Was menschenwürdiges Sterben bedeutet

Christa Rinklin

Von Christa Rinklin

Do, 16. März 2017

Eichstetten

Ethikexperte Schockenhoff spricht bei Eichstetter Hospizgruppe.

EICHSTETTEN. Einen überwältigenden Zustrom erlebte der Vortragsabend der Hospizgruppe Eichstetten/Bötzingen/Gottenheim. Thema war die derzeit wieder besonders aktuelle Streitfrage, was menschenwürdiges Sterben bedeutet, verbunden mit der Debatte um die Tötung auf Verlangen und die ärztliche Suizidbeihilfe.

Als Referenten konnte die Einsatzleiterin der Hospizgruppe, Antonia Kiechle, Eberhard Schockenhoff begrüßen. Er wirkt als Professor für Moraltheologie an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg und war Mitglied des Deutschen Ethikrates. Schockenhoff plädierte dafür, dass der Begriff der Selbstbestimmung eines Menschen nicht isoliert, sondern immer im Kontext seines Umfelds betrachtet werden sollte. Er sehe es als Problem, dass der Sterbende als einsames Objekt und nicht als Teil menschlicher Beziehungen gesehen werde. Auch kritisierte er, dass in der Debatte das Leben nicht mehr als menschenwürdig angesehen werde, sobald ein Patient von Hilfe abhängig sei. Menschenwürdiges Sterben sei jedoch nur möglich unter der Bedingung, dass menschliche Nähe bis zuletzt aufrechterhalten werde.

Aufmerksam verfolgten die Zuhörer die Ausführungen des Theologen hinsichtlich der Sterbewünsche todkranker Menschen. Diese unterlägen oft wechselnden Stimmungen und gingen auch über in neuen Lebenswillen. Die Suizidforschung hätte ergeben, dass die meisten Suizidwünsche nicht Ausdruck von Freiheit und Autonomie, sondern Ausdruck depressiver Stimmungen und somit nicht das Ergebnis einer langen Überlegung seien. Auch gäbe es unterschiedliche Arten von Sterbewünschen. Wenn Gesunde gefragt würden, werde Selbstbestimmung oft genannt in Bezug auf das Sterben. In Todesnähe überwiege jedoch meist das Bedürfnis nach Schmerzfreiheit, weshalb menschliche Nähe und eine gute medizinische Versorgung hier entscheidend seien. Die Erfahrung von Palliativmedizinern zeige, dass Suizidwünsche oft verschwinden, sobald die Schmerztherapie verbessert wird.

In der Schweiz und den Beneluxländern kann eine ärztliche Suizidbeihilfe in Anspruch genommen werden. Der deutsche Bundestag hat sich im November 2015 nach langer Diskussion gegen die geschäftsmäßige Suizidbeihilfe entschieden. Gründe seien zum einen der Respekt vor dem Leben, zum anderen die Möglichkeit jedes Menschen, sinnlose lebensverlängernde Maßnahmen abzulehnen. "Erfolglose Behandlungen dürfen abgebrochen werden, wenn die Belastungen den medizinischen Nutzen überwiegen", so Schockenhoff. Eine Alternative zum Suizid seien die Schmerzbekämpfung und Maßnahmen gegen Angst, innere Unruhe oder Atemnot, wofür die Palliativmedizin stehe. Auch solle man auf künstliche Ernährung verzichten, wenn der Mensch die Nahrungsaufnahme verweigere und ein Sterben absehbar sei.

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat kürzlich entschieden, dass in Extremfällen tödliche Medikamente abgegeben werden dürften. Eberhard Schockenhoff sieht dies als problematisch an, da solch ein Vorgang ärztlich überwacht werden müsste und sich damit auch der Beruf des Arztes grundlegend ändern müsste. Außerdem würde solch ein rechtlicher Freiraum den Druck auf den Patienten erhöhen, sich zu töten, wenn er wüsste, dass die Entscheidung vom Arzt mitgetragen werde. Wichtig sei, so Schockenhoff abschließend, eine frühzeitige Patientenverfügung, um dem Willen des Patienten am besten entsprechen zu können.