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03. Mai 2015 13:43 Uhr

Ehrung

Verdienstorden der Bundesrepublik für Historiker Wolfram Wette

Unermüdlicher Aufklärer, Mahner gegen das Vergessen, Botschafter des friedlichen und menschlichen Miteinanders: Der in Waldkirch-Kollnau lebende Historiker Wolfram Wette hat eine seltene Auszeichnung erhalten.

  1. Innenminister Reinhold Gall (links) überreichte Professor Wolfram Wette den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Sylvia Timm

Anlass für die Würdigung von Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall war die Überreichung des durch den Bundespräsidenten Joachim Gauck verliehenen Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Wette im Elztalmuseum. Mit der Verleihung wird nicht nur Wettes akribische Beschäftigung mit der Geschichte des Nationalsozialismus gewürdigt, sondern vor allem, wie er die Diskussion über die Ursachen und Folgen der Nazidiktatur immer wieder ins öffentliche Bewusstsein trug, nicht zuletzt oft gegen Widerstände, bis hin zu Beleidigungen und gar Morddrohungen.

"Wenn uns die Geschichte etwas lehrt, dann das, dass nichts aus sich heraus Bestand hat", so Minister Gall. Es brauche solche Menschen, die sich für Demokratie und Frieden einsetzen; Menschen, die nicht schweigen, sondern sich einbringen. Wette hat dies als Historiker, Friedensforscher, Publizist und auch im kommunalpolitischen Ämtern getan.

Kein Wissenschaftler im Elfenbeinturm

Der heute 74-Jährige war von 1971 bis 1995 beim Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg beschäftigt, danach Professor am Historischen Seminar der Universität Freiburg. Wette war Mitbegründer des Arbeitskreises Historische Friedensforschung und engagierte sich für die Waldkircher Friedenswoche und die Waldkircher Erklärung gegen Rüstungsexporte. Für die SPD war er von 1980 bis 1989 Mitglied des Gemeinderates (auch Vorsitzender der SPD-Fraktion und SPD-Stadtverbandsvorsitzender).

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Wette sei im besten Sinne nie ein "entrückter Professor" gewesen, sondern einer, der Brücken zwischen Forschung und Gesellschaft baut, "lebens- und gegenwartsnah", so Gall: "Ein öffentlich wirkender Lehrer, der auch Gehör findet." Ein Beispiel: die späte, erst 2002 erfolgte Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure durch den deutschen Bundestag, für die sich Wette mit einsetzt.

Einzelschicksale dem Vergessen entrissen

Immer wieder galt Wettes Interesse nicht nur den großen Gesamtzusammenhängen in der Geschichte, sondern dem Handeln einzelner Menschen: warum sie im Nationalsozialismus zu Mördern wurden, aber auch, warum andere sich der herrschenden Ideologie widersetzten. "Die Geschichtsbücher gaben darauf keine Antwort", blickte Wette zurück.

Sein Anliegen war dabei vor allem, Schlussfolgerungen für die heutige Gesellschaft und die Zukunft zu ziehen. Wette legte dazu beeindruckende Veröffentlichungen vor, über Zivilcourage, Retter in Uniform, Deserteure, stille Helden. Selbst innerhalb der Forschung wurden diese Themen zunächst als randständig und subversiv betrachtet.

Handlungsspielraum trotz Befehlen

Letztendlich ging es auch um die Beantwortung der Frage, wie stichhaltig eigentlich der oft gehörte Verweis auf den Befehlsnotstand war, mit dem sich nach dem Zweiten Weltkrieg Mittäter aus ihrer persönlichen Verantwortung stehlen wollten.

Im Elztalmuseum verwies Wette darauf, dass die NS-Militärjustiz rund 20.000 Todesurteile an Wehrmachtssoldaten vollstreckte, weil die Soldaten "Sand im Getriebe der NS-Maschinerie" waren. Zugleich aber gab es Handlungsspielräume: Wie Wette in seinem Buch "Feldwebel Anton Schmid" feststellt, wurden bis heute nur drei Fälle von Todesstrafen nachgewiesen für Wehrmachtsangehörige, die Juden retteten: die Urteile gegen Anton Schmid, der in Wilna (heute Vilnius/Litauen) 300 Juden half zu entkommen, gegen Friedrich Rath und Friedrich Winking. Schmid wurde dabei unter dem Vorwurf der Feindbegünstigung verurteilt, Rath und Winking wegen Desertion.

Nach und nach entriss Wolfram Wette viele Einzelschicksale dem Vergessen. Die deutsche Öffentlichkeit habe sich lange Zeit nicht dafür interessiert, zeigte Ignoranz oder Ablehnung. Selbst die Ehrungen der "Gerechten unter den Völkern" durch den Staat Israel, wie sie beispielsweise Heinz Drossel in Simonswald zuteil wurde, weil er eine jüdische Familie vor dem Tode gerettet hatte, seien meist unbeachtet von der Öffentlichkeit geblieben. Erst seit Ende der 1980er Jahre zeichneten sich langsam Veränderungen ab. Vor allen die Generation der Enkel interessierte sich nun für die Schicksale und Zusammenhänge.

Mut machen zur Aufklärung

Die Auszeichnung, so Wette, verstehe er als Ansporn, "all jenen Mut zu machen, sie sich selbst als beharrliche Aufklärer verstehen". Oberbürgermeister Richard Leibinger freute sich über die Ehrung Wettes: "Wir haben viel von ihm gelernt." Wettes Wirken habe der politischen Diskussion in Waldkirch gut getan.

Zur Verleihung, die durch Gisela Kuck, ehemalige Referentin der Botschaft des Staates Israel in Deutschland angeregt worden war, weilten frühere und gegenwärtige, wissenschaftliche und politische Weggefährten im Elztalmuseum, unter anderem die Bundestagsabgeordneten Fechner und Drobinski-Weiß (SPD) und die Landtagsabgeordneten Schoch (Grüne) und Wölfle (SPD) sowie der Staatsminister a.D. Gernot Erler. Auch Leibingers Vorgänger Hugo Eisele und sein Nachfolger Roman Götzmann erwiesen Wette durch ihre Teilnahme an der Verleihung ihren Respekt. Sebastian Flor, Marco Rusu und David Livieri, alle drei Schüler der städtischen Musikschule, umrahmen die Verleihung musikalisch.

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Autor: Sylvia Timm