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20. Mai 2017

Gefährliche Liebschaften

Vortrag von Professor Wette über die Beziehungen von Einheimischen mit Zwangsarbeitern.

WALDKIRCH. Im Rahmen einer Veranstaltung der "Ideenwerkstatt Waldkirch in der NS-Zeit" berichtete der Historiker Wolfram Wette über die Ereignisse vom Sommer 1942, welche in Stadt offensichtlich für einiges Aufsehen sorgten und in deren Folge die Beteiligten zu Zuchthausstrafen verurteilt wurden.

Zwischen sieben und elf Millionen Menschen aus ganz Europa mussten während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeit für die Kriegswirtschaft in Deutschland leisten, "ein historisch einmaliger Vorgang", wie Wette sagte. In das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit rückte das Thema durch den 1978 erschienenen Roman "Eine Liebe in Deutschland" des Dramatikers Rolf Hochhuth über die Beziehung zwischen einem polnischen Zwangsarbeiter und einer deutschen Gemüsehändlerin in Brombach bei Lörrach und ihre Denunziation. Der Mann wurde hingerichtet, die Frau kam ins Konzentrationslager.

Ein vergleichbarer Fall ereignete sich in Waldkirch und auch hier war eine Denunziation der Ausgangspunkt der Verfolgung. Nach mündlicher Überlieferung hätten die örtlichen Denunziationsakten zwei dicke Aktenordner gefüllt. Ihr Inhalt ist nicht mehr bekannt, denn vermutlich seien sie nach dem Zusammenbruch von einem früheren NSDAP-Mitglied aus dem Rathaus entwendet und nach dessen Tod vernichtet worden. Dennoch könne zumindest eine Waldkircher Denunziationsgeschichte rekonstruiert werden, weil sie in den Beständen des Staatsarchivs Freiburg dokumentiert ist.

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Geschildert wird darin der Fall der Frauen Johanna K. und Maria Z., beide damals in den Zwanzigern. Sie waren Arbeiterinnen in der Uhrenfabrik Blessing, die seit Kriegsbeginn Zünder für die Wehrmacht herstellte. In der Firma waren 40 französische Kriegsgefangene tätig, die in einer Baracke im Dettenbachtal untergebracht waren. Die deutschen Arbeiterinnen und die Franzosen arbeiteten gemeinsam in einem großen Saal, zwangsläufig ergaben sich damit Kontakte, und nach Aussage des Meisters Kurt Kratt seien "fast alle Mädels hinter den Gefangenen her gewesen". Diese Kontakte widersprachen den allseits bekannten Verordnungen des Regimes, die für den "verbotenen Umgang mit Kriegsgefangenen" "schwerste Strafe" androhten.

Trotzdem gingen Johanna K. und Maria Z. eine Beziehung mit den Gefangenen René Daems und Albert Tuech ein. Im August 1942 wurden sie von der 20-jährigen Else W., einer Arbeitskollegin, beim "Betriebsführer" und Parteimitglied Rudolf Blessing denunziert, anschließend wurde die Polizei eingeschaltet. Zur Anzeige sei Else W. von ihrem Vater Karl W. gedrängt worden, einem Oberwebmeister bei der Kollnauer Spinnerei und Weberei, der als überzeugter Nationalsozialist galt. Beide Beschuldigte waren geständig, Johanna Z. wurde vom Amtsgericht Freiburg zu einer Zuchthausstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt, was weiter mit ihr geschah, ist unbekannt. Maria K. erhielt eine Haftstrafe von einem Jahr. Nach dem Zusammenbruch des Regimes wurden alle Urteile wegen "verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen" von der französischen Militärregierung als "politisch" aufgehoben. Von der Badischen Landesstelle für die Betreuung von NS-Opfern wurde Maria K. als "Opfer des Nationalsozialismus" zwar anerkannt, ihr Antrag auf Entschädigung aber vom Finanzministerium abgelehnt, da die bestrafte Handlung aus "rein menschlichen Beweggründen" erfolgt sei, Anspruch auf Wiedergutmachung aber nur bei "politischer Verfolgung" bestehe. Auch bei den deutschen Gegnern sei der Umgang mit Kriegsgefangenen verboten gewesen, wurde argumentiert. Damit, so Wette, setzten die Finanzbeamten sich über die Rechtsauffassung der Militärregierung und die Anerkennung von Maria K. als Opfer des NS-Regimes hinweg und lenkten vom rassistisch motivierten Unrechtscharakter der politischen NS-Justiz ab. Dies, sowie die rechtskräftige Bestätigung der Entscheidung durch das Amtsgericht Freiburg im Berufungsverfahren, sei Ausdruck der Reinwaschungsbestrebungen in der Nachkriegszeit.

Die Denunziantin selbst wurde von einem Gericht der Besatzungsmacht zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt, ihr Vater soll für ein halbes Jahr interniert worden sein. Über die Bestrafung der beiden Franzosen ist nichts Genaues bekannt, in vergleichbaren Fällen wurde eine dreijährige Haftstrafe verhängt. Gemäß der rassistischen NS-Ideologie wurden Kriegsgefangene aus den Westmächten milder behandelt als Polen und "Ostarbeiter" aus der Sowjetunion. Während die Wehrmacht ihre Strafhoheit über die westlichen Kriegsgefangenen behielt, gab sie diese über die polnischen Kriegsgefangenen bereits 1940 an die Gestapo ab, die regelmäßig Todesurteile fällte.

Autor: Helmut Rothermel