Von Sinnsuchern und Schaffern

Jürgen Dettling

Von Jürgen Dettling

Mi, 18. April 2018

Waldkirch

Der Film "Sehnsucht nach Eden" des Freiburgers Bodo Kaiser wird am Sonntag im Kommunalen Kino in Waldkirch gezeigt.

WALDKIRCH. "Urban Gardening" heißt es, wenn Bürger Gemüse in städtischen oder stadtnahen Zonen pflanzen und ernten. Eine Entwicklung irgendwo zwischen Trend und Bürgerbewegung, Freizeitgestaltung, Selbstverwirklichung, gesunder Versorgung und gesellschaftlicher Utopie. Am Sonntag, 22. April, erzählt im Kommunalen Kino in Waldkirch der Film "Sehnsucht nach Eden" davon. Die Klappe 11 und die BI Essbare Stadt Waldkirch veranstalten den Abend gemeinsam.

Der Freiburger Filmemacher Bodo Kaiser, 83, und sein Sohn Niels, 52, beginnen ihre Filmreise bei Kleingärten in der Umgebung. Mit ihnen treffen die Zuschauer spannende und ganz unterschiedliche Menschen. Alte Wilde, junge Sanfte, Sinnsucher und Ökonomen, Schaffer und Grübler, Öko-Aktivisten und Genießer. Die hacken und scharren, ziehen ihre Furchen, pflegen den Kompost und seine Würmer, säen, ernten, teilen untereinander und mit anderen und reden gerne und viel darüber, wieso das alles. Klar ist: Es muss biologisch sein. Der Weg führt Stückchen für Stückchen zu mehr Selbstversorgung mit gesunden Lebensmitteln. Hat also auch etwas mit dem "großen Ganzen" zu tun, mit Landwirtschaftspolitik, Nahrungsmittelindustrie, Endlichkeit der Ressourcen, Weltwirtschaft und der Zukunft des Essens.

Die beiden ergänzen sich gut, Bodo mit der Kamera und Niels als Schöpfer der Filmmusik und Moderator, der immer mal wieder einen neuen Schauplatz erklärt. Wie von selbst steckt man irgendwann bei einem hochkomplizierten Fachvortrag mit tief durchdachten Thesen über ökonomische und ökologische Zusammenhänge und Blicke in unsere mögliche Zukunft. Oder bei Landwirten, die von ihrer Zwangslage berichten: Industrielle Landwirtschaft mit Monokultur (Mais) oder Aufgabe des Hofs wegen Unwirtschaftlichkeit. Auch bei "Neubauern", die einen großen Traditionshof mit Bio-Bewirtschaftung erfolgreich über die Runden bringen. Zwei kurze Abstecher nach Waldkirch haben die Kaisers ebenfalls gemacht: Zur "Essbaren Stadt" am Stadtrainsee und in den zauberhaften "Kunstgarten" von Sylvia Hämmerle.Der Film kommt ohne Sprecher-Kommentare aus, lebt inhaltlich hauptsächlich von dem, was die Menschen, die Kaiser trifft, erzählen. Jegliches Dozieren und der erhobene Zeigefinger sind dem Dokumentarfilmer so fremd wie afrikanische Supermarkt-Erdbeeren im Winter. Kaiser ist auch bei der Arbeit ganz die freundliche, neugierige Person, die er immer ist.

Kameramann mit leichtem Gepäck

Wegen der gewünschten Nähe zu den gefilmten Personen reist er solo und mit "leichtem Gepäck": Kein Stativ, Handkamera mit Richtmikrofon, manchmal auch einfach nur das Handy, und los geht’s. Sein filmerisches Navigationssystem kennt vier Himmelsrichtungen: Künstlerisches Feeling, Offenheit, Intuition und zwischenmenschliche Wärme. Natürlich kann man viel darüber debattieren, ob Gliederung und Rhythmus des Films immer "stimmen", ob der eine oder andere Schauplatz vielleicht "überflüssig" ist. Man kann es auch bleiben lassen. Kameraarbeit, Moderationen, inhaltliche Logik, Filmschnitt: Nichts, was Kaiser und Kaiser tun, tun sie stets "perfekt". Da ist schon die eine oder andere krumme Möhre in der Kiste. Genau das macht diesen entspannten, unaufgeregten, bunten, manchmal skurrilen und ungeheuer erfahrungsreichen Film erst wirklich rund und stimmig. Er hat keine "letzten Antworten", aber er bringt uns Menschen nahe, die das, was sie tun, nicht in erster Linie aus Pflichtbewusstsein tun, sondern mit Freude und Lustgewinn. Das könnte auch den Zuschauern ein bisschen Lust machen. Möglicherweise darauf, selbst zu gärtnern oder mal bei "Essbare Stadt Waldkirch" vorbeizuschauen. Auf jeden Fall aber verbreitet das 80-minütige Werk eine positive Stimmung und regt sehr zum Weiterdenken über seine Schauplätze, Themen und Thesen an. Mehr kann niemand für den Preis einer Kinokarte verlangen. Und wer weiß? Nehmen wir am Ende gar ein Zipfelchen Sehnsucht mit nach Hause? Etwa nach Eden?

Der Film "Sehnsucht nach Eden" wird am Sonntag, 22. April, 19 Uhr, im Kommunalen Kino "Klappe 11", Waldkirch-Kollnau, Fabrikstraße 16, gezeigt.