Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

30. Januar 2012

Die Lernbereitschaft hat Bedeutung

Neurologieprofessor Claus-Werner Wallesch referierte zum Thema "Was das Gehirn zum Funktionieren braucht" im Roten Haus.

  1. Professor Claus-Werner Wallesch (Mitte) mit der Leiterin der Selbsthilfegruppe, Diana Götzmann, und dem Gruppeninitiator und langjähriger Leiter Max Gander Foto: Rebekka Sommer

WALDKIRCH. Claus-Werner Wallesch, Neurologieprofessor und ärztlicher Direktor der Elzacher BDH-Klinik, referierte im Roten Haus zum Thema: "Was das Gehirn zum Funktionieren braucht – Hirnschädigungen im Fokus". Eingeladen hatte die Selbsthilfegruppe Aphasie und Schlaganfall Elzach, die monatlich einen Vortrag organisiert.

Wovon hängt der Lernerfolg in einer Reha ab? Wie umfangreich soll Sprachtherapie sein? Wie produziert das Gehirn Sprache? Weshalb verlaufen Heilungsprozesse nach einem Schlaganfall in unterschiedlicher Länge? Darüber referierte Wallesch, ehe er auf Zuhörerfragen einging.

Zur verhaltensneurologischen und neuropsychologischen Analyse werden zweierlei Hirnfunktionen unterschieden: "Basisfunktionen", die den Therapieverlauf beeinflussen, sind etwa die Motivation, Orientierungs- und Lernfähigkeit eines Patienten, aber auch dessen Aufmerksamkeitsfunktionen und Emotionalität. "Wenn jemand beispielsweise depressiv ist, kann er in einer Reha nicht lernen", erläutert Wallesch. Jeweils mehr als 20 Prozent der Schlaganfallpatienten, aber auch der Angehörigen, litten aber unter depressiven Verstimmungen. Als "Werkzeugfunktionen" gelten Gedächtnis, Sprache oder Erkenntnisfähigkeit.

Werbung


Die Folge eines Schlaganfalls oder Schädelhirntraumas können, je nachdem welche Hirnregion betroffen ist, Krankheitsbilder wie Aphasie, Apraxie oder Agnosie sein. Von Aphasien – Störungen der Sprache als linguistischem System, sind 0,3 Prozent der Bundesbürger betroffen; 0,2 Prozent erkranken jährlich neu. Da die Sprachzentren bei Männern und Frauen im Gehirn unterschiedlich angeordnet sind, ein Schlaganfall aber meist die hinteren Hirnregionen schädigt, treten bei Frauen schnellere Heilungserfolge ein. Stockende Sprache, Wortfindungsstörungen, Verwechslung von Wörtern oder von den Betroffenen nicht wahrgenommene Wortverdrehungen sind Symptome von Aphasien. Bei fünf bis zehn Übungsstunden pro Woche können sprachliche Fähigkeiten nach einer Aphasie wieder aufgebaut werden. Wenden Patienten dagegen nur zwei Stunden auf, sei die Therapie nachweislich unwirksam, so Wallesch.

Der therapeutische Einsatz von Computern sei nur in Verbindung mit Face-to-face-Behandlung sinnvoll, da die Balance zwischen Über- und Unterforderung der Patienten gut austariert werden müsse: "Aphasietherapie ist dann erfolgreich, wenn das Hirn bis an seine Belastungsgrenze geführt wird."  

Die Zuhörerfragen: "Kann man sich vor Schlaganfällen schützen?" Die Antwort: "Ja, durch Nichtrauchen, gutes Einstellen von Diabetes und regelmäßige Blutdruckkontrollen." "Ich habe meinen hohen Blutdruck überhaupt nicht bemerkt", berichtet eine Zuhörerin. "Bei einer Routinekontrolle sagte man mir plötzlich, ich stünde kurz vor einem Herzinfarkt und müsse in der Klinik bleiben." "Was man aber bemerken kann, ist ein unregelmäßiger Pulsschlag", erläutert Wallesch.

Ob es für den Prozess des Wiedererlernens von Bedeutung sei, wie lernwillig jemand vor dem Schlaganfall gewesen sei, will jemand anders wissen. "Ja", antwortet Wallesch, "lebenslanges Lernen senkt auch das Risiko, an Alzheimer zu erkranken."

Die Vorträge der Selbsthilfegruppe Aphasie und Schlaganfall Elztal finden in der Regel jeden ersten Donnerstag im Monat um 19 Uhr im Roten Haus statt. Anstelle von Mitgliedsbeiträgen wird bei den Vorträgen eine Spendenkasse aufgestellt. Die nächste Veranstaltung am Donnerstag, 2. Februar, beschäftigt sich mit Gleichgewichtsproblemen – ein Phänomen mit zunehmendem Alter und nach neurologischen Erkrankungen. Referent ist Wolfram Helbig-Hennig, BDH-Klinik für neurologische Rehabilitation in Elzach. Weitere Infos: Diana Götzmann (Tel. 07681/4990472) und Max Gander (Tel. 07682/920795).

Autor: Rebekka Sommer