Vertonte Interaktion

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Sa, 12. Januar 2019

Rock & Pop

BZ-INTERVIEW mit dem Freiburger Musiker Ephraim Wegner, der bei Art’s Birthday auftritt.

Mit seinen computergestützten Klang- und Visualisierungsexperimenten ist der Freiburger Ephraim Wegner seit Jahren schon ein gern gesehener Gast bei Art’s Birthday – der alljährlichen Feier der Kunst, veranstaltet von SWR2 und dem E-Werk. 2015 war er Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg, mittlerweile hat Wegner (Jahrgang 1980) eine Professur an der Hochschule für Kunst, Design und Medien in Freiburg und führt mit seiner Klasse eine Neuschöpfung eines alten Computerspiels auf. Joachim Schneider sprach mit ihm über Daten im Besonderen und Allgemeinen.

BZ: Herr Wegner, Sie haben seit dem Sommersemester 2018 eine Professur an der Hochschule für Kunst Design und Medien – was unterrichten Sie?
Wegner: Der Bereich meiner Professur umfasst "audiovisuelle Informatik und Game Design". Mit den Studenten arbeite ich in unterschiedlichen Programmiersprachen an Anwendungen zur Erzeugung von Bild und Klang für unterschiedliche Endgeräte wie Computer oder Smartphone. In der Regel entstehen Software-Instrumente, interaktive Rauminstallationen oder eben Computerspiele.
BZ: Ihr künstlerischer Schwerpunkt lautet "Sonifikation komplexer Systeme". Was bedeutet das?
Wegner: Ein Beispiel: NN heißt eine Serie von selbstlernenden Systemen, die Klang und Bild erzeugen. Gespielte Tonfolgen werden erfasst, ausgewertet und zurückgespielt von Mensch und Computer – ein Kreislauf entsteht, der Musiker reagiert auf die Klänge und der Computer auf das Instrumentalspiel. Beide lernen aneinander. Allgemeiner lässt sich sagen, Sonifikation ist die Darstellung von Daten in Klängen.
BZ: Warum werden komplexe Systeme in Klang gegossen und quasi ästhetisiert?
Wegner: Einen der Hauptgründe sehe ich in der Anschauung. Datenvisualisierungen arbeiten meistens mit Kurven, Tabellen oder anderen bekannten Darstellungsformen. Mit der Verklanglichung wird ein völlig anderer Sinn angesprochen und eröffnet andere Betrachtungsweisen, Lesarten und neue Interpretationsmöglichkeiten.
BZ: Besteht da nicht eine Verharmlosung von Datenbesitz – Sie haben um Beispiel auch schon Gesundheitsdaten zum Klingen gebracht...
Wegner: Die zunehmende Digitalisierung, in der wir in Algorithmen aufgehen und uns dazu noch nach und nach wegrationalisieren, ist nicht zu verharmlosen. Zwischengeschaltete digitale Plattformen wie bei Händlern und Konsumenten, die Daten sammeln und auswerten, die von Politik und Wirtschaft genutzt werden können, dienen immer dem Machtgewinn oder der Gewinnmaximierung.
BZ: Ja, eben und dazu kommt noch die künstliche Intelligenz...
Wegner: Sämtliche Digitaltechnik ist vom Menschen geschaffen. Ich denke, wir müssen uns weniger vor der Technik als vor uns selbst fürchten. Ein Beispiel: Algorithmische Kompositionsmodelle können Musiker ersetzen. Ein zusätzliches reaktives, von Software gesteuertes Instrument hingegen, das für zusätzliches Spiel und Improvisation offen ist, sehe ich durchaus als Bereicherung.
BZ: Mit dem Semesterprojekt "Pong Pong Pong!" manipulieren Sie mit Ihrer Klasse "Pong" ein uraltes, von Atari entwickeltes Computertennis – was ist faszinierend daran?
Wegner: In diesem Computerspiel sind schon mehrere Disziplinen vereint: Es gibt die Ebene der Spiel-Logik, den Klang und die grafische Umsetzung. Wir haben versucht, dem Spiel den Charakter einer Installation zu verleihen. Über mehrere Einplatinencomputer hinweg können mit Schläger und Ball konkrete Bildelemente weg gespielt werden, diese erscheinen dann bei einem der anderen Spieler. Auf diese Weise entstehen immer wieder neue Bildcollagen. Je nach Anzahl der sich im Umlauf befindenden Spielelemente verändert sich die Musik im Raum. Die den Spielern zugeordneten Lautsprecher dienen dem Vertonen der unmittelbar stattfindenden Interaktion.
BZ: Warum ein altes Computerspiel als Grundlage?
Wegner: Das Spiel basiert auf einer einfachen spielerischen Grundlage, es gibt zwei Schläger und einen Ball, die Herausforderung besteht darin, den Ball zurück zu spielen und nicht zu verlieren – sonst nichts. Ein derartiges Spiel eignet sich zum einen für die Vermittlung von Grundlagen, wie die Animation von einfachen grafischen Objekten und deren Funktionen, zum anderen kann man die benötigte Programmierung von Grund auf selbst erschaffen, das ist bei komplizierten Spielen kaum mehr möglich. Hier geht es um Wissensvermittlung und gleichermaßen um Selbstermächtigung.
BZ: Wie kann man mit Computer-Programmieren kreativ sein?
Wegner: Ich finde, Programmieren ist bereits ein kreativer Akt. Ob das Ergebnis kulturell verwertbar ist, liegt an dem, was man schafft. Ich kann mit einem Stift einen Einkaufszettel schreiben oder ein Bild malen, so ist es auch mit Code. Am Ende aber entscheidet immer der Rezipient, was Kunst ist oder nicht.

Art’s Birthday heute, Samstag, ab 19 Uhr im E-Werk. Programm:
https://www.swr.de/swr2/artsbirthday