Gequält und lange fast vergessen

Helmut Rothermel

Von Helmut Rothermel

Mo, 20. November 2017

Waldkirch

Verfolgung eines homosexuellen Elsässers in der NS-Zeit.

WALDKIRCH. Im Georg-Scholz-Haus veranstaltete die Ideenwerkstatt Waldkirch in der NS-Zeit im Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 eine Lesung. Der Freiburger Schauspieler Manfred Burkhart trug Teile aus der Autobiografie des Elsässers Pierre Seel vor, der als junger Homosexueller vom NS-Regime im Sicherungslager Schirmeck-Vorbruck eingekerkert und gefoltert wurde.

Nach mehrmonatiger Haft wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Lange schwieg er über das Leid, das im angetan wurde. Seit den 1980er Jahren berichtete er öffentlich über sein berührendes Schicksal und 1994 wurde er offiziell als Verfolgter und Deportierter des nationalsozialistischen Regimes anerkannt. Seel starb 2005 mit 82 Jahren in Toulouse.

Pierre Seel wuchs in einer gutbürgerlichen Familie in Mülhausen auf, und als 17-Jähriger wurde er sich seiner sexuellen Neigung bewusst. Als ihm an einem bekannten Treffpunkt der Homosexuellen eine Uhr gestohlen wurde, erstattete er Anzeige. Dabei kam sein Name auf eine geheime Liste mit den Namen der Homosexuellen der Stadt. Diese Liste, die später in die Hände der Gestapo geriet, wurde illegal angelegt, denn seit der Revolutionszeit und der Einführung des Code Napoléon (1804) waren gleichgeschlechtliche Beziehungen in Frankreich nicht mehr verboten.

Die Lage der Homosexuellen änderte sich dramatisch, als die deutsche Wehrmacht 1940 das Elsass besetzte, welches nun annektiert und Teil des Deutschen Reiches wurde. Mit der deutschen Verwaltung kam auch der nationalsozialistische Terror- und Verfolgungsapparat ins Land. Im Mai 1941 wurde Pierre Seel verhaftet und nach Schirmeck gebracht. In seiner Autobiografie schreibt er: "Das Lager Schirmeck, ein Sicherungslager, nahm Häftlinge aller Art auf, deren einzige Gemeinsamkeit die Tatsache war, dass sie sich den Zorn der Nazis zugezogen hatten..."

Schläge, Folter und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Die SS-Männer zerbrachen Lineale "auf denen wir knieten, und vergewaltigten uns damit. Das Blut spritzte in alle Richtungen… Als ich die Augen wieder öffnete, glaubte ich, ich befände mich im Hinterraum einer Metzgerei." Das schlimmste Erlebnis für Seel aber war die Hinrichtung seines Freundes Jo. Die Gefangenen mussten zum Appell antreten, "dann tönte laute klassische Musik aus den Lautsprechern, während die SS-Männer ihn nackt auszogen. Dann stülpten sie ihm heftig einen Blecheimer über den Kopf. Sie hetzten die reißenden Wachhunde… auf ihn. Zuerst bissen sie ihn in den Unterleib und in die Schenkel, bevor sie ihn vor unseren Blicken verschlangen. Seine Schmerzensschreie wurden durch den Eimer, der die ganze Zeit über seinen Kopf bedeckte, verstärkt und verzerrt." Dieses schreckliche Erlebnis ließ Seel nie mehr los. Ende 1941 wurde er aus dem Lager entlassen und musste sich verpflichten, mit niemandem über das dort erlebte zu sprechen.

Nun folgte die Einziehung zum Reichsarbeitsdienst und zur Wehrmacht, aus der er 1944 desertierte und in sowjetische Gefangenschaft kam, wo er sich als entkommener französischer Lagerhäftling ausgab. Im August 1945 kehrte er in seine Heimat zurück.

Die folgende Zeit bezeichnet Seel als "Jahre der Scham". Er verdrängte seine Homosexualität, heiratete und gründete eine Familie. Er stellte auch keinen Antrag auf Entschädigung, um den Grund seiner Inhaftierung nicht preiszugeben. Nach dem Scheitern seiner Ehe und der beginnenden öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Verfolgung Homosexueller durch das NS-Regime seit den 1970er Jahren brach Seel sein Schweigen. Als Zeitzeuge berichtete er über die Verbrechen, die er erlebt hatte und 1994 veröffentlichte er seine Autobiografie. Dabei musste er gegen Vorurteile und Anfeindungen, auch von Seiten der katholischen Amtskirche und der Deportiertenverbände, ankämpfen. Noch 1989 war bei einem Gedenktag für die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung in Besançon von einigen Teilnehmern hören: "In die Öfen mit den Homos! Man müsste die Krematorien für sie wieder öffnen!" Nach langjährigen Bemühungen wurde Pierre Seel mit Unterstützung des Mülhausener Bürgermeisters Jean-Marie Bockel als Verfolgter anerkannt. Heute ist eine Straße in Toulouse, seinem letzten Wohnort, nach ihm benannt, und am Mülhauser Stadttheater erinnert eine Tafel an Pierre Seel und andere homosexuelle Opfer aus der Stadt.

Info: 1935 wurde in Deutschland der Paragraf 175 des Reichsstrafgesetzbuches verschärft. Rund 100 000 Männer wurden in "Rosa Listen" polizeilich erfasst, 50 000 wurden strafrechtlich verurteilt. Es kam zu Einweisungen in psychiatrische Anstalten und zu Zwangskastrationen. 10 000 bis 15 000 Homosexuelle wurden in Konzentrationslager verschleppt, etwa die Hälfte von ihnen kam uns Leben. Zahlreiche Menschenversuche wurden durchgeführt, um die Ursachen der Homosexualität zu "erforschen". – Das Buch: "Ich, Pierre Seel, deportiert und vergessen", Köln 1996, ist nur noch antiquarisch erhältlich.