Eine Traumfabrik im Grenzland

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Sa, 01. September 2018

Elsass

Die Kulturfabrik Hégenheim arbeitet seit 2003 in der heutigen Form, am Wochenende startet die neue Saison .

HEGENHEIM. Seit 15 Jahren gibt es die Hégenheimer Kulturfabrik mit Ateliers, Ausstellungsraum und Theater. Ins Leben gerufen hat sie kein Künstlerkollektiv und kein Mäzen, stattdessen einer, der von sich sagt er könne kalkulieren. Christoph Staehli hat Ökonomie studiert und unterrichtet heute am Basler Wirtschaftsgymnasium. Die Garnfabrik, die in den frühen 1990er Jahren ihren Betrieb eingestellt hatte, ist ihm bei Radtouren aufgefallen. Gekauft hat er sie noch als Student. Das Konzept vertritt er bis heute mit Überzeugung.

Auf dem 3000 Quadratmeter umfassenden Areal mit dem für die Textilindustrie typischen Sheddach-Hauptbau haben sich rund 20 Künstler aus dem Dreiländereck in Ateliers eingemietet. Zwei Drittel stammen aus der Schweiz, ein Drittel kommt aus Frankreich und Deutschland. Ausstellungen organisiert der Verein Fabrikculture, der sich auch Jahr für Jahr an der grenzüberschreitend in regionalen Museen ausgerichteten "Regionale" beteiligt und projektbezogen Unterstützung aus französischen Kulturtöpfen erhält. Seit 2010 gibt es auch das Théâtre de la Fabrik. Das Spiel mit der jeweils deutschen oder französischen Endung ist natürlich gewollt. Die Grenzen sind allgegenwärtig, die Offenheit ist Programm.

Trotz der zwischen dem Schweizer Pharmastandort Allschwil und dem gemütlicheren Elsässer Hégenheim verorteten, etwas abgeschiedenen Randlage, über der der sicht- und hörbare Flugbetrieb des Euroairports dazugehört, will sich Staehli mit dem hier vielgehörten Begriff Niemandsland nicht anfreunden. In den Augen des 1968 in Thun geborenen Schweizers ist er eine Beleidigung für die Nachbarn. Anders ist es für seinen Fast-Namensvetter Clément Stehlin, der dem Verein Fabrikculture vorsteht. "Für mich ist das sogar etwas sehr Positives", lacht der Franzose. Cornelia Cottiati, die Residenz-Künstlerin dieses Sommers, die den Raum mit fragilen Garnskulpturen bestückt hat, weiß Umfeld und Atmosphäre ihrerseits zu schätzen und erzählt von "Flugzeugen, die einen träumen lassen".

Stähli hat die alte Garnfabrik 2001 gekauft. Was er bezahlt hat, sagt er nicht, sehr wohl aber, dass das Geld aus keiner Erbschaft kam, sondern von der Bank. "Ich bin in keine Industriellenfamilie geboren." Er habe das Projekt aber seriös durchgerechnet. Es funktioniere schließlich bis heute. Zu verdienen ist mit dem Ort, an dem seit 2003 Ausstellungen laufen und inzwischen auch das Théâtre aber kaum etwas. Nach dem Auslöser gefragt, sagt Staehli: "Spielfreude?" Dabei stand am Anfang gar nicht fest, wohin der Weg gehen würde. "Es war klar, wir machen etwas mit Kunst. Aber es war noch nicht klar, was." Wir, das waren der Schweizer, der sich auch den Begriff Mäzen verbittet, und Jean-Claude Altoé, der in Altkirch das Kunstzentrum Centre Rhénan d’Art Contemporain (CRAC) ins Leben gerufen hat.

Das Theater wird von Freddy Allemann betrieben, einem Kollegen von Staehli, der ein gemischtes Programm zeigt. Der deutsche Enthüllungsjournalist Günter Wallraff war schon zu Gast, die legendäre Basler Frauenband "Les Reines Prochaines" oder der Basler Schauspieler Andrea Bettini und der Musiker Basso Salerno, die als "Pelati Delicati" auf der Bühne stehen. Aus seinem ersten Domizil im Keller musste das Theater wegen Behördenauflagen 2013 ausziehen, hat sich im Anschluss aber eine Etage höher wieder neu eingerichtet. 49 Plätze hat es, weil mit einem Sitz mehr Auflagen gälten, die lieber vermieden werden sollen. Stattdessen hat man sich die Absicht ins Stammbuch geschrieben, "die Perspektiven zu verschieben" – zumal im Grenzland.

Denkbar wäre das auch hinsichtlich des von der Internationalen Bauausstellung (IBA) Basel 2020 angestoßenen Landschaftsparks "Parc des Carrières", der in den nächsten Jahren vor den Toren der Fabrikculture entstehen soll. "Die Fabrik könnte da eine Rolle spielen", mutmaßt Staehli. Sollte das so kommen, könnte man auch die alte Idee eines Cafés wiederbeleben, die ohne Laufkundschaft und Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr einstweilen ad acta gelegt wurde. Erweiterungspläne gibt es indes nicht, so Staehli. Die künstlerische Qualität erhalten und ausbauen, das aber ist ein Credo, das er gerne unterschreibt.

Fabrikculture: Hégenheim, 60, Rue de Bâle, Theaterstart mit dem Pianisten Thomas Scheytt: 1. September, 20 Uhr. Ausstellungsstart: 2. September, 11 Uhr, "Cornelia Cottiati - Ziehen, Spannen, Bewegen"