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22. Juni 2011

Auf der Suche nach der Weinkultur

Die Theatergruppe "Weinkörper" trat im Rahmen des Grauburgunder-Symposiums in Burkheim auf.

  1. Die Theatergruppe „Weinkörper“ trat in Burkheim auf und setzte dabei vor allem auf die Mimik. Foto: benjamin bohn

VOGTSBURG-BURKHEIM. "Es gärt" heißt das Stück, mit dem die Berliner Theatergruppe "Weinkörper" derzeit durch Deutschland tourt. Bei der Inszenierung, die in Kooperation mit dem Deutschen Weininstitut entstand, dreht sich alles um die Kultur des deutschen Weines. Anlässlich des Internationalen Grauburgunder-Symposiums legte die Truppe im Burkheimer Schloss einen Zwischenstopp ein.

Der Grauburgunder war es, der zunächst in Form eines für den Kaiserstuhl entwickelten Prologs in den Mittelpunkt rückte. Caroline du Bled hielt dabei im Schlosskeller als Grauburgunder ihre eigene Geburtstagsrede, blickte auf ihre 300-jährige Geschichte zurück und beschrieb den Weg von der Wildrebe zur Kulturrebsorte. "Feuriges Kleid und nahezu südliches Temperament durch dieses Vulkanverwitterungsgestein: Ich glaub’, ich bin ein Grauburgunder vom Kaiserstuhl", beschrieb sie treffsicher ihre Attribute.

Wenn die Kargheit der Bühne für die Qualität eines Theaterstückes stehen kann, so waren es bei "Es gärt" aufeinandergestapelte Holzpaletten vor der nackten Steinmauer des Burkheimer Schlosses, die als puristische Bühnenausstattung dem Zuschauer diesen Eindruck gaben. Kaum mehr brauchten Ina Maria Jaich, Caroline du Bled und Martin Heesch für ihre feinsinnigen Monologe und weinseligen Dialoge. Und über allem stand die Frage: "Was kann das sein, eine neue Weinkultur?", die das Trio versuchte, im Laufe des Stückes zu klären.

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Herkunft und Ursprung waren dabei Themen, die immer wieder auftauchten. Zunächst ging es zum Anfang jeden Weins: zur Gärung. "Da geht alles Drunter und Drüber", erinnerten sich die Schauspieler, die zugleich in die Rolle von Weinen und Rebstöcken schlüpften, an den turbulenten Weg ins Fass.

"Ist es nur Chemie oder schon wieder Biologie?", fragten sich die Weine, die zu dem Schluss kamen, dass Gärung mehr ist. Alles hat mit Gärung zu tun: Afrika und auch Stuttgart 21 ("Aber die Trollinger versteht ja eh keiner!"). So wurde Wikileaksgründer Julian Assange kurzerhand zum "globalen Wein der Subtilität".

Mit pointiert eingebautem Weinvokabular zankten sich auch ein reiferer Spätburgunder, der etwas Raues, Pelziges hatte und mit marmeladigen Kirscharomen aufwartete, und ein spritziger Weißwein, der grüne Apfel- und Zitrusnoten zu bieten hatte, wohl aber noch nicht ganz ausgegoren war. "Könnt ihr eigentlich mal eure Tannine strukturieren", wurde schließlich gefordert.

Das Trio verstand es trefflich, das Publikum in das Stück einzubinden. Dabei immer auch mit etwas Furcht, denn: "Die sind hier, um uns zu trinken." Ein Dasein auf einem schwarzen Billy-Regal oder im Supermarkt wünschten die Tropfen hingegen keinem, weil dort in der Sonne der Korken so leicht austrocknet.

Die Zuschauer wurden im Laufe des Stücks auf eine Reise durch die deutschen Weinanbaugebiete und durch Raum und Zeit entführt. Zwischenstopps wurden im antiken Griechenland und beim Hambacher Fest eingelegt, beides Plätze, wo es einst gärte. Zurück in die 1970er Jahre ging es stilecht in orangenfarbigen Schlaghosen. "Hast du was genommen?", schallte es aus der einen Ecke. "Super-Phosphat-Cocktail!" Und die Spirale hin zu immer süßeren Weinen und günstigeren Supermarktpreisen begann sich hochzuschaukeln, schneller und schneller.

Doch plötzlich stoppten die Weine ihren Rausch. Es folgte die Besinnung: Landschaft, Gestein und Geschichte sind das Wesentliche. Weg vom alkoholisch süßen Betäubungsmittel wollten sie. Und damit waren die Weine auf ihrer Suche nach einer deutschen Weinkultur zur Quintessenz vorgedrungen. "Wein soll Geschichten anstoßen, Fragen aufwerfen", daran wurden die Besucher erinnert. Und denen hat es gefallen, denn mit langanhaltendem Beifall wurden Schauspieler und das gesamte Produktionsteam bedacht.

Autor: Benjamin Bohn