Widerstand ist nicht in die Wiege gelegt

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Sa, 26. Januar 2019

Waldkirch

Jakob Knab spürt in seinem neuen Buch geduldig und bohrend dem Weg von Hans Scholl nach, einem der Namensgeber des Waldkircher Gymnasiums.

WALDKIRCH. Am 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus – in Waldkirch verbunden mit Veranstaltungen im Katholischen Gemeindezentrum und am Geschwister-Scholl-Gymnasium (die BZ berichtete). Als Gastautor schreibt der Waldkircher Historik-Professor Wolfram Wette über ein Buch, das sich Hans Scholl widmet:

Hans Scholl wurde am 22. September 1918 geboren. Zum 100. Geburtstag hat Jakob Knab eine einfühlsame Biographie des bekannten Widerstandskämpfers gegen den NS-Unrechtsstaat vorgelegt. Das Buch behandelt den keineswegs gradlinigen Lebenslauf des Münchener Studenten, dessen Leben schon mit 24 Jahren auf dem Schafott endete. Ein Buch wie dieses kann mit einiger Aufmerksamkeit rechnen, denn Sophie und Hans Scholl haben einen festen Platz in unserer Erinnerungskultur. Nahezu 200 Schulen – unter ihnen das Geschwister Scholl-Gymnasium in Waldkirch – tragen ihren Namen.

Hans und Sophie Scholl stehen für den seltenen Mut, mit den Mitteln des geschriebenen Wortes – gemeint sind die sieben Flugblätter der "Weißen Rose" – die Unterdrückung jeglicher Freiheit im Staate Hitlers öffentlich angeprangert und dafür das eigene Leben eingesetzt zu haben. Das war angesichts des verbreiteten Mitläufertums sowie der Apathie und der Passivität der großen Mehrheit der damaligen Deutschen etwas Einzigartiges.

Zwischen Hans Scholl und seinen Eltern bestand ein enges Vertrauensverhältnis, auf das er sich in Krisensituationen immer wieder stützen konnte. Jakob Knab schildert Hans Scholl als einen charismatischen und politischen Kopf, als einen waghalsigen jungen Menschen voller Vitalität und überbordender Energie, mit Ehrgeiz und Gewissenhaftigkeit, mit jugendlicher Lebensfreude, die gepaart war mit einem gewissen Leichtsinn, und einen Mann, dem schon als knapp Zwanzigjähriger davon träumte, "etwas Großes" zu werden "für die Menschheit".

Anfänglich begeisterte sich der jugendliche Hans Scholl für den Nationalsozialismus und engagierte sich in der Hitler-Jugend. Als 17-Jähriger kam er zu einem Ableger der Bündischen Jugend, erlebte mir ihr eine Lapplandfahrt, las in dieser Zeit Werke von Stefan George, wurde 1937 wegen "bündischer Umtriebe" und wegen einer vermeintlich homosexuellen Veranlagung von der Gestapo verhaftet, vom Gericht jedoch freigesprochen. Diese Zeit, schreibt Knab, sei ein Wendepunkt in Scholls Leben gewesen.

Das im Sommersemester 1939 in München begonnene Studium der Humanmedizin ließ dem ehrgeizigen Studiosus die Zeit, sich mit grundlegenden Werken der Geistesgeschichte vertraut zu machen. Er las Platon, Augustinus, Thomas von Aquin, Nietzsche, Kierkegaard, John Henry Newman, Ernst Wiechert, Carl Muth, und – für ihn von nachhaltiger Bedeutung – den deutschen Kulturkritiker und dezidierten Antimilitaristen Theodor Haecker. Es zeichnet Jakob Knabs Darstellung aus, dass er geduldig und bohrend dem langwierigen geistigen Prozess der Identitätsfindung Scholls nachspürt, den dieser 1937 bis 1941 durchmachte.

Mit Erstaunen lesen wir, dass Scholl den Kriegsbeginn 1939 mit dem Satz kommentierte, er sei froh, "dass endlich dieser Krieg entfesselt worden ist". Selbst der deutsche Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 machte Scholl noch nicht zum politisch Oppositionellen. Erst durch die intensive Hinwendung zum christlichen Glauben fand er Ende 1941 die endgültige Kraft zum Widerstand. Sein Nein richtete sind zunächst gegen die Gewaltherrschaft des NS-Regimes im Innern, gegen Unterdrückung jeglicher Freiheit, gegen das tägliche Unrecht, gegen die Uniformierung der Gedanken durch den staatlich verordneten Rassismus und Militarismus. Der nächste Schritt war die Anprangerung der massenhaften Tötungsverbrechen, die SS und Wehrmacht gegen Polen und Juden verübten.

Knab stellt die Flugblätter der "Weißen Rose" in ihren historischen Kontext und analysiert sie hinsichtlich ihrer ideengeschichtlichen Hintergründe. Der Band bietet weiterhin eine Schilderung der gefährlichen Flugblattaktionen, der Verhaftung der widerständigen Studierenden, der Verhöre, des Prozesses und der Todesurteile.

Info: Jakob Knab: Ich schweige nicht. Hans Scholl und die Weiße Rose. Darmstadt (WBG Theiss) 2018, 264 Seiten, 24,95 Euro.