"Märkte sind Leben, Geschichte, Menschen"

Jürgen Dettling

Von Jürgen Dettling

Mi, 04. Oktober 2017

Waldkirch

BZ-SERIE zum Wochenmarkt: Michael Meier bewirtschaftet sein Land in Ihringen und verkauft Bio-Produkte in Waldkirch.

WALDKIRCH. Waldkirch hat zweifellos einen der schönsten Märkte in Südbaden. Mittwochs und samstags fahren vor allem Erzeuger aus dem Umland auf, was die Region zu bieten hat. Hier trifft man sich, bummelt, nascht, deckt sich mit guten Lebensmitteln ein, hält das eine oder andere Schwätzchen. Wir stellen in loser Folge Menschen vor, die hier ihre Produkte anbieten.

Die ältere Dame steht jeden Samstag vor dem kleinen Marktstand von Michel Meier. Fasst Tomaten an, prüft eine Birne. "Ihre Sachen schmecken wir früher bei meiner Mutter", sagt sie. Ein Mann schaltet sich in das Gespräch ein: "Die Tomaten – genau wie damals, als wir als Kinder auf den Sommerfeldern waren". Michel Meier liebt solche Gespräche, dafür macht er seine Arbeit mit immer neuer Begeisterung. "Und wenn ich sehe, dass eine Oma nicht viel Geld hat, leg ich noch ein bisschen was umsonst dazu".

Meier, 50 Jahre jung, ist Überzeugungstäter. Biologischer Landbau, Sortenvielfalt, Direktvermarktung sind die Säulen seines Geschäfts. Vor sieben Jahren hat er den elterlichen Hof übernommen, nachdem er Lehr- und Wanderjahre als Küfer und Landschaftsgärtner hinter sich hatte, 15 Jahre davon in Italien. Dort, in einer Kräutergärtnerei in Umbrien, erreichte ihn damals der Anruf der Mutter: Wir schaffen es nicht mehr, du musst den Hof machen oder wir müssen ihn verkaufen. Er musste nicht lange überlegen, stellte aber eine Bedingung: Wir gehen aus der Genossenschaft raus, ich will selbst vermarkten. Und stellte von konventioneller Landwirtschaft auf Bio um.

Die Eltern staunen auch heute noch manchmal, dass das funktioniert. Es gibt einen zunehmenden Bedarf an verlässlicher, ehrlicher Ware – und die Kundschaft, die dafür etwas mehr Geld auszugeben bereit ist als beim Discounter. Was ihn antreibt? Ehrliche, unverfälschte, schmackhafte Ware zu produzieren. "Mich interessiert der Geschmack, den meine Großmutter auf der Zunge hatte."

Ortswechsel. Ein Grundstück bei Ihringen, etwa einen Hektar groß, eines von mehreren der Meiers. Es sieht genau so aus, wie sich das in der alten Kulturlandschaft des Kaiserstuhls gehört: bunt, vielfältig, charmant. In seiner ruhigen, unaufgeregten Art, aber mit einer guten Portion Stolz, zeigt Michel Meier die Obstbäume, das Gemüse, die Tomaten – derzeit sind es 30 alte Sorten – unter der Folie und im Freiland, Blumen, ein Stück Brachland, auf dem er dann nächstes Jahr wieder anbaut. Und breitet eine ganze Palette von Zukunftsplänen aus. Man muss sich immer etwas Neues einfallen lassen, sagt er. Experimentiert mit Herz-Artischocken, Auberginen, Melonen. Demnächst will er ein Online-Verkaufsportal aufmachen.

Als im Frühsommer eine Phase vieler Kirschen kam, stellte er sich kurzentschlossen in Breisach vor ein Ausflugsschiff. "Die Amis", grinst er, "haben mir die Schalen fast aus den Händen gerissen". Mit einem Freiburger Restaurant will er als Lieferant ins Geschäft kommen. Dann baut er auf einem großen Stück Feld passgenau nach den Wünschen des Kochs an. Und wenn er demnächst die Dame seines Herzens heiratet, wollen sie einen Hofladen eröffnen.

Michel Meier: ein Träumer auf dem Boden der Tatsachen. Ein Individualist, der sich mit Kollegen vernetzt, mit denen er zum Beispiel Tomaten gegen Feigen tauschen kann. "Ich hab halt was zum Tauschen", sagt er. "Das macht frei. Und wenn du für eine Flasche Schnaps einen Hasen willst, muss dein Schnaps gut sein". Aber ohne das Zwischenmenschliche geht gar nichts. "Authentisch und ehrlich musst du sein. Dann kaufen die Leute bei dir." Ein verschmitztes Lächeln macht sich unter der Schirmmütze breit. "Natürlich ist alles auch ein bisschen Theater auf so einem Markt. Du musst halt Geschichten erzählen. Das hab ich in Italien gelernt. Märkte sind Leben, Geschichte, Menschen. Der Wochenmarkt ist einer der letzten Orte, wo noch ein Sozialleben herrscht. Hier ist Zusammenhalt." Seine Kundschaft mag und schätzt ihn, man kann es spüren. Da wird ein Gespräch von letzter Woche fortgeführt, über Äpfel gefachsimpelt, ein Rezept für junge Möhren mit Honig zum Besten gegeben. So lässt es sich leben. Zukunftsängste kennt Michel Meier nicht. "Ich habe bewusst nicht auf Monokultur umgestellt, mit einer halben Million Euro Kredit für Maschinen und eine Halle. Der Hof ist schuldenfrei. Mein Vater sagt immer – und der hat den Satz vom Opa: Man sollte von allem etwas haben. Irgendwas läuft immer."