Ein Umdenken am Markt eingefordert

Dorothée Kuhlmann

Von Dorothée Kuhlmann

Mo, 12. Juni 2017

Ühlingen-Birkendorf

NABU-Ortsgruppen laden ein zur Diskussion um das Zweinutzungshuhn / Fachleute erläutern Hintergründe.

ÜHLINGEN-BIRKENDORF. Unter dem Titel "Warum ist das Zweinutzungshuhn das Ökohuhn der Zukunft? – Oder wo das Huhn begraben liegt" hatten die NABU-Ortsgruppen Bonndorf-Wutach und Grafenhausen zu einem Vortrag in das NABU-Zentrum nach Birkendorf eingeladen. Bis zum letzten Quadratmeter war der Vortragsraum im NABU-Zentrum besetzt.

Ulrich Spielberger, Vorsitzender der NABU-Ortsgruppe Bonndorf-Wutach, freute sich über das große Interesse an dem Thema. Seit Jahren setzt sich der engagierte Naturschützer und Tierarzt für eine ökologisch-bäuerliche Landwirtschaft ein. Landwirtschaft, Tierwohl und Naturschutz gehörten für ihn zusammen, meinte Ulrich Spielberger zur Eröffnung des Informationsabends.

An diesem Abend standen die Hühner im Fokus des Interesses. Im Zuge der immer stärker gewordenen Spezialisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft sind auch die Tierrassen für ihre spezielle meist einseitige Nutzung gezüchtet worden. Bei den Legehennen sind naturgemäß nur die weiblichen Tiere von Nutzen. Durch die spezielle Zucht auf extrem hohe Legeleistung setzten diese Tiere kaum Fleisch an, sind also für eine Verwertung zum Essen kaum geeignet. Für die männlichen Tiere gibt es somit keine Verwendung, so dass die männlichen Küken gleich nach dem Schlüpfen getötet werden. Eine weitere Folge insbesondere der Massentierhaltung und bei den Masthähnchen sei die Notwendigkeit von Antibiotikabehandlungen, erläuterte der Tierarzt. Die Zunahme von Resistenzen gegen Antibiotika beim Menschen wird inzwischen mit dem Einsatz dieser Medikamente in der Massentierhaltung in Zusammenhang gebracht.

Aus ethischen Gründen aber auch aus dem Verständnis einer biologischen Landwirtschaft sei dies nicht zu vertreten, stellte Inga Günther heraus. Die Agrarwirtin und Geschäftsführerin der ökologischen Tierzucht gGmbH erläuterte die Hintergründe und Ziele der Züchtung von Zweinutzungshühnern. Weltweit gibt es zurzeit drei große Hühnerzuchtbetriebe. Auch Biolandwirte beziehen ihre Legehühner von diesen Zuchtbetrieben. Diese Hochleistungslegehennen müssen mit sehr hochwertigem Futter versorgt werden, damit sie Legeleistung erbringen. Die Futtermittel seien auf den Betrieben selbst oft gar nicht herzustellen.

Vorbei sind die Zeiten, in denen das Huhn als effizienter Resteverwerter oder Mistkratzer Eier und Fleisch liefert, so Inga Günther. Ziel der ökologischen Tierzucht sei es ein robustes Huhn zu züchten, das mit normalem, hofeigenem oder regionalem Futter versorgt werden kann, eine gute Legeleistung hat und dessen Fleisch und somit auch die männlichen Tiere genutzt werden können. Aktuell arbeite man in der Zucht mit drei Haushuhnrassen, berichtete Günther. Durch die Kooperation mit einigen Bioland- oder Demeterbetrieben gibt es einen Austausch von Erfahrungen mit den Kreuzungen im Betrieb unter Alltagsbedingungen.

Der gelernte Landwirt mit Meister für ökologischen Landbau Simon Wolf hat sich im vergangenen Jahr in Blumegg mit einem Hühnerhof und auch kleinen Zuchtbetrieb selbstständig gemacht. Inzwischen gibt es bereits eine gute Zusammenarbeit mit einigen benachbarten Landwirten, von denen er den Ausschuss an Getreide oder Kartoffeln als Futter für seine Hühner erhält. So hat jeder etwas davon, freute sich Wolf. Natürlich seien die Bio-Eier und seine über gut fünf Monate aufgezogenen Hähnchen noch ein Nischenprodukt, das auch seinen Preis hat, gibt der Landwirt zu. 50 Cent kostet so ein Bio-Ei und das Kilo Hähnchen zwischen elf und 18 Euro.

Doch das Interesse an den Produkten scheint zu wachsen, wie die zahlreichen Fragen und lebhaften Diskussionen der Zuhörer, darunter auch einige Landwirte, deutlich zeigten. Man solle mehr an das Tierwohl denken, weniger Fleisch essen, dafür aber gesunde hohe Qualität, fasste einer der Zuhörer seine Meinung treffend zusammen.

Insgesamt müssen Lebensmittel und ihre Herstellung wieder eine höhere Wertschätzung in der Gesellschaft erfahren, so die einhellige Meinung der Anwesenden an diesem informativen Abend im NABU-Zentrum.