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16. März 2017

Gibt es in Waldkirch bald ein Drittel Läden weniger?

Handelsreferent der IHK sprach bei der Werbegemeinschaft über die "(R)Evolution" des Einzelhandels, die auch Waldkirch trifft.

  1. Thomas Kaiser von der Industrie- und Handelskammer Freiburg hielt ein Impulsreferat zur Zukunft des Innenstadthandels. Foto:  Sylvia Sredniawa

WALDKIRCH (sre). Unter dem Titel "Handel 4.0: (R)Evolution des Einzelhandels" hielt der IHK-Handelsreferent Thomas Kaiser einen Impulsvortrag bei der Werbegemeinschaft. Kaiser verknüpfte dabei Studien zum Einkaufsverhalten der Kunden, die jetzt in einem Alter von unter 40 Jahren und meist sehr aktive Nutzer von Smartphones sind, mit möglichen Entwicklungen des Einzelhandels in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren und stellte dafür sechs Thesen in den Raum.

» These 1: "Der Einzelhandel verändert sich in den nächsten fünf Jahren so stark wie in den letzten 50 Jahren." Das Internet werde dabei zur immer größeren Herausforderung. Der Zalando-Gründer Oliver Samwer soll einmal gesagt haben: "Geschäfte sind Mittelalter. Sie wurden nur gebaut, weil es noch kein Internet gab." Das verändere unsere Städte.
» These 2: "Das Smartphone wird zum wichtigsten Kanal zum Kunden." Schon jetzt würden über 20 Prozent der Waren online erworben, wenn man daraus die überwiegend vor Ort gekauften Lebensmittel abziehe, sogar noch deutlich mehr. Die Hinwendung zum Internet treffe vor allem Sortimente, die unsere Innenstädte prägen. Oder die Kunden verknüpfen unterschiedliche Kanäle: Internetrecherche vorab, Beratung im Laden, Preisrecherche im Internet, Kaufentscheidung für online oder offline, Reparaturen möglichst wieder im Laden.

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Smartphones ermöglichen aber auch "Near-field-communication": Beim Herumlaufen in einer Stadt empfiehlt das Handy aufgrund des Nutzerverhaltens des Besitzers Waren aus angrenzenden Läden. Eine andere Tendenz ist das automatisierte Einkaufen: Der Kühlschrank bestellt "selbst", was fehlt. "Das werden viele ausprobieren", meint Kaiser.
» These 3: "Ein Drittel des inhabergeführten Einzelhandels wird bereits in den nächsten fünf Jahren kaum mehr eine Nachfolge finden." Die Ungewissheit des Marktes wollen viele Inhaber den eigenen Kindern nicht zumuten, Geschäftsmieter aber seien aufgrund der hohen Mietkosten in den Innenstädten kaum zu finden. "Was tun wir mit dem Leerstand? Wie schaffen wir es, dass Städte trotzdem Lebendigkeit ausstrahlen?", fragt Thomas Kaiser.
» These 4: "Innenstädte, insbesondere in Klein- und Mittelzentren müssen sich neu erfinden." Der Rückgang im Einzelhandel werde "disruptive Auswirkungen" auch auf Dienstleistungsgewerbe, wie Banken und Gastronomie, haben. Die Kunden wünschen sich jedoch, dass das Angebot ebenso stimmt wie Erreichbarkeit, Flair, Sauberkeit, der "Erlebnischarakter" der Innenstadt und vieles mehr. Grundversorgung wie Bäcker, Metzger, Gemüse und Supermarkt seien Frequenzbringer auch für andere – dies müssten Städte entsprechend unterstützen, um einer Verödung entgegen zu wirken.
» These 5: "Digitale Sichtbarkeiten der Einkaufsorte, Stadt und Betrieb, sind ein Muss" und zwar möglichst individuell und im Verbund als Internetpräsenz.
» These 6: "Gewerbevereine stehen vor dem Scheideweg. Professionalisierung ist unabdingbar." Kaiser riet hier zum Schulterschluss zwischen Gewerbeverein, Stadt und Tourismusgesellschaft. Der sei auch aus Sicht der Stadt unabdingbar, weil sich Händler oft in die Stadtgesellschaft noch anders einbringen als durch Verkauf, nämlich durch Vereinsunterstützung, Ausbildung, Sponsoring und mehr. "Eins ist klar", so Kaiser provokant: "Die Stadt braucht den Handel, um zu funktionieren – der Handel braucht die Stadt eigentlich nicht."

Autor: sre