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20. Juni 2015 18:16 Uhr

Redaktionsgespräch

Der Luchs ist zurück im Elztal – und nun?

Im Elztal streunt seit Monaten ein wilder Luchs durch die Wälder. Nicht alle freut das. Im Redaktionsgespräch mit Experten gehen die Meinungen über das wilde Tier weit auseinander.

  1. Experten im Gespräch (von links): Hubertus Disch, Frank Waibel, Peter Willmann, Martin Moosmayer und Micha Herdtfelder Foto: Bernd Fackler

  2. Luchse können bis 1,10 Meter lang werden. Foto: Rüdiger Haase

  3. Luchse zählen zu den Kleinkatzen. Sie könne ihre Krallen ein- und ausziehen. Foto: dpa

  4. Ein Luchs in der Fotofalle der Forstlichen Versuchsanstalt Freiburg (FVA). Foto: FVA

  5. Ein in den Hochschwarzwald eingewanderter Luchs liegt betäubt auf einer Plane. Er wurde von FVA-Mitarbeitern mit Peilsendern versehen. Foto: dpa

"Luchse wurden noch vor 40 bis 50 Jahren mehrere angetroffen, jetzt keine mehr", steht im Buch "Über den Schwarzwald" anno 1817 geschrieben. 1:0 für die Gegenwart, könnte man sagen, denn seit einigen Monaten ist bekanntlich erstmals seit längerer Zeit wieder ein wilder Luchs unterwegs – und das sogar im Elztal. Das freut viele, aber doch nicht alle, wie ein Redaktionsgespräch mit Experten in der BZ-Redaktion in Waldkirch zeigte.

"Ein gewisses Maß an Vertrauen schaffen zwischen denen, die sich für den Luchs einsetzen und denen, die als Landwirte oder Jäger teilweise skeptisch sind: Mit offenen Karten spielen", das sei wichtig als Basis, so Peter Willmann. Der Elzacher Forstdirektor im Ruhestand ist Vorsitzender der Luchs-Initiative Baden-Württemberg, die seit 30 Jahren besteht.

Die Bevölkerung muss sich erst an das Tier gewöhnen

Berufskollege Martin Moosmayer, Leiter des Forstbezirks Waldkirch, weiß: "Der Luchs ist ein großes Thema bei den Jägern. Das wird kontrovers diskutiert; an den Stammtischen gehen schon mal die Wogen hoch – und bei den Landwirten auch. Wenn das erste Mal seit 245 Jahren wieder so ein Raubtier richtig beobachtet werden kann, muss die Bevölkerung erst einmal ein Verhältnis zu ihm aufbauen. Entscheidend ist: Wir haben hier große, unzerschnittene Wald-Lebensräume, einen Lebensraum für den Luchs. Die Frage ist: Ist die Akzeptanz da für eine dauerhafte Population?

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Viele Tiere kommen aus dem Schweizer Jura

Ein Luchs- und Wolf-Experte ist Micha Herdtfelder von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg. Er tritt einem bei Luchs-Gegnern beliebten Gerücht entgegen, die Tiere würden ausgesetzt: "Eine aktive Wiederansiedlung wurde nicht durchgeführt." Luchse seien bisher nur sehr vereinzelt im Schwarzwald unterwegs. Deren Herkunft zu bestimmen, sei Teil des von uns durchgeführten Monitorings und wir finden keinerlei Hinweise auf illegale Aussetzungen. "Bei vielen Tieren konnten wir eine Zuwanderung aus dem Schweizer Jura nachweisen." Die Schweizer Nachbarn haben den Luchs in den 1970er Jahren wieder aktiv angesiedelt – mit dem Verständnis, dass er das Ökosystem bereichert.

Viele sorgen sich um Schafe und Ziegen

Hubertus Disch, Schneiderbauer aus Yach und dort auch BLHV-Vorsitzender, ist dieser Meinung nicht, gibt sich aber kompromissbereit: "Wir sind 250 Jahre ohne Luchs ausgekommen. Es gäbe wahrscheinlich Probleme für die Halter von Schafen und Ziegen. Wie soll das funktionieren mit der Offenhaltung der Landschaft, die durch die Nutztiere möglich wird? Wenn der Luchs von allein zuwandert, habe ich aber kein Problem damit, nur bei aktiver Ansiedlung." Ähnlich sieht es Kreisjägermeister Frank Waibel: "Wir sind gegen ein Aussetzen gefangener Luchse. Aber wir unterstützen es, wenn Luchse tatsächlich diesen Lebensraum wieder besiedeln."

Die Chance, dass Luchse von selbst heimisch werden, ist sehr gering

Aber dann wird’s allerdings wohl vorerst nix mit dem Luchs als dauerhaftem Schwarzwaldbewohner, so Micha Herdtfelder: "Wenn man Luchse wieder als Population haben will, müsste man ihn ansiedeln, das ist aktueller Expertenstand. Die Chance, dass Luchse in den nächsten Jahrzehnten von selbst wieder heimisch werden, ist sehr gering. Im Schwarzwald wurden bisher nur männliche Tiere festgestellt". Und diese würden über kurz oder lang wieder abwandern, wenn sie kein Weibchen finden oder zumindest Anschluss an ein benachbartes Revier.

Die Batterie des Luchs-Senders hält ein Jahr

Peter Willmann: "Man muss miteinander reden, Akzeptanz schaffen. Anders als in der Schweiz in den 1970er Jahren", als man, ohne zu fragen, Luchse aussetzte. Und: "Eine Luchs-Population im Schwarzwald sollte als Verbindung mitteleuropäischer Luchs-Gebiete (Schweiz, Pfälzer Wald) dienen". Sehr zahlreich sind die Luchs-Nachweise in "Deutsch-Südwest" nicht. Ab 2005 war einer im Donautal (wurde 2007 überfahren), 2013 in der Wutachschlucht, außerdem gab’s Beobachtungen im Münstertal und diesen Winter im Kinzigtal und Elztal. Von letzterem wurden Fährten im Januar und Februar entdeckt. Dann erst wieder im April, als es gelang, ihn einzufangen und, mit einem Sender versehen, wieder frei zu lassen.

Einen Namen hat der Luchs auch: Friedl

Die Batterie hält ein Jahr, und falls der Sender nicht streikt, so Micha Herdtfelder, sei dies auch das Ziel: Ein Jahr lang Landwirten und Jägern zeigen: Was tut der Luchs? Wieviel Beute macht er? Merkt ihr was von ihm? Wieviel Raum braucht er? Ein Durchschnittswert für ein Männchen seien etwa 170, für ein Weibchen 120 Quadratkilometer als Revier.

Seit dem April weiß man also immer, wo der Luchs ist, die genetischen Analysen zur Bestimmung der Herkunft laufen noch. Einen Namen hat er inzwischen auch: Friedl.

260 Quadratkilometer hat Friedl seitdem vom Elztal über das Gutachtal und bis zum Hochschwarzwald durchstreift. Stolze Leistung. Gerissene Tiere, die sicher auf sein Konto gehen, sind bisher zehn Rehe, vier Schafe, und eventuell eine Ziege – das wird noch untersucht. Nicht für alle eine stolze Leistung. Der aktuelle "Friedl-Standort" wird nicht öffentlich bekannt gegeben, außerdem, so die Luchs-Experten: "Auf Jagd gehen wird er an verschiedenen Stellen, denn die Rehe werden aufmerksamer".

Womit man beim Thema "Wer zahlt, wenn der Luchs Beute macht?" angekommen ist. Peter Willmann: "Es gibt einen privaten Entschädigungsfonds von sechs Verbänden". "Wichtig ist, dass es schnell, unbürokratisch, großzügig läuft", so Micha Herdtfelder: "Voraussetzung: Es muss ein bestätigter Luchsschaden sein und gemeldet werden."

Der Schwarzwald ist als Lebensraum geeignet

Gerade da sieht Landwirt Hubert Disch ein Problem: "Bei einer ganz kleinen Herde ist das noch überschaubar. Aber bei einer größeren? Jeden Tag die Schafe zu zählen, ist zusätzlicher Zeitaufwand für die Bauern."

Als möglicher Lebensraum für den Luchs sei der Schwarzwald durchaus geeignet, so Moosmayer und Herdtfelder. Neben ausreichendem Platz braucht ein Luchs Rückzugsmöglichkeiten und als Nahrung im Jahr rund 50 Rehe – verteilt auf 100 bis 200 Quadratkilometer. Auf einer vergleichbaren Fläche werden jährlich in Baden-Württemberg 450 bis 900 Rehe bei der Jagd oder auf Straßen getötet, sagen sie.

Der Luchs tötet nur sehr selten Nutztiere

Und wie überwindet man Widerstände gegen den Luchs? Herdtfelder: "Es gibt viele Jäger, die großes Interesse entwickeln an dem Thema und die uns von Ihren Erfahrungen im Revier berichten. Wenn da Sorgen bestehen, hat es ganz viel mit fehlendem Vertrauen gegenüber uns Wissenschaftlern oder den Luchsbefürwortern zu tun. Wir wollen vermitteln und Vertrauen aufbauen. Bei Landwirten kann der Luchs dann zu einem realen Problem werden, wenn er Nutztiere tötet, was zum Glück nur sehr selten vorkommt."

Frank Waibel: "Es ist wichtig, durch den Sender, dass man weiß; Was geht denn bei mir im Revier? Beim Luchs damals im Donautal gab es jagdlich keine Veränderungen, als er da war. Das sind Dinge, die die Akzeptanz fördern".

Landwirte befürchten Einschränkungen

Martin Moosmayer: "Man muss sich mit dem Tier erst mal auseinander setzen, sich aneinander gewöhnen. Vom Tourismus her wäre der Luchs wohl eher positiv zu sehen – als Zeichen intakter Natur."

Wobei, so Peter Willmann, ein Hauptargument der Landwirte gegen den Luchs die Befürchtung sei, dass dann durch Naturschutz (neue Flora-Fauna-Habitat-Gebiete?) weitere Einschränkungen auf sie zukämen – was der BLHV auch klar ablehne und fachlich nur in Ausnahmefällen zu begründen wäre, weiß Micha Herdtfelder. Und schließlich, so Hubertus Disch: "Man muss aus den Köpfen rauskriegen, dass die Luchse ausgesetzte Tiere seien", denn viele würden dies gerne glauben.

Wie geht’s nun weiter? "Es wird eine Gruppe geben – mit Jägern, Landwirten, Forstverwaltung, Naturschützern – da werden wir uns regelmäßig besprechen: Wo drückt gerade der Schuh?", so Micha Herdtfelder. Vertrauen bilden, heißt weiter die Devise. Zum Beispiel so: "Die Jäger, in deren Revieren der Luchs einen Riss hatte, werden von uns informiert".

Zum Schluss: Was bedeutet – in einem einzigen Wort – der Luchs für die fünf Gesprächsbeteiligten? "Vielfalt", sagt der Vorsitzende der Luchsinitiative. "Beobachtung" der Wissenschaftler von der Forstlichen Versuchsanstalt. Der Forst-Chef: "Bereicherung". Der Kreisjägermeister: "Spannung". Und der Landwirt: "Bauchweh".


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Autor: Bernd Fackler