Auszeichnung

In Waldkirch wurden die Landespreise für Heimatforschung verliehen

Sylvia Sredniawa

Von Sylvia Sredniawa

Sa, 24. November 2018 um 12:12 Uhr

Waldkirch

Sie haben teils jahrelang durch Archive gegraben, sich in ihren Dörfern und Städten umgehört oder Zeugen vergangener Zeiten befragt: Das sind die Preisträger des Landespreise für Heimatforschung

Einer der letzten Höhepunkte im Veranstaltungsjahr der baden-württembergischen Heimattage 2018 in Waldkirch war jetzt die Verleihung der Landespreise für Heimatforschung.

Preis wurde zum 37. Mal verliehen

Die jüngsten Preisträger sind noch eine ganze Zeit lang Schüler, die ältesten im fortgeschrittenen Rentenalter. Eine Jury aus 16 Personen – darunter auch mehrere aus dem Raum Freiburg – sichtete die insgesamt 169 eingereichten Werke, um die besten Arbeiten herauszufinden und für die Ehrung vorzuschlagen, berichtete Ulrich Steinbach, Ministerialdirektor im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst bei der Festveranstaltung. Der Landespreis für Heimatforschung, den die Landesregierung im Zusammenwirken mit dem Landesausschuss Heimatpflege verleiht, wurde nun bereits zum 37. Mal verliehen, die Ausschreibung für den 38. Preis hat gerade begonnen.

Heimatforschung, so Steinbach, gebe Antworten auf zentrale Fragen. Wer Zukunft gestalten will, müsse seine Vergangenheit kennen. Heimatforschung mache den Bürgern ein wichtiges Identifikationsangebot. "Was man kennt, schätzt und schützt man."

Das sind die ausgezeichneten Forschungsprojekte

  • Mit Liebe und Sexualität – und den Folgen, wenn diese nicht dem traditionellen Bild entspricht – beschäftigte sich eine Stuttgarter Gruppe. Für eine Internetpräsenz unter dem Titel der-liebe-wegen.org zeichneten sie die Schicksale von 250 Menschen nach, die, vor allem wegen ihrer Homosexualität im Nationalsozialismus, verfolgt und geächtet wurden. Rainer Hoffschildt hatte mit den Forschungsarbeiten schon 1987 begonnen, später stießen Werner Biggel, Ralf Bogen, William Schäfer und Claudia Weinschenk dazu und durchforsteten unter anderem Gerichts-, Gefängnis- und KZ-Akten. Es sei eine mühsame Arbeit gewesen, da viele Akten vernichtet oder "gesäubert" worden waren. Aber mit Geduld und Forschergeist könnten die Schicksale aufgedeckt werden. "Heimat" ist für die Gruppe, "wo man authentisch leben und lieben kann". Für ihre herausragende Forschungsarbeit erhielt die Gruppe den ersten Preis.
  • "Eine Gölte Wasser" war das Thema von Erwin Gayer aus Eberdingen. Er beschäftigte sich mit der Geschichte der Wasserversorgung des Örtchens Nussdorf, das drei Kilometer von Fließwasser entfernt liegt und wo das Vieh früher oft nur aus Regenwasserpfützen zu saufen bekam, wie Gayer berichtet. Eine Gölte Wasser waren das Maß eines Gefäßes (16 bis 18 Liter) zur Versorgung einer Familie. Sonst war es sehr mühselig, zu Wasser zu kommen. Verbesserungen gab es ab dem Zeitpunkt, als eine Quelle gefasst wurde und nun über eine Pumpstation das Wasser mit einer Dampfmaschine 120 Meter bergaufwärts gepumpt und über einen Hochbehälter im Ort verteilt wurde. Dies zeichnet Erwin Gayer in seiner Entwicklung nach und erhielt dafür einen zweiten Preis.
  • Dem "Berg der Wahrheit", nämlich der Historie des Weißenburgparks im Stuttgarter Stadtteil Bopser, widmete sich Klaus Steinke aus Sindelfingen. Das Gelände gehörte unter anderem dem Seifenproduzenten Ernst von Sieglin (1848-1927). In den 1920er Jahren fanden hier Filmaufnahmen mit Ausdruckstanz statt. Nach dem Abriss der Villa in den 1960er Jahren existieren im Park heute als Gebäude nur noch der Marmorsaal und das Teehaus, so dass, so Steinke, eine gewisse Ratlosigkeit beim Besucher entsteht, was es mit dem Park auf sich hat. Klaus Steinke deckte die wechselhafte Geschichte auf und dokumentierte sie im Buch "Teehaus, Tanz und Berg der Wahrheit". Er erhielt für seine Forschung ebenfalls einen zweiten Preis.
  • Das Thema Eingemeindung ließ die zwei Schüler Johannes Rösch und Daniel Meßmer aus Engen nicht los. Sie beschäftigten sich mit dem Hergang und den Folgen der Gemeindegebietsreform 1975, als ihr Ort Welschingen in die Stadt Engen eingemeindet wurde, was damals – wie auch in anderen Orten bei Gebietsreformen der Fall war. Sie gingen in Interviews und Dokumentenrecherche auch der Frage nach, ob das Zusammenwachsen gelungen ist. Dafür gab’s einen Schülerpreis.
  • Mosbacher Geschichte(n) deckte die Geschichts-AG des Nicolaus-Kistner-Gymnasiums Mosbach auf, indem die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft 25 ältere Menschen über ihre Kindheit und Jugend befragten und so erkundeten, wie sie lebten zu einer Zeit, als Plumpsklos noch normal waren und auch die Schlittenfahrt durch den ganzen Ort – "jetzt gibt’s nicht mal mehr Schnee" kommentierte eine der Schülerinnen im eingespielten Video. Auch Fotos und Dokumente wurden gesichtet. Im Ergebnis entstand eine Broschüre darüber. Auch dafür gab’s einen Schülerpreis.
  • Heilbronns Umgang mit den Nationalsozialismus war Thema einer Gruppe Jugendlicher aus Untergruppenbach. Mara Pfeffer, Leonie Pfeffer, Christiana Zhelegu, Léon Fisel und Janina Fabriz beschäftigten sich mit den Themen Entnazifizierung (am Beispiel ihrer eigenen Schule) und der Entstehung und Wirkung von Denkmälern und Stolpersteinen in Heilbronn auf das Gedenken und Erinnern. Ihre provokante Frage: Ist die Aufarbeitung der Vergangenheit ein Trugschluss? Welchen Sinn hat das Erinnern? Dafür gab’s den Jugendförderpreis.
  • Ein jüdisches Schicksal im Dreisamtal war das Thema von drei Schülern des Kollegs St. Sebastian in Stegen. Kays Allgaier, Paul Lieb und Jakob Seidel und weitere Schüler der Geschichts-AG unter Leitung des Lehrers Claudius Heitz beschäftigten sich mit einer Familie, die früher in Burg-Höfen lebte. Wie war sie im Nationalsozialismus Ausgrenzung und Verfolgung ausgesetzt? Wie verhielten sich die Dorfbewohner ihnen gegenüber? Wie konnte sie gerettet werden? Die Gruppe rekonstruierte das Schicksal der Familie zwischen 1933 und 1945. Einer der Familienangehörigen kam extra aus Berlin, um den Jugendlichen Dokumente zur Verfügung zu stellen. Auch eine Freundin der Familie berichtete als Zeitzeugin. Auch frühere Nachbarn wurden befragt, "wir fanden offene Türen vor" und eine große Bereitschaft des Mitwirken. Nach Abschluss dieses Projektes hat die Geschichts-AG des Kollegs schon wieder neue Pläne: Als Nächstes wird zum Thema Euthanasie im Dreisamtal geforscht.

    Waldkirchs OB-Stellvertreter Klaus Detel wünschte sich bei der Preisverleihung, dass die jetzt geehrten Heimatforscher viele Nachahmer, vor allem auch in der jüngeren Generation, finden. Heimatforschung zeige die Vielfalt der Geschichte in einer zusammenwachsenden Region und in Europa. Das stelle einen unschätzbaren Wert dar. Die Verleihung wurde von SWR-Radiomoderator Klaus Gülker erfrischend moderiert, die Waldkircher Musikerfamilie Zickgraf sorgte für die würdige Umrahmung. Die Preise wurden vom Land mit Urkunden und Preisgeldern von insgesamt 11 000 Euro sowie von der Stadt Waldkirch mit Buchprämien gewürdigt.

Weitere Anerkennungspreise für herausragende Leistungen erhielten:
  • Franziska Gaibler, Eningen: Die evangelische Kirche im Gewissenskonflikt während der Zeit des Nationalsozialismus an regionalen Beispielen.
  • Pascal Eichner, Ludwigsburg: Wilhelm II. von Württemberg – traditioneller Fürst oder moderner Staatsmann?
  • Karlheinz Hegele, Schwäbisch-Gmünd: Die (ehemaligen) Mühlen und Mühlbäche der Stadt Schwäbisch-Gmünd.
  • Wolf-Henning Petershagen, Ulm: Ulms Straßennamen – Geschichte und Erklärung.
  • Michael Kuckenburg, Tübingen: Neuanfang mit den Männern von gestern? Die Bereitschaftspolizei Göppingen und ihre NS-Vergangenheit.
  • Peter Kieferle, Stuttgart: Die Neckarvorstadt zu Cannstatt.

Ausschreibung 2019

Einsendeschluss ist der 30. April 2019, Schülerpreis 31. Mai. Bewerbungsinformationen unter landespreis-fuer-heimatforschung.de