Von Stumpi und Nudeli

Hans Jürgen Kugler

Von Hans Jürgen Kugler

So, 17. Juni 2018

Müllheim

Der Sonntag Die Ausstellung Zeitenwende widmet sich den 1920er-Jahren in Müllheim.

Im Rahmen des trinationalen Museumsprojekts "Zeitenwende – Le Tournant" erinnert das Markgräfler Museum in Müllheim an die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs im Dreiländereck und die letzten 100 Jahre vor Ort.

Eine scharfe Wende nach links führt die Besucher der Ausstellung in die Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts". Das Porträt von Badens Großherzog Friedrich II. hängt schief von der Decke, quasi im freien Fall. Das Elsass wird französisch, Deutschland eine Republik. Die Stunde null nach dem Ersten Weltkrieg markiert einen tiefgreifenden gesellschaftspolitischen Umbruch in Europa – und auch am Oberrhein. Die Sonderausstellung "Zeitenwende", die das Markgräfler Museum derzeit ausrichtet, widmet sich erstmals der Nachkriegszeit 1918/19 und der Zeit der Weimarer Republik in Müllheim. Für die Weinbau-, Amts- und Garnisonsstadt beginnt eine neue Zeit. Die Demilitarisierung Deutschlands in Folge des Versailler Friedensvertrages bedeutete das Ende der Müllheimer Garnison – rund 15 Jahre nach ihrer Gründung. Die Grenze zu Frankreich rückte wieder ganz nah.

Die neue Republik beginnt hoffnungsvoll: Im Amtsbezirk Müllheim erzielte bei den ersten Wahlen 1919 eine "Weimarer Koalition" aus der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), der Sozialdemokratischen Partei (SPD) und dem katholisch geprägten Zentrum eine überwältigende Mehrheit von zusammen 90 Prozent der Wählerstimmen. Allerdings sank dieser Anteil überzeugter Anhänger einer Republik im Laufe der 1920er-Jahre dramatisch auf einen Anteil von unter 20 Prozent. Eine Zäsur war in Müllheim auch die Bürgermeisterwahl im Juli 1919. Mit Artur Hämmerle wurde erstmals ein hauptamtlicher Bürgermeister gewählt. Er bekämpfte die Hungersnot der Nachkriegszeit, schloss Müllheim an die Gasversorgung an und wies neue Wohngebiete für Flüchtlinge aus. 1919 trafen in Müllheim monatlich zwei Züge mit bis zu 400 ausgewiesenen Deutschen aus dem Elsass ein. Müllheim fungierte zu dieser Zeit als eine der fünf "Übernahmestellen" in Baden. Um die vertriebenen Elsässer zu integrieren, wurden die ehemaligen Mannschaftsstuben der Garnison einkommensschwachen Familien zur Verfügung gestellt.

Die Zeitlinie als Zickzackkurs

Die Stadt Müllheim bemühte sich um eine aktive Industrieansiedlungspolitik. Das Bahnhofsareal konnte wegen des Widerstands der Grundstückseigner kaum entwickelt werden. Im Stadtgebiet dagegen gelang die Ansiedlung kleinerer Betriebe wie der "Stumpi", der Zigarrenfabrik Emil Vollmer, oder der "Fabrik für feine Eierteigwaren Müllheim" des Bäckers Gustav Hermann, die noch bis in die 50er-Jahre hinein als die "Nudeli" ein Begriff war. Spektakulär, aber nur von kurzer Dauer war auch das Projekt, für den Oberrhein einen Zeppelinflughafen auf Müllheimer Gemarkung zu errichten. Untersuchungen ergaben, dass die meteorologischen Verhältnisse am Oberrhein dafür nicht geeignet waren.

Die zwanziger Jahre waren auch eine Zeit des kulturellen und gesellschaftspolitischen Aufbruchs. So wurde die profanierte Martinskirche 1920/21 zur Städtischen Festhalle umgestaltet. Seither bildet sie den kulturellen und gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt. Eine Bühne für Konzerte und Theateraufführungen wurde eingebaut, Ausstellungen moderner Malerei wie eine Einzelausstellung des Malers Emil Bizer ausgerichtet. Und mit den "Markgräfler Lichtspielen" hatte Müllheim seit 1927 erstmals ein Kino.

"Allerdings wies die Zeit der Weimarer Republik in Müllheim keine nahtlose Linie in die Gegenwart auf", wie Museumsleiter Jan Merk die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche von damals in Müllheim resümiert: "Die Zeitlinie gleicht eher einem Zickzackkurs."

Der Alltag in Müllheim war geprägt vom Nebeneinander traditioneller Vorstellungen und den Veränderungen moderner Tendenzen. Frauen forderten zunehmend ihre Rechte ein und beteiligten sich stärker am öffentlichen Leben. In der Mode verdrängte das Cocktailkleid das Korsett, Zigarettenspitze und Bubikopf demonstrierten das neu erwachte Selbstbewusstsein der Frau. Auf den Straßen waren neben Pferdefuhrwerken zunehmend Automobile und Traktoren zu sehen, eine Tankstelle wurde eröffnet. Technische Innovationen wie Telefon oder das Grammophon fanden Verbreitung. Doch trotz aller Aufbruchsstimmung und Innovationsfreude blieb der Blick der Stadtgesellschaft rückwärtsgewandt, die Vergangenheit wurde verklärt, politische Neuerungen zunehmend mit Argwohn betrachtet. Parallelen zur Gegenwart sind nicht zu übersehen. Geschichtsrevisionistische Tendenzen, die Verachtung der jungen Demokratie und Ausgrenzung führten ab 1933 direkt in die Katastrophe der Nazizeit.
Die Ausstellung "Zeitenwende – Die 1920er-Jahre in Müllheim", gehört zu einem trinationalen Projekt, an dem sich 30 Museen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz beteiligen. Im Markgräfler Museum Müllheim im Blankenhorn-Palais wird sie heute um 11.15 Uhr eröffnet. Bis zum 24. Februar 2019 ist sie dienstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr zu sehen. http://www.markgraefler-museum.de