Die unterirdische Stadtgeschichte

Gabriele Zahn

Von Gabriele Zahn

Mo, 29. Februar 2016

Waldkirch

Das archäologische Stadtkataster Waldkirchs ist gedruckt und wurde feierlich vorgestellt / Vertrieb in Buchhandlung Augustiniok.

WALDKIRCH. Von der Idee des archäologischen Stadtkatasters bis zum Druck hat es in Waldkirch 20 Jahre gedauert. Diese Woche überreichte Claus Wolf, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Oberbürgermeister Roman Götzmann das erste Exemplar. Das Stadtkataster beschreibt die Siedlungsgeschichte, listet Fundbergungen und Befundbeobachtungen auf und weist auf Stadtgebiete hin, in denen bei Baumaßnahmen mit archäologischen Funden gerechnet werden muss.

Waldkirch gehört zu jenen etwa 300 Städten Baden-Württembergs, die bereits in der Römerzeit oder im Mittelalter besiedelt waren. Deshalb hatten der ehemalige Oberbürgermeister Richard Leibinger und Bertram Jenisch, Referent für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit im Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, 1998 die Idee, in Waldkirch archäologisch relevante Gebiete zu kartographieren und in Form eines Stadtkatasters herauszubringen. Der von Jenisch erstellte Stadtkataster wurde jedoch nie gedruckt.

"Das war gut so", kommentierte Andreas Haasis-Berner, Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart – Dienstsitz Freiburg; der für die Erstellung des jetzigen Stadtkatasters als Grundlage den von 1998 verwenden durfte. Die Entscheidung, nun doch einen Stadtkataster zu drucken, fiel 2013 nach den archäologischen Ausgrabungen im Sanierungsgebiet Niedertor. Das archäologische Stadtkataster Waldkirch ist die Nummer 39 einer Schriftenreihe und Waldkirch die vierte Stadt im Landkreis Emmendingen, für die ein solches Werk erstellt wurde.

Die Vorstellung des Stadtkatasters stieß auf großes Interesse: Oberbürgermeister Roman Götzmann freute sich, nicht nur Gemeinderäte, die Ehrenbürger Helmut Hummel und Richard Leibinger, Pfarrer Heinz Vogel, Wolfgang Ihle vom Förderverein Elztalmuseum sowie Amtsleiter begrüßen zu dürfen, sondern auch Architekten und interessierte Bürger.

Oberirdisch gebe es wenig, was auf die lange Siedlungsgeschichte hinweise, sagte Götzmann, denn im 30-jährigen Krieg sei die Stadt komplett zerstört worden. Der Umbau des Rathauses war nicht als archäologische Grabung angelegt, trotzdem habe Bauforscher Stefan King historisch wertvolle Entdeckungen gemacht. Unter anderem wurde in der früheren Stadtschreiberei eine Holzschindel mit Grifflöchern gefunden, die zur effektiven Energienutzung beim Beheizen von Räumen diente (die BZ berichtete).

Vielleicht waren im 10. Jahrhundert noch römische Ruinen sichtbar, die den Ausschlag gaben, hier ein Frauenkloster zu errichten, sagte Claus Wolf, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart; der Bau des Klosters jährt sich in zwei Jahren zum 1100. Mal.

Älteste Einzelfunde stammen aus 1. Jahrtausend vor Christus

In der Geschichte wurde Waldkirch immer wieder als Siedlungsort gefunden und gewählt. Die ältesten Einzelfunde im Stadtgebiet Waldkirch stammen aus dem frühen ersten Jahrtausend vor Christus, auch in der Römerzeit war das Elztal und Waldkirch besiedelt. Die nächsten Dokumente stammen aus dem frühen Mittelalter, als die beiden Kirchen St. Martin und St. Peter bei den heutigen Petershöfen gegründet wurden. Schließlich wurde 918 das Benediktinerinnenkloster durch den Herzog Burkhart I. von Schwaben und seiner Frau Reginlind gegründet.

1100 und 1250 erbauten dann die Vögte des Klosters die Schwarzenburg und die Kastelburg. Ebenfalls Mitte des 13. Jahrhunderts entstand die Stadt Waldkirch. Bei den Grabungen im Gebiet Niedertor 2010/2011 konnte festgestellt werden, dass Waldkirch viel früher besiedelt wurde als die erste urkundliche Nennung. Neben den Urkunden, die in Archiven bewahrt werden, seien die archäologischen Funde wertvolle wichtige Quellen für die historische Forschung. Deshalb müsse die "unterirdische Stadtgeschichte" geschützt werden. Das Stadtkataster weist archäologisch relevante Bereiche aus, wo bei Grabungen mit Funden zu rechnen ist. So werde bei Baumaßnahmen Planungssicherheit gewonnen und Konfliktpotential vermindert. Das Stadtkataster wurde nun in einer Auflage von 800 Stück gedruckt.

Andreas Haasis-Berner stellte den Inhalt des Stadtkatasters vor: Neben einem Abriss der Siedlungsgeschichte sind 86 archäologische Fundstellen und bauhistorische Untersuchungen dokumentiert, historisch wichtige Einrichtungen und Gebäude der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt wie die Stadtbefestigung, die Tore und die Burgen sowie eine Karte, die die bereits getätigten Bodeneingriffe zeigt. Insgesamt liegen dem Stadtkataster fünf Karten bei. Das Werk sei nicht nur für Stadtplaner und Architekten interessant, sondern auch für Bürger. Das Stadtkataster kann in der Waldkircher Buchhandlung Augustiniok zum Preis von 14,50 Euro erworben werden. Bertram Jenisch empfahl: "Arbeiten Sie damit."

Haasis-Berner wies auch auf die Visualisierungen des mittelalterlichen Waldkirchs von Hans-Jürgen van Akkeren hin, von denen eine im Rahmen der Vorstellung des Stadtkatasters präsentiert wurde. Kurzweilig gestaltet wurde die Veranstaltung vom Buccinenquartett des Fanfarenzugs Schwarzenberger Herolde und von Barbara und Thomas Kern sowie Bernd Wintermantel, die ein historisches Schauspiel mit Meister Schleifer, einer Kaufmannsfrau und einem Mitglied des Hohen Rates präsentierten.