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15. Juli 2015

Enkel machen sich auf Spurensuche

Ausstellung "Waldkirch und der Nationalsozialismus – Einblicke in Alltags- und Kriegsgeschichten" ab Sonntag im Elztalmuseum.

WALDKIRCH (sti). Hunderte von Feldpostbriefen haben sie gelesen (und dafür erst mal die Sütterlinschrift gelernt); sie sammelten Fotografien und Erinnerungsstücke aus der NS-Zeit, sprachen mit Zeitzeugen, lasen über die historischen Zusammenhänge. Am Ende einer langen Vorbereitungszeit steht nun die Ausstellung "Waldkirch und der Nationalsozialismus – Einblicke in Alltags- und Kriegsgeschichten". Sie wird am Sonntag im Elztalmuseum eröffnet.

Die Ausstellungsmacher gehören allesamt der Enkel- und Urenkelgeneration derjenigen an, die den Nationalsozialismus selbst erlebt haben. Daria Segoloni war vor ein paar Jahren noch Schülerin am Geschwister-Scholl-Gymnasium und traf hier auch Zeitzeugen wie Heinz Drossel und Julijana Zarchi. Für ihr Staatsexamen an der Uni Freiburg beschäftigte sie sich nun mit der Frage, wie man heute und in Zukunft die NS-Geschichte an nachfolgende Generationen vermitteln kann, wenn doch immer mehr Zeitzeugen sterben und ihre Erlebnisse und ihr Wissen nicht mehr aus erster Hand weitergeben können. Sie entwickelte ein Konzept für eine regionalgeschichtliche Ausstellung über diese Zeit.

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Dabei kam sie mit Juliane Geike vom Stadtarchiv in Verbindung und lernte die Lehrerin Sophia Wälde von der Freien Schule kennen, die sich mit ihren Schülern daran gemacht hatte, sich mit Feldpostbriefen zu beschäftigen.

Mehr als 3000 Seiten von Briefen der Waldkircherin Erika Schneider an vier ihrer Söhne, die im Krieg waren, liegen dem Bundesarchiv vor und inzwischen auch im Waldkircher Stadtarchiv als digitale Kopie. Mit etwa 400 dieser Digitalisate arbeiteten die Schüler, vor allem mit den Briefen der Mutter an ihren ältesten Sohn Gottfried, denn es ging den Jugendlichen ja darum, zu erfahren, wie man damals in Waldkirch lebte, um sich in die Situation einzufühlen. Die "große Politik" werde da selten widergespiegelt, berichtet Sophia Wälde, erst ab 1944 werden die Briefe der Mutter politischer. Sie reflektiert über den Einstieg der Amerikaner in den Krieg, erzählt dem Sohn von der Flucht des Waldkircher Bürgermeisters Kellmayer. Zugleich bittet sie aber den Sohn, nichts "Falsches" zu schreiben, denn die Briefe kommen teils von Zensoren geöffnet bei ihr an. Die Mutter selbst erzählt viel vom Alltag, bestärkt den Sohn im Glauben zu Gott. Später berichtet sie von den Bombardements auf Freiburg oder den Tieffliegern im Elztal.

Teils bis zu zwölf Schüler der Freien Schule arbeiteten an der Auswertung der Briefe mit, über Wochen an jedem Nachmittag. "Da eröffnet sich eine ganz andere Welt", erzählt Helena Kaltenbach.

Ihr Klassenkamerad Lukas Krapf dagegen begann sich immer mehr dafür zu interessieren, wie die Propaganda im Zweiten Weltkrieg wirkte und setzte sich damit intensiver auseinander.

Daria Segoloni kam mit vielen Waldkirchern ins Gespräch und hatte zudem von ihrem Großvater Hubert Bernhardt, dem hier sehr bekannten Bildhauer, viele Tagebücher und Fotoalben überlassen bekommen. Sie habe überall offene Türen vorgefunden: "Man nimmt uns Jüngeren einfach ab, dass wir uns wirklich mit dieser Zeit auseinander setzen wollen, mit all ihren Facetten und ohne den Stab über jemandem brechen zu wollen." Segoloni selber stellte auch eine wachsende Bereitschaft von alten Menschen fest, ihre Erlebnisse an die Enkelgeneration weiterzugeben, ehe es dafür zu spät ist, ehe sowohl sie als auch die 472 Kriegsgefallenen in Waldkirch (heutiges Gebiet) womöglich vergessen werden.

Auch der Aufruf des Stadtarchivs, Gegenstände aus der NS-Zeit beizusteuern, stieß auf gute Resonanz. Vom Foto bis zur kompletten Uniform, Haushaltsgegenstände mit Hakenkreuzen, ein alter Volksempfänger, ’zig "Mein Kampf"-Bücher und sogar Waffen wurden dem Museum als Leihgabe angeboten. "Die Waffen haben wir natürlich abgelehnt", sagt Gregor Swierczyna. Aber auch ohne dies ist es den Ausstellungsmachern gelungen, viele interessante Stücke zusammenzutragen – ohne dass dies zur Devotionaliensammlung ausartet. Ein in die Ausstellung eingebetteter Film von 1936 zeigt die 1000-Jahr-Feier in Waldkirch, an eine Litfasssäule sind Wahlergebnisse angeschlagen. Auf hohen Stellwänden wird über zeithistorische Ereignisse informiert und über handelnde Personen in Waldkirch, natürlich auch Max Kellmayer und Karl Jäger – aber eben nicht nur: Den Ausstellungsmachern ging es um die Präsentation vieler Einzelschicksale, um Einblick in die NS-Zeit zu geben. Und auch das damals ganz Alltägliche wird gezeigt: So verblüfft die Ausstellung direkt am Treppenaufgang mit einem großen, nahezu romantischen Schwarz-Weiß-Foto von der Kandelstraße – ehe sie später vom Reichsarbeitsdienst asphaltiert wurde.

DIE AUSSTELLUNG

Eröffnung: Sonntag, 19. Juli, 11 Uhr, im Elztalmuseum.

Dauer: bis 19. August. Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 15 bis 17 Uhr, Sonntag 11 bis 17 Uhr.

Führungen: donnerstags (23. und 30. Juli, 6. und 13. August) jeweils 15 Uhr, sonntags (26. Juli, 2. und 9. und 16. August) jeweils 15 Uhr.

Vortrag: "Das Kriegsende in Waldkirch und dem Elztal", mit Professor Heiko Haumann, Dienstag, 21. Juli, 19 Uhr.  

Autor: bz

Autor: sti