist ein wichtiger Termin. Die neue Maschine zur Herstellung von Besen hat den Namen Z.Tiger, wird von einem Menschen bedient und kostet 400.000 Euro. Das Prinzip ist das gleiche wie damals. Es werden Löcher in das Holz gebohrt, die Borsten aus Kunststoff hineingestopft, fixiert und abgeschert. Allerdings geht es schneller als beim Bürstenbinder Busse: Die Stopfgeschwindigkeit beträgt 1200 Bündel pro Minute.

Zahoransky ist Weltmarktführer, setzte im Rekordjahr 2011 etwa 70 Millionen Euro um und beschäftigt weltweit 600 Mitarbeiter. Firmenchef Ulrich Zahoransky stellt der deutschen Bürstenindustrie, also seinen Kunden, ein gutes Zeugnis aus. "Die Betriebe haben investiert und schon früh auf Automation gesetzt. Das hat die Kosten gesenkt. Sie sind konkurrenzfähig geblieben."

Ähnlich Töne kommen von Gerhard Pötsch, Chef der Schönauer Firma Interbros, die 1996 von Todtnau einige Kilometer talabwärts gezogen ist: "Zahnbürsten aus Fernost können sich am deutschen Markt wegen schlechterer Qualität und Hygiene nicht durchsetzen." Interbros, ein 185 Jahre altes Unternehmen mit 150 Mitarbeitern, wurde 2011 von der chinesischen Sunstar Group übernommen – Hilfe statt Konkurrenz aus Fernost. "Wir blicken positiv in die Zukunft und stellen Leute ein", sagt Pötsch. Eine sterbende Branche sieht anders aus.
Interbrush
Die internationale Bürstenbranche blickt vom 9. Mai an nach Freiburg. An diesem Tag wird die Interbrush eröffnet, die alle vier Jahre im Breisgau stattfindet. Sie ist die weltweite Leitmesse für Maschinen und Materialien, die man zur Herstellung von Bürsten, Pinseln oder etwa Farbrollern braucht. Endprodukte werden nicht präsentiert. Zum ersten Mal fand die Messe im Jahr 1977 unter dem Namen Interbrossa mit 50 Ausstellern statt, Initiator war der Verleger Rainer Grüb. Es werden 7000 Fachbesucher aus 90 Ländern erwartet, 200 Aussteller sind präsent. Die Messe dauert bis zum 11. Mai.

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Autor: Dominik Bloedner