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08. November 2017 12:00 Uhr

BZ-Leser erinnern sich ans "Todtnauerli"

Einer hat die Entgleisung miterlebt, andere erinnern sich an schwere Luftangriffe

Zeitzeugen erinnern sich an die Schmalspurbahn durch das Obere Wiesental: In Zeitzeugenberichten finden sich viele spannende Geschichten über das "Todtnauerli".

  1. Am Bahnhof Utzenfeld waren viele der Zeitzeugen unterwegs. Foto: Archiv Benno Dörflinger

  2. Xaver Schwäbl stieg hier am Bahnhof Zell zum ersten Mal ins „Todtnauerli“. Foto: Archiv Benno Dörflinger

  3. Der Utzenfelder Bahnhof stand dort, wo heute die Gemeindehalle steht. Foto: Archiv Benno Dörflinger

  4. Richard Böhler war Bürgermeister in Utzenfeld und Schönau. Foto: Ulrike Jäger

  5. Erich Leberer hat sogar die Entgleisung des Triebwagens 1928 miterlebt. Foto: Ulrike Jäger

  6. An das Todtnauerli auf seinem Weg durchs Obere Wiesental erinnern sich viele lebhaft. Foto: Hubert Döbele

Das "Todtnauerli" ist aus der Landschaft im Oberen Wiesental so gut wie verschwunden. Im Gedächtnis der Bevölkerung dagegen ist die 1967 – also vor rund 50 Jahren – stillgelegte Schmalspurbahn aber noch sehr lebendig. Die BZ hat in ihrer Serie "50 Jahre Stilllegung Todtnauerli" dazu aufgerufen, Erinnerungen an die Bahn wachzurufen. Das
Ergebnis ist eine wundervolle Sammlung von Erzählungen.

Erich Leberer aus Todtnau war sogar dabei, als der Benzoltriebwagen des Todtnauerlis 1928 entgleiste. Bei dem Unfall zwischen Atzenbach und Mambach saß er mit seiner Tante im Zug. Unverletzt hätten sie das Unglück überlebt, erzählt der Senior, die sogenannte "Spitzmaus" sei wegen schlechter Laufeigenschaften des Triebwagens entgleist, so Leberer. Der im Januar 1925 geborene Todtnauer Erich Leberer verlor seine Mutter kurz nach seiner Geburt und kam in Pflege zu seiner Patentante Emma Gottstein nach Schlechtnau. Als er sechs Jahre alt war, kam er zurück zum Vater und den drei Brüdern und in die Grundschule nach Todtnau. Auch für Schulausflüge hätten sie später die Bahn benutzt, und als der Tourismus begann und es noch kaum Autos gab, seien sehr viele Gäste mit der Bahn nach Todtnau gefahren. Es habe immer "Mordsbetrieb" geherrscht am Bahnhof, auch dann, wenn die Schweizer vor allem im Winter kamen, um dann weiter auf den Feldberg zu laufen. Gern erinnert er sich an die Fahrten mit dem Bähnle, als er als junger Mann seine erste Freundin in Schönau abholte, um mit ihr nach Todtnau ins "Filmtheater" zu gehen. Und als Jungs hätten sie gerne in der Lokomotivwerkstatt zugeschaut, wie die Mechaniker gearbeitet haben, erinnert sich Leberer an die alten Zeiten.

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» Richard Böhler ist einer von zwei noch lebenden Bürgermeistern an der Strecke des Todtnauerlis, der andere ist der ehemalige Zeller Bürgermeister Bernhard Lederer. Gut kann sich der Schönauer Altbürgermeister Böhler an die Zeremonie des "Begräbnisses" der Bahn erinnern, als die Schönauer Stadtmusik mit Frack und Zylinder im Oktober 1967 in den Todtnauer "Ochsen" zog, in dem damals die Beerdigungszeremonie "mit Trauerreden und allem Drumherum" abgehalten wurde. Böhler, der gebürtige Utzenfelder, lenkte die Geschicke der Stadt Schönau von 1977 bis 1993. Doch nicht nur die, seit 1959 hatte sich Böhler mit jungen Jahren in seinem Heimatort Utzenfeld kommunalpolitisch engagiert und war dort von 1964 bis 1980 ebenfalls Bürgermeister. Und in Utzenfeld befand sich der größte Güterbahnhof im Wiesental, wie sich der heute 89-Jährige erinnert. Holz- und Flussspatladungen kamen von Bernau oder Wieden, es sei der "größte Umschlagplatz" hierfür gewesen. In Schönau habe es im Herbst 1944 einen Luftangriff auf den Schönauer Bahnhof und die gegenüberliegende Brauerei Riegeler von Tieffliegern gegeben, hierbei kam der Seniorchef Rainhard Strütt ums Leben. Richard Böhler war damals als 16-Jähriger mit der Utzenfelder Feuerwehr im Einsatz. Aus der Wiese wurde das Wasser entnommen, um das "Klösterle" vor dem Funkenflug zu schützen, denn die Brauerei habe lichterloh gebrannt. Am Anfang der Diskussionen um den Erhalt der Bahn habe auch er sich in seiner Zeit als Utzenfelder Bürgermeister dafür ausgesprochen, das Bähnle zu erhalten, doch sei er später zu dem Schluss gekommen, dass die Bahn unwirtschaftlich und auch wegen der vielen Bahnübergänge über die Bundesstraße nicht mehr tragbar gewesen sei. Auch habe es beim Übergang in Schönenbuchen einen Todesfall gegeben, erinnert sich Richard Böhler. Als unsolidarisch habe er jedoch die damalige Entscheidung der Stadt Schönau empfunden, die sich nicht mit einer Mark am Defizit der Bahn beteiligen wollte, wie es alle anderen Gemeinden an der Bahnstrecke tun wollten. Nach dem Ende der Bahn sei Utzenfeld die erste Gemeinde gewesen, die das Bahnhofsgelände sofort gekauft hat. Heute stehen in Utzenfeld an der Stelle des Bahnhofs die Gemeindehalle und der Kindergarten. Außerdem habe man damals für eine Mark pro Quadratmeter Baugrundstücke verkauft, erinnert sich der Altbürgermeister. Karl-Heinz Rümmele: "Durch den Schulgarten in Atzenbach sind wir als auf die hintere Freifläche auf den Wagons des Triebwagens oder der Lok bis kurz vor dem Atzenbacher Bahnhof gesprungen", erinnert sich Karl-Heinz Rümmele aus Häg-Ehrsberg. "Vor dem Bahnhof sprangen wir wegen des Stationsvorstehers ab. Wir legten oft Pfennigstücke auf die Gleise. Welches Stück größer war, wenn der Zug darübergefahren war, gewann." Bei der Fahrt durch den Hepschinger Tunnel schrien Rümmele und seine Kameraden damals "ganz laut", um die anderen Fahrgäste zu erschrecken. "Ich kann mich an einen tödlichen Unfall an der Kreuzung vor der Brücke auf der Spani in Atzenbach erinnern. Ich kam gerade mit meinem Vater vom Wandern heim, als es kurz zuvor geschehen war. Ich konnte noch die einzelnen Leichenteile sehen, wie sie in den Handwagen verstaut wurden." Schöne Zeiten habe er mit dem Todtnauerli erlebt. "Schön war es früher anzusehen, wenn die Dampflok mit Volldampf die Güterwagen hinter sich herzog."

» Xaver Schwäbl erinnert sich noch an seine erste Fahrt mit dem Todtnauerli am 30. April 1962: "In Zell musste ich von der Bundesbahn in die über den Gleisen wartende Kleinbahn umsteigen. Es stiegen auch mehrere Schüler zu. Mir gegenüber hatte eine etwa 60-jährige Frau Platz genommen. Während das romantische Zügle sich in Bewegung setzte, holte diese Frau aus ihrem Rucksack eine Tabakspfeife und begann zu rauchen. Ich kannte das Wiesental nur flüchtig und war über die Gepflogenheiten der Talbewohner durchaus nicht informiert. Ob hier wohl alle Frauen Pfeife rauchen, ja vielleicht sogar die Hosen anhaben?, fragte ich mich. Mir schwante jedenfalls nichts Gutes. Als dann das Tal immer enger wurde und das Zügle auch noch im dunklen Fröhnder Tunnel verschwand, sah ich meine Zukunft als Junglehrer schon vor dem ersten Tag meines Schuldienstes von dunklen Mächten bedroht. Gott sei Dank weitete sich in Schönau das Tal, und als ich dann im Schneetreiben in das schöne Dörfchen Utzenfeld einfuhr, war die Beklemmung freudiger Erwartung gewichen. Übrigens: Die Frau im Todtnauerli war gar keine Frau. Es war der so genannte "Giggs", ein Mann, der aus Protest gegen den Krieg – oder auch nur wegen einer Laune der Natur – in Frauenkleidern umherwandelte. Er wohnte im Rathaus des Bergdorfes Pfaffenberg und schlug sich mit dem Malen von Bildern so recht und schlecht durchs Leben."

Edith Walter hütet warme Erinnerungen aus früher Kindheit an das Todtnauerli: 1938 in Freiburg geboren, wohnte sie mit ihrer Familie bis 1946 in Schönau. So war sie schon im Kindergartenalter mit dem Todtnauerli unterwegs – und zwar ohne erwachsene Begleitung: Ihr Onkel hatte eine Gärtnerei in Zell, und dort holte sie im Auftrag ihrer Mutter zuweilen frische Setzlinge für den Garten. Einfach war die Einrichtung des Zuges mit seinen Holzbänken, und gemächlich das Tempo: "Blumen pflücken während der Fahrt verboten", erinnert Edith Walter sich an ein von liebevollem Spott geprägtes Sprüchlein aus jener Zeit. Steter Begleiter des Todtnauerlis war die schrille Glocke, die der Lokführer immer wieder ertönen ließ: Die Schienen mäanderten zum Teil über die Straße, Schranken indes gab es damals nicht, so dass das Schrillen als Warnung für den übrigen Verkehr herhielt. In guter Erinnerung ist Edith Walter die Rücksichtnahme, die Schaffner und weitere Bahnangestellte ihrem als Justizinspektor am Schopfheimer Amtsgericht tätigen Vater gegenüber an den Tag legten. Dieser litt nach einem Sportunfall an einer Gehbehinderung. Um ihm den Umstieg von der aus Schopfheim kommenden Wiesentalbahn aufs Todtnauerli am Zeller Bahnhof etwas zu erleichtern, durfte der Vater die Abkürzung über eigentlich gesperrtes Bahnareal nehmen. Vor allem aber wartete das Todtnauerli zuverlässig, bis der Vater den Anschlusszug erreicht hatte: "Der Schaffner lief jedes Mal an der Bahn entlang und fragte, ob der Herr Haselwander da sei. Erst wenn das bestätigt wurde, fuhr das Bähnchen ab", schildert Edith Walter. Und wenn die Bahn in Kriegszeiten gar nicht fuhr, wurde der Vater auch mal im Milchwagen mitgenommen. Neben solchen Erinnerungen der Mitmenschlichkeit verbindet Edith Walter mit dem Todtnauerli auch bedrückende Szenen und Bilder. Die Züge etwa, die in den Abendstunden nur mit blauem Licht erleuchtet wurden, um dem Gegner für seine Luftangriffe kein strahlendes Ziel abzugeben, oder den Fliegerangriff auf den Schönauer Bahnhof, den sie gemeinsam mit den anderen Kindergartenkindern auf einem sommerlichen Waldausflug erleben musste. "Die Detonation war so heftig, dass wir Kinder im Wald umgestoßen wurden; dann haben wir die Flammen gesehen." Dem Fuhrmann, der bei dem Angriff ums Leben kam, waren die Kinder kurz zuvor noch begegnet, als er sein mit Fässern beladenes Pferdefuhrwerk zum Bahnhof lenkte. "Schlimm war es, als wir im Nachhinein den Zusammenhang herstellten", erinnert sich Edith Walter. 1951 zog sie nach Schopfheim; dort wohnt sie bis heute.

» Helga Kuhar: Für die 65-jährige Helga Kuhar aus Schopfheim war das "Todtnauerli" in ihrer Kindheit die direkte Verbindung in die Ferien: In Steinen aufgewachsen, waren die Ferien bei der "Gotte Anna" in Atzenbach, und allein die Bahnfahrt dorthin, für das Mädchen ein Abenteuer. Anfangs noch von der Mutter in die Oberwiesentäler Urlaubsfrische begleitet, machte sich das Mädchen ab acht, neun Jahren allein auf den Weg mit Wiesentalbahn und Todtnauerli. Die Gotte wohnte in Atzenbach direkt an der Bahn: Eine Treppe zum Haus hinaus, ein kleiner Garten, und dann schon die Gleise: "Auf der Treppe sind wir im Sommer oft gehockt und haben den Leuten gewunken, die im Todtnauerli vorbeifahren sind", erinnert sich Helga Kuhar – das Bähnchen kündigte sich immer schon vorher mit Läuten an. Später kreuzten sich die Wege von Helga Kuhar und Todtnauerli nochmals an fast derselben Stelle: Sohn und Schwiegertochter wohnten im Atzenbacher "Todtnauerliweg", in unmittelbarer Nähe des Hauses, in dem sie damals so oft ihre Ferien verbracht hatte: "Es steht noch. Aber es ist total verändert", berichtet Helga Kuhar.

Emil Seger: "Das Todtnauerli war so pünktlich, dass wir im Dorf die Uhr danach gerichtet haben", erinnert sich Emil Seger. Der heute 92-jährige wurde 1925 in Mambach geboren und hat sein Leben lang bis vor drei Jahren dort gelebt – immer mit Blick in Richtung "Todtnauerli" –, solange es eben fuhr, wie er sich lächelnd erinnert. "Für uns Kinder war der Bahnhof der Spielplatz", erzählt er; in den Zug eingestiegen aber ist er zumindest in Kinder- und Jugendzeiten nicht oft: Die Fahrkarte kostete schließlich, und das Geld war im Elternhaus nicht üppig verfügbar. "Sicher: Man kam schon auch mal nach Todtnau – aber meistens mit dem Fahrrad", schmunzelt Seger. In seinen Erzählungen wird denn auch vor allem deutlich, welch große Bedeutung das Todtnauerli für den Güterverkehr im Oberen Wiesental hatte: Viele Firmen und Fabriken entlang von Wiesentalbahn- und Todtnauerlistrecke hatten einen Gleisanschluss direkt auf ihrem Areal. Täglich fuhr der Postwaggon mit, die Briefe für die Dörfer entlang der Strecke wurden direkt im Zug sortiert. Einmal die Woche transportierte eine Pferdekutsche Stückgut von Todtmoos an den Güterbahnhof nach Mambach und retour. Auch die Produkte aus der und für die Mambacher Teigwarenfabrik von Emil Segers Schwiegereltern wurden mit dem Zug transportiert. "Von hinten nach vorn gab es Holztransporte", erzählt Seger – und aus der Gegenrichtung gab’s Frisches für auf den Tisch: Ein Kaufmann zum Beispiel sei regelmäßig mit einer Waggonladung voll Gemüse vorbeigefahren und habe die Ware – quasi auf einem Nebengleis "parkend" – direkt aus dem Zugwaggon heraus verkauft. Die technischen Herausforderungen auf der Strecke waren nicht ohne, macht Seger weiter deutlich: Um die Steigung zu überwinden, brauchte das Todtnauerli je nach "Anhang" schon auch mal drei Loks als Antrieb. Ein wachsames Auge auf die Gleise hatte der Kontrolleur, der die Strecke regelmäßig zu Fuß abging und, wo nötig, die Schrauben direkt nachzog: Vom Wembacher Bahnhof (heute Standort der "Hella") ging er die etwa zehn Gleis-Kilometer talab nach Zell; dann mit dem Todtnauerli zurück an den Ausgangspunkt und von dort nochmals zu Fuß nach Todtnau, erinnert sich Seger. Aus Nachkriegszeiten dann ist Emil Seger vor allem das Bild des rappelvollen Todtnauerli im Gedächtnis – voll besetzt mit Schweizer Ausflüglern, die zum Skifahren auf den Feldberg fuhren.

Rudolf Herr erinnert sich noch genau an den 12. September 1944 in Schönau. "Ich war damals acht Jahre alt. Ich war Hirtenbub und weiß noch genau, wie damals Jagdbomber einen Angriff auf das Todtnauerli geflogen haben. Ich stand etwas erhöht am Stadtrand. Die Bomber haben den Bahnhof und den Viertel-Fünfi-Zug angegriffen und es hat zwei Tote gegeben." Beim Depot der Riegeler-Brauerei am Bahnhof habe ein Mitarbeiter ein Pferd in Sicherheit bringen wollen und sei dabei von einer Salve aus den Bordwaffen der Jagdflugzeuge getötet worden. "Im Bahnhof waren große Löcher drin, das Depot der Brauerei ist zum Teil abgebrannt." Schon am 6. September 1944 hatte der heute 81-jährige Rudolf Herr Flugzeuge über Schönau beobachtet. "Das waren Aufklärungsflugzeuge, die haben Aufnahmen vom Bähnli gemacht und dabei ihre Zusatztanks abgeworfen. Die sind ausgerechnet auf unser Herdöpfelfeld unten beim Sportplatz gefallen und explodiert. Die Kartoffeln waren ganz schwarz."

Alles über unsere Serie "50 Jahre Stilllegung Todtnauerli" – alle Serienbeiträge mit Fotos und ein Zeitraffer-Video von der stillgelegten Strecke – gibt es im Online-Themendossier unter badische-zeitung.de/todtnauerli

Autor: Ulrike Jäger, Anja Bertsch, Nicolai Kapitz