Schwer und filigran zugleich

Helmut Rothermel

Von Helmut Rothermel

Fr, 26. Januar 2018

Waldkirch

Ausstellung mit Werken von Dietrich Schön im GeorgScholzHaus-Kunstforum.

WALDKIRCH. Anfang des Jahres hat das GeorgScholzHaus-Kunstforum sein neues Domizil im Bürgerhaus in der Schlettstadtallee bezogen. Nach dem Eröffnungswochenende und einer Sonderausstellung mit Werken von Mitgliedern des Forums startet am Sonntag, 28. Januar, die erste reguläre Ausstellung. Zu sehen sind Skulpturen und Zeichnungen des Freiburger Künstlers Dietrich Schön.

Bis vor kurzem war in den nun von Kunstforum genutzten Räumlichkeiten die Städtische Musikschule untergebracht. In einem der Räume blieb ein Konzertflügel zurück, auf dem sich jetzt wie zufällig ein seltsames Wesen niedergelassen hat, das gleich zu Beginn eines Gangs durch die Ausstellung die Aufmerksamkeit des Besuchers auf sich zieht.

Die kleine, hölzerne, schwarz-weiße Skulptur wirkt wie ein Organismus aus miteinander verbundenen und ineinander verschachtelten Flügelpaaren. Diese Form wird dem Betrachter auch in einigen anderen Ausstellungsräumen wieder begegnen, dann in anderen Zusammenhängen, Materialien, Farben und Stimmungen. Zunächst bleibt festzuhalten, dass sie sich einfügt in einen Raum, der eine tiefe Ruhe ausstrahlt. Auffällig ist, dass an der Skulptur deutlich die Spuren der Bearbeitung erhalten sind und sie in der Ausführung nichts "Perfektes" an sich hat. Es sei ihm wichtig, sagt der Künstler, jegliche "Detailgefälligkeit" zu vermeiden, weshalb er auch nicht mit Bronze arbeitet, da das Ergebnis dann zu "glatt" daherkomme.

Neben die Skulptur, deren Spiegelung im glänzenden Korpus des Flügels zusätzliche Effekte zaubert, treten Zeichnungen verschiedener Größe und in verschiedenen Techniken ausgeführt, aber alle mit erdigen oder schwarzen und weißen, fast meditativ wirkenden Farben. Eine Wand wird dominiert von einer großen Tuschezeichnung mit mehreren, in ihrer Größe variierenden Punkten, deren Farbe an den Rändern verläuft und die sich so der Eindeutigkeit entzieht. An der gegenüberliegenden Wand eine gesprayte schwarz-weiße Zeichnung mit sich einander überlagernden Schichten, die ein netzartiges Muster bilden. Neben die beiden großformatigen Bildern treten mehrere kleinere Tusche-, Kreide- und Kohlezeichnungen. Sie sind Teil eines von Schön mit "ÜZMIR" betitelten Zyklus‘. Die Abkürzung steht für "Übungen zur Mitte", die als eine Art Tagebuch Formen, Ideen und Assoziationen festhalten. Seit 1991 sind rund 25 000 dieser Blätter entstanden.

Inspiriert von

Technik und Natur

Seine Inspiration findet Schön in der Natur, aber auch in der Technik oder beim Musizieren. Im Schaffensprozess entwickelt sich dann das Werk assoziativ weiter und es entsteht ungeplantes Neues. Vielfältig wie die Formen sind die verwendeten Techniken der Drucke und Zeichnungen: Radierungen, Aquatinta, Zuckertechnik, Lithografien, Kohlezeichnungen, um nur einige zu nennen. Neben die Holzskulpturen treten in der Ausstellung solche aus Gusseisen. Ausgehend von Modellen aus Styropor entstehen in einer Ettenheimer Gießerei Rohgüsse, die von Schön dann durch Flexen, Schweißen und Feilen nachbearbeitet werden. Den rostig-braunen Gebilden wohnt ein eigentümlicher Zauber inne: Die luftige, aufgebrochene, oft filigrane Struktur bildet mit der Schwere des Materials eine Staunen erregende Synthese. In einem der Ausstellungsräume finden sich solche Eisengebilde am Boden zerstreut. Vielfältige Assoziationen stellen sich ein. Der blaue Teppichboden, auf dem sie stehen, könnte das Meer sein, und die rostigen Teile Überbleibsel aus einem versunkenen Schiff.

Die Verbindung von Technischem und Organischem in einem Werkstück, ohne klare Trennung und ineinander verwoben, ist eines der Markenzeichen von Schöns Skulpturen. Andererseits wirkt die "Anordnung" wie hingeweht, einen vergänglichen Augenblick einfangend. In einem weiteren Raum trifft man die nun auf einem Podest, wie zum Abflug bereitstehenden, Flügelwesen wieder. Im ersten Raum noch in schwarz-weiß gehalten, explodieren sie nun in bunter Farbigkeit. Dazu korrespondieren die großformatigen, bunten Spraybilder an den Wänden. Bei aller Lebendigkeit sind die Farben nicht schreiend, eher ein irgendwie auch ein wenig melancholischer Rückblick auf die Pop Art und die Swinging Sixties, trotzdem voll überwältigender Heiterkeit – "we all live in a yellow submarine". Weitere bunte, großformatige Bilder der Ausstellung erinnern aus einigem Abstand an innere Organe. Tritt man näher, beginnen sie zu vibrieren, hin und her zu schaukeln, sich von innen nach außen zu wenden. Der Kunstprofessor Nikolaus Bischoff beschreibt diese Effekte so: "Das Pendeln zwischen Schärfe und Unschärfe, zwischen klarer Formbegrenzung und dem Aufweichen der Konturen macht deutlich, dass es dem Künstler exakt um dieses Kippen zwischen Formfindung und Formauflösung geht".

Ein letzter Blick des Ausstellungsbesuchers richtet sich auf ein großformatiges, schwarz-weißes Ölbild, das in seiner Reduktion Urformen der Kunst, "Primitives" als Faszinosum und Quelle der modernen Kunst, lebendig werden lässt. Man meint Trommelklang zu hören.