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14. September 2017 12:11 Uhr

Jäger und Brommer

Opas cooler MP 3 Player – Deutscher Orgeltag in Waldkirch

Aus Anlass des Deutschen Orgeltags öffneten die Orgelwerkstatt Jäger & Brommer und der Orgelbauersaal der Waldkircher Orgelstiftung ihre Türen.

  1. Viele Schätze des Waldkicher Orgel- und Orchestrionbaus sind im Orgelbauersaal zu bewundern. Foto: Helmut Rothermel

Die Werkstatt für Orgelbau wurde 1988 von Heinz Jäger und Wolfgang Brommer gegründet und hat sich inzwischen zu einem weltweit anerkannten und mehrfach ausgezeichneten Betrieb mit 13 Mitarbeitern entwickelt. Firmenchef Wolfgang Brommer stellte beim Rundgang durch die Arbeitsräume einige der aktuellen Projekte vor. Neben verschiedenen Restaurierungen findet sich darunter auch einen Neubau in Tokio.

Klangraum in Marmoutier

Weltweit einmalig ist die ab 8. Oktober diesen Jahres zu besichtigende begehbare Orgel, die für das europäische Orgelzentrum im elsässischen Marmoutier von Jäger & Brommer gebaut wurde: In einem "Klangraum" sind die unterschiedlichen Elemente einer Orgel wie Spieltisch, Pfeifen und Ventile an verschiedenen Stellen verteilt und Aufbau und Zusammenspiel des Instruments und seiner Teile können so ganz sinnlich erfahren werden. Die Steuerung der Anlage ist vollkommen elektronisch und an Keyboards können die Besucher mitspielen. Der Klang selbst wird aber aus herkömmlichen, authentischen Pfeifen erzeugt.

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Alle früheren im Orgelbau unternommenen Versuche, die Pfeifen durch Lautsprecher elektronisch zu ersetzen, seien klanglich kläglich gescheitert. Eine Visualisierung des Klangs werde in Marmoutier durch die LED-Beleuchtung der Pfeifen erreicht, die beim Spiel "wie in einer Disco blinken", sagt Brommer.

Seit der Betriebsgründung hat die Waldkircher Firma 150 neue Orgeln gebaut und 45 reorganisiert, das heißt restauriert oder erweitert. Bei der Arbeit an den älteren Orgeln sei deutlich zu erkennen, erläuterte Brommer, dass jede Zeit, entsprechend dem vorherrschenden Musikgeschmack, ihre eigenes Klangbild entwickelt habe. Beispielsweise klinge eine Barockorgel sehr anders als eine aus der Zeit der Romantik im 19. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei zeitweise die Tendenz vorherrschend gewesen, älteren Orgeln bei Restaurierungen einem moderneren Klang zu geben. Ein Unterfangen, das misslingen musste, weil dabei die ursprüngliche Stimmigkeit des Instruments verloren ging. Dieser Irrweg sei im Orgelbau aber längst überwunden und bei Restaurierungen bemühe man sich, den Intentionen und Vorstellungen des Instrumentenschöpfers möglichst nahe zu kommen. Zwar habe jeder Orgelbaumeister sein eigenes Klangideal, letztlich gehe es heute bei Neubauten aber darum, ein den Menschen "dienliches" Instrument zu schaffen. So solle eine Kirchenorgel nicht möglichst laut, sondern so klingen, dass sie zum Mitsingen animiere.

Globalisierung birgt große Chancen für Orgelbau

Betrachte man die Geschichte des Instruments, so reiche diese bis ins antike Griechenland zurück. Damals wurde mit Wasserpumpen Wind erzeugt, der Pfeifen zum Klingen brachte. Die späteren Orgeln könne man als typisches deutsches Kulturgut bezeichnen. Hier waren seit dem 9. Jahrhundert in den romanischen Bischofskirchen und größeren Klöstern Orgeln zu hören, die allerdings kleiner und einfacher konstruiert waren als in späterer Zeit. Wenige kleine Tasten wurden mit der Faust "traktiert" und erzeugten einen im Vergleich zu später weniger differenzierten Klang.

Einen gewaltigen Schub erhielt der Orgelbau in der Zeit der Reformation und dann des Barock. Seit dem 19. Jahrhundert kamen die Instrumente auch in Dorfkirchen zum Einsatz und ihre Zahl stieg rapide. In Deutschland stehen heute mehr als 90 Prozent der Orgeln in Kirchen, insgesamt rund 50 000 Instrumente und damit die meisten der Welt in einem Land. Quantitativ gesehen folgen Frankreich, England und Italien und je weiter man nach Osten schaue, desto geringer sei ihre Anzahl.

In Japan gibt es heute rund 1300 Instrumente, in China gerade 100, viele wurden dort während der Kulturrevolution in den 1960er Jahren zerstört. Allerdings gebe es in China inzwischen wieder um die 50 000 christliche Kirchen mit Bedarf an Orgeln. Insgesamt könne man sagen, dass die Globalisierung für den Orgelbau eine Riesenchance und die Gegenwart die geschichtlich beste Phase für das Gewerbe sei. Dem Orgelbauer stehe dank Internet, moderner Technik und Materialvielfalt ein Riesenfundus an Wissen und Möglichkeiten zur Verfügung.

Eine lange Tradition

Dass die Orgel weit mehr als ein Kircheninstrument ist und "Gott und der Welt" dient, zeige nicht zuletzt ein Blick auf die geschichtliche Entwicklung in Waldkirch. Hier begann der Orgelbau 1799 mit Mathias Martins Kirchenorgeln. 1834 begann Ignaz Blasius Bruder mit dem Bau von Drehorgeln. Sie dienten der Unterhaltung sowie der Belehrung und Informationsvermittlung mittels Moritaten und Figuren. Im Schwarzwald waren im 19. Jahrhundert nicht wenige fahrende Musikanten in den Dörfern unterwegs und die Drehorgel erklang bei Hochzeiten, Beerdigungen und zum Tanz. Es folgten große Jahrmarkt- und Karussellorgeln, schließlich Orchestrien als selbstspielende Klaviere und Musikautomaten.

Die technische Entwicklung verlief von der Mechanik über die Pneumatik zur Elektrik und Elektronik. Insgesamt gab es seit 1799 in Waldkirch 25 Orgel- und Orchestrionbaufirmen, meist waren um die vier bis fünf gleichzeitig tätig. Größte Firmen waren unter anderem Wilhelm Bruder & Söhne sowie der Orchestrionbauer Weber mit jeweils rund 90 Mitarbeitern. Nach dem Niedergang des Gewerbes vor und im Zweiten Weltkrieg hat Waldkirch heute wieder fünf Orgelbaufirmen.

94 Instrumente aller Werkstätten ab 1806 können heute im Orgelbauersaal der Waldkircher Orgelstiftung bewundert werden. Großen Wert legt diese auf die Vermittlung des Kulturguts Orgel, etwa als Initiator der "Deutschen Orgelstraße", der technischen Wissensvermittlung mit der Sonderausstellung "Pins & Bytes" und den Klangerlebnissen im "Haus der Klänge".

Die junge Generation könne begeistert werden, berichtete Wolfgang Brommer aus eigener Erfahrung, wenn man ihr erklärt, dass auch Drehorgeln Musikcomputer mit Hard- und Software sind, also "Opas coole MP 3 Player".

Autor: Helmut Rothermel