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12. November 2012

Rezepte gegen Politikverdrossenheit

Gemeinschaftskunde aus dem Labor geholt: Veranstaltung mit Politikern am Geschwister-Scholl-Gymnasium Waldkirch.

  1. Stecken die Parteien in der Krise? Nach Antworten dazu suchten, auf dem Foto von links, Gregor Mohlberg (Linke), Andre Martens (Piraten), Sascha Fiek (FDP), Luisa Boos (SPD), Yannick Bury (CDU/Junge Union) und Timothy Simms (Grüne) am Geschwister-Scholl-Gymnasium. Foto: Linus Joos

WALDKIRCH. Schüler gelten Erwachsenen oft als desinteressiert an allem, was die große weite Welt so zu bieten hat. Wer von ihnen würde freiwillig auf die Idee kommen, sich mit Themen wie Parteien oder Politikverdrossenheit auseinanderzusetzen? – Oder doch? Ein gutes Beispiel lieferten die Gemeinschaftskunde-Schüler der Kursstufe 1 des Geschwister-Scholl-Gymnasiums mit der von ihnen organisierten Podiumsdiskussion "Parteien in der Krise".

Zur Diskussion hatten die Schüler je einen Vertreter der großen Sechs in der deutschen Parteienlandschaft geladen: Yannick Bury (22) von der Jungen Union, Sascha Fiek (38) von der FDP, Luisa Boos (27) von der SPD, Timothy Simms (40) vom Bündnis '90/Die Grünen, André Martens (41) von den Piraten sowie Gregor Mohlberg (35) von den Linken waren bereit, sich dem Kreuzfeuer der Schülerfragen zu stellen.

Peter Bierschenk, der begleitende Lehrer und Initiator dieses Projektes, eröffnete die Runde mit einer kurzen Einleitung, danach übernahmen acht Schüler die Moderation. Nach der Vorstellungsrunde war das Thema der sinkenden Wahlbeteiligung erster Punkt auf der Agenda: Sascha Fiek sieht hier Abstimmungsprobleme in der Politik, das ständige Hin- und Herschieben von wichtigen Entscheidungen, zwischen Kreis-, Landes-, Bundes- und sogar Europa-Ebene als Auslöser für eine allumfassende Politikverdrossenheit und somit verantwortlich für die sinkende Wahlbeteiligung in Deutschland. Auch das von der Medienlandschaft geprägte Bild der Politik sei hier nicht zuträglich. Gregor Mohlberg hingegen sieht den Knackpunkt in einer "Krise des öffentlichen Lebens", im Rückgang des Lebens außerhalb der eigenen Familie, bedingt durch die Knappheit der Ressource Zeit. Als Beleg nennt er auch die schwindende öffentliche Beteiligung der Gesellschaft in Vereinen und Gewerkschaften.

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Vor allem Yannick Bury von der Jungen Union sah sich recht provokant gestellten Fragen zur Politik seines Parteimitgliedes und ehemaligen Ministerpräsidenten, Stefan Mappus, ausgesetzt. Hier kam ihm seine Angehörigkeit in der Jungen Union zugute: Er positionierte sich geschickt zwar hinter seiner Partei, doch kritisierte er den Umgang Mappus mit dessen Macht.

Thimothy Simms wurde zur oft den Grünen vorgeworfenen Einseitigkeit, der Fokussierung auf den Atomausstieg, befragt. Er wies diesen Vorwurf mit einem Blick in die Parteihistorie ab, indem er die Anfänge der Grünen als Auffangbecken vieler verschiedener Protestbewegungen bezeichnete. Sowohl Umwelt- als auch Frauen- und Friedensbewegung seien damals fusioniert worden, so Simms. Seine Partei haben weit mehr zu bieten als den Kampf gegen die Atomlobby.

Luisa Boos wurde zu ihrer Rolle als Frau innerhalb der "Männerdomäne"-Politik befragt. Die junge Sozialdemokratin nutzte die Frage geschickt, um an junge Frauen zu appellieren, sich in der Politik zu versuchen und so aktiv ihre Zukunft mitzugestalten.

Heute wollen viele mitreden ohne Mitgliedsbuch

Gregor Mohlberg wurde zur angeblichen teilweisen verfassungsfeindlichen Ausrichtung seiner Partei befragt. Er versicherte, dass seine Partei nicht verfassungsfeindlich sei, und prangerte den Umgang der alten CDU-Regierung mit seiner Partei an. Er sprach von einer Instrumentalisierung des Verfassungsschutzes durch die baden-württembergische CDU. Hier protestierte natürlich Yannick Bury.

Weitere Fragen galten der Abwanderung von Mitgliedern und dem Phänomen der Grünen in Baden-Württemberg sowie der Piraten auf Bundesebene. Die letzte Frage "Ist direkte Demokratie ein Weg aus dieser Krise?" wurde dann inhaltlich als Übergang zum Abschlussplädoyer der Teilnehmer genutzt.

André Martens von den Piraten plädierte hier, wie schon oft zuvor, für die offene Demokratie, wie sie seine Partei betreibt. So würde beim Bürger das Interesse geweckt und Parteivorgänge wären offener, zugänglicher und würden somit den Weg in die Parteien erleichtern. Luisa Boos sieht ein Attraktivitätsproblem der Parteien, welches durch die Benutzung von mehr oder weniger neuen Medien wie dem Internet und dem Fernsehen gelöst werden könnte. Gregor Mohlberg plädierte für einen vorpolitischen Raum, indem Bürger ihre Interessen einbringen könnten, ohne sich selbst aktiv in Parteien engagieren zu müssen. Genauso sieht er aber den Bürger in der Pflicht, sich zu beteiligten.

Alles in allem war dies eine interessante Podiumsdiskussion. "Es sei aber ein wenig zu kurz gewesen, um alle Punkte besprechen zu können", fand Jonathan Müller (17), Schüler des GSG, ihm hätten die verschiedenen Lösungsansätze der Parteien gefallen. Auch Vanessa Eisele (16) war von der Diskussion positiv überrascht. "Es war schön einen Überblick über die Parteienlandschaft zu bekommen und es macht Lust darauf, sich selbst einmal mehr zu engagieren".

Autor: Linus Joos (18 Jahre), BZ-Jugendredaktion