Fasziniert von Sagen

Bernd Fackler

Von Bernd Fackler

Sa, 22. September 2018

Waldkirch

BZ-INTERVIEW: Rosemarie Riesterer bietet seit 20 Jahren "Sagenhafte Wanderungen" an.

WALDKIRCH/ELZTAL. Rosemarie Riesterer verbindet in ihren "Schwarzwälder Zeitreisen zwischen Kandel und Rohrhardsberg" seit 20 Jahren Wanderungen im Elz-, Simonswälder- und Glottertal bis St. Peter mit dem Erzählen von Heimatgeschichten und Sagen. BZ-Redakteur Bernd Fackler wollte von ihr Sagenhaftes und auch Anderes wissen.

BZ: Was macht am meisten Spaß bei Ihrer Art von Wanderungen?
Riesterer: ... mit meinen Mitwanderern und -wanderinnen durch rauschende Tannenwälder, romantische Schluchten mit wilden Bächen und Wasserfällen, vorbei an bunten Blumenwiesen und alten Bauernhöfen und auf aussichtsreiche Bergeshöhen zu wandern und ihnen dabei, oft an Originalschauplätzen, spannende Geschichten zu erzählen.

BZ: Wie kamen Sie vor 20 Jahren auf die Idee, solche Wanderungen anzubieten?
Riesterer: Nachdem meine beiden Söhne etwas größer waren, wollte ich nicht mehr in meinen Beruf als Auslandskorrespondentin und Übersetzerin zurück, sondern verspürte ganz stark den Wunsch, zu meinen Wurzeln zurückzukehren und in meiner Heimat draußen in der Natur mit Menschen unterwegs zu sein. Ich erinnerte mich daran, dass mir meine Großmutter in meiner Kindheit oft abends auf der Ofenbank Geschichten von früher erzählt hatte. Und so entstand die Idee, das Wandern mit dem Geschichtenerzählen zu verbinden.

BZ: Woher haben Sie all die Sagen, Geistergeschichten und Anekdoten, die Sie auf Ihren Touren erzählen?
Riesterer: Ich möchte betonen, dass ich vor allem Heimatgeschichten erzähle – also keine Märchen, wie viele Leute immer noch glauben, und auch kaum noch Sagen. In meinen Erzählungen geht es zum Beispiel um das karge Leben der Bergbauern früher hier im Tale, um Originalmenschen wie das Plattewieble vom Kandel oder die Kappele-Marie von der Martinskapelle und vom Rohrhardsberger Sepp. Auch über das oft einsame und entbehrungsreiche Leben der Hirtenkinder, die früher hier das Vieh hüteten, gibt es viel zu erzählen. Und ich führe die Menschen gerne an besondere, geheimnisvolle Orte, wo es auch einiges zu erzählen gibt. Viele Geschichten habe ich aus den Erzählungen meiner bäuerlichen Herkunftsfamilie und von älteren Menschen auf den Höfen, die ich früher gerne befragt habe. Inzwischen sind leider schon viele Zeitzeugen verstorben. Ich lese alle Ortschroniken und bin den Heimatforschern hier sehr dankbar für die vielen Hinweise und Geschichten. Und natürlich habe ich inzwischen eine reiche Bibliothek mit sämtlicher Literatur, die für meine Wanderungen interessant sein könnte. Zuletzt las ich zum Beispiel die beiden Bücher "Kalte Weide" und "Kalte Herzen" von Julia Heinecke. Auch die "Wäldergeschichten" von Fritz Hockenjos sind eine reiche Quelle für mich. Ich bin ständig auf der Suche nach passenden Geschichten und nutze natürlich auch BZ-Artikel! Manchmal bekomme ich auch von Menschen, die von mir gehört haben, wunderbare Geschichten zugeschickt.

BZ: Wie viele verschiedene Touren haben Sie in Ihrem Programm?
Riesterer: Es sind etwa 25 verschiedene Touren, deswegen dauert es immer mehrere Jahre, bis ich die gleiche Tour wieder anbiete.

BZ: Und haben Sie selbst eine Lieblingswanderung?
Riesterer: Ich liebe alle meine Touren, denn jede birgt etwas Besonderes. Sehr gerne wandere ich auf den Kandel oder den Rohrhardsberg, den die einsame Bergwelt fernab vom Verkehrslärm übt einen ganz besonderen Zauber auf mich aus, egal, ob die Sonne scheint oder ob die Wälder nebelverhangen sind.

Immer auf der Suche

nach alten Geschichten

BZ: Geht es 2019 weiter?
Riesterer: Ja, auch im nächsten Jahr möchte ich einige meiner Touren anbieten – ich bin jetzt 65 Jahre alt, aber solange ich mich fit fühle, wird es meine "Sagenhaften Wanderungen" geben!

BZ: Was war der ungewöhnlichste, am weitesten angereiste Gast, was die seltsamste Frage bei einer Wanderung?
Riesterer: Oje, in 20 Wanderjahren ist viel passiert, was ich auch wieder vergessen habe! Spontan fällt mir ein, dass letztes Jahr eine vollkommen blinde Frau an einer Bergtour teilgenommen hat – und sie war mit ihrem Begleiter genauso schnell auf dem Berg wie alle anderen auch. Die am weitesten angereisten Mitwanderer waren aus der Stuttgarter und Basler Gegend, soweit ich mich erinnere. Touristen kommen übrigens so gut wie nie. Zur seltsamsten Frage fällt mir nur ein, dass einmal eine Mitwandererin fragte, ob eine "Bieri" eine Birne sei. Ich hatte von einer "Bäuerin" erzählt, und die ist im Elztäler Dialekt halt eine "Bieri".

BZ: Sie sind gebürtige Waldkircherin und im "Heimattage"-Jahr ist der Begriff Heimat allgegenwärtig. Was bedeutet für Sie selbst Heimat?
Riesterer: Meine erste und unvergessliche Heimat war Heimeck am Fuß des Kandels, wo ich meine Kindheit und Jugend auf unserem Bauernhof verbrachte. Wenn ich im Elztal unterwegs bin, und mich mit den Einheimischen auf den Höfen im Dialekt unterhalte, verspüre ich ein warmes Heimat- und Zugehörigkeitsgefühl, meine tiefe Verwurzelung mit den Menschen und der Landschaft. Inzwischen lebe ich mit meiner Familie (die Söhne sind längst ausgezogen) seit fast 40 Jahren in Denzlingen, und dies ist meine zweite Heimat geworden. Wenn ich aus dem Urlaub aus den schottischen Highlands oder den Tiroler Bergen nach Hause fahre und von weitem das Kandelmassiv sehe, weiß ich, dass ich bald daheim bin und nirgends anders leben möchte.

BZ: Wenn es die Zeitmaschine gäbe: In welchem Jahr – Vergangenheit oder Zukunft – würden Sie gerne mal hier durchs Tal wandern und was würden Sie dabei wohl sehen?
Riesterer: Ich liebe Zeitreisen in Gedanken. Viele vergangene Epochen interessieren mich, zum Beispiel würde ich gerne in die Zeit zurückreisen als meine Vorfahren – die ersten Bauern vor vielleicht 400 Jahren oberhalb Waldkirch das Land gerodet und sich angesiedelt haben. Allerdings würde ich nur kurz verweilen wollen, denn das war wohl auch die Zeit des 30-jährigen Krieges und der Hexenverfolgungen, also nicht ganz ungefährlich für Zeitreisende! Was die Zukunft betrifft, würde ich gerne mal in 100 Jahren über unser Tal schweben und schauen, ob es hier immer noch dieses abwechslungsreiche Landschaftsmosaik mit grünen Wiesen und Wäldern und Höfen gibt, ob hier immer noch Kühe und Ziegen und vor allem die Landwirte die Landschaft offenhalten, oder ob inzwischen die Wälder in die Täler hinuntergewachsen sind, weil es sich für die Bauern nicht mehr lohnt, diese Mühen auf sich zu nehmen.