Vielfalt und Nachhaltigkeit statt Größe

Gabriele Hennicke

Von Gabriele Hennicke

Sa, 11. August 2018

Bad Krozingen

Michael Seliger verfolgt auf seinem Kleinsthof in Bad Krozingen-Tunsel ein eigenes Konzept von Landwirtschaft.

BAD KROZINGEN-TUNSEL. "Michels Kleinsthof" nennt Michael Seliger seinen landwirtschaftlichen Betrieb am Ortsrand von Tunsel. Auf einer Fläche von fünf Hektar verfolgt der Geoökologe, der in Merdingen aufwuchs und in Bayern studierte und arbeitete, ein Konzept von Landwirtschaft, das auf kleinbäuerliche Vielfalt und auf die nachhaltige Produktion von Bio-Lebensmitteln setzt. Auch soziale Aspekte werden berücksichtigt.

Lichtacker heißt das Gewann, auf dem der Kleinbauer sein Gemüse und die Kräuter anbaut. Der Name passt: In bunter Vielfalt wachsen hier Sonnenblumen, über 100 verschiedenen Gemüse- und Kräuterkulturen, die meisten davon alte Sorten. Wärmebedürftige Tomaten stehen im großen Folientunnel, der Rest wächst in Beeten. Ein umgebauter Bauwagen dient samt Dach als Gartenküche. Hier wird direkt verarbeitet, was vom Feld kommt. Eine Hühnerschar läuft durchs Kleegras. Idylle pur. Zwei junge französische Freiwillige fragen, was als Nächstes zu tun ist. Die landwirtschaftlichen Flächen, zu denen noch weitere Felder rund um Tunsel gehören, kennt Selinger seit Kindheit an, sie gehörten einst seinem Urgroßvater. Hier wachsen Dinkel, Weizen, Hafer und Kartoffeln, auch Bienen und sechs Schafe gehören dazu. "Ich bin in Merdingen aufgewachsen, die Ferien habe ich immer bei der Oma in Tunsel verbracht", sagt der Kleinstbauer, "jetzt kann ich hier meine Vorstellung einer enkeltauglichen Landwirtschaft verwirklichen."

Er meint damit eine Landwirtschaft, die die Ressourcen Boden und Wasser erhält und verbessert und Treibhausgasemissionen verhindert. Ein gesunder, fruchtbarer Boden sei das Wertvollste, was wir unseren Enkelkindern hinterlassen können, so Seliger. Als Geoökologe habe er ein tiefes Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Geologie, Hydrologie, Umweltchemie und Biogeografie entwickelt, das er nun in praktischer Landwirtschaft umsetzen wolle. Fünf Jahre lang hatte er ein großes Umweltbildungsprojekt im Kloster Waldsassen in der Oberpfalz bei Regensburg geleitet. Seit Frühling 2017 lebt er mit seiner Familie in Tunsel und verwirklicht hier seinen Traum. Seine Produkte verkauft er samstags auf dem Staufener Markt und Mittwochnachmittags direkt ab Feld. Ein Tomatensüpple von Michels Kleinstbauernhof steht auf der Speisekarte des sternegekrönten Gasthauses Storchen im Nachbarort Schmidhofen.

"Ich habe hier die Chance, selbst zu bestimmen, welche Art von Landwirtschaft ich machen will. Mir geht es um kleinbäuerliche Vielfalt und eine hohe Qualität der Lebensmittel, die ich produziere. Ich verwende keine Standardsorten, die auf Kistengröße genormt sind. Mir kommt es auf den Geschmack an und ich beobachte genau, was hier auf meinen Feldern gut gedeiht. Deshalb gewinne ich mein Saatgut teilweise selbst", beschreibt der Kleinstbauer seine Philosophie. Mit seinen Berufskollegen im Dorf sei er in gutem Austausch und sehe durchaus, in welchen Zwängen hinsichtlich Markterfordernissen, billiger Produktion, fehlenden Arbeitskräften und ständiger Optimierung sie steckten.

Grundlage der Landwirtschaft sind die Böden, in Tunsel sind das Löß-Lehmböden sehr guter Qualität mit einer guten Wasserhaltefähigkeit. "Ich verbessere den Boden kontinuierlich weiter mit Kompost. Auch mit Terra Preta, einem, Gemisch aus Holzkohle, Tonscherben und organischen Materialien, experimentiere ich", sagt Seliger. Tiere gehören zum Kleinsthof dazu: Hühner der vom Aussterben bedrohten Rassen Sundheimer und Böhmerwald, die viel Grünzeug fressen und sich am liebsten draußen bewegen und deren Eier immer ganz schnell verkauft sind. Dazu zehn bis 20 Bienenvölker, deren Honig ebenfalls verkauft wird. Sechs Schafe weiden die Getreidefelder nach der Ernte ab und bringen Dünger ein. Die Schafwolle wird zum Mulchen verwendet.

Ganz wichtig ist Michael Seliger auch der soziale Aspekt der Landwirtschaft. Gemeinsam mit anderen hat er den Weltgarten Tunsel gegründet, eine Gemeinschaft von an der Landwirtschaft interessierten Menschen aus Freiburg, aus Tunsel und Bad Krozingen, von Geflüchteten, die selbst auf 2000 Quadratmetern Gemüse anbauen und erleben, wie Landwirtschaft praktisch geht. "Ich bin offen für den Kontakt mit Menschen, viele kommen und helfen mit. Ein Mann kommt beispielsweise regelmäßig und pikiert die Jungpflanzen. Diese ruhige Arbeit tut ihm gut", sagt der Geoökologe. Dieser partizipative Ansatz sei ihm sehr wichtig, das habe er bereits in seiner früheren Tätigkeit im Klostergarten so gehandhabt. Die Zukunft der Landwirtschaft sei ein Thema, das alle betreffe und an dem sich möglichst viele Menschen beteiligen sollten, so Seliger.

Noch sorgt Seligers Frau Pia, die in der Schweiz als Umweltingenieurin arbeitet, für das Haupteinkommen der Familie. Doch das soll nicht so bleiben. Seliger ist zuversichtlich, dass seine Idee auch wirtschaftlich funktioniert. "Wenn alle nur auf Sicherheit gehen, wird sich nichts ändern", sagt er. "Und falls es hier nicht funktioniert, kann ich auf Selbstversorger umstellen, für die Böden und die Vielfalt rentiert es sich auf jeden Fall."

Info: Michels Kleinsthof, am Ortsausgang Tunsel Richtung Schlatt, erster Weg rechts. Tel. 01799435647