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04. November 2008

Ironisches und Erinnerndes als Abschluss

Fe Berg und Imre Török lasen gemeinsam bei den Wehrer Literaturtagen im Storchehus aus ihren Werken.

WEHR (mig). Rund zwei Dutzend Zuhörer waren zur Doppellesung gekommen, mit der die fünften Wehrer Literaturtage ihren Abschluss fanden. Die Lyrikerin Fe Berg las Gedichte aus ihrer Anthologie "Wie der Mond eine Drehung und weg", und Imre Török präsentierte meist satirische Auszüge aus mehreren seiner Bücher. Der intime Raum im "Storchehus" passte sehr gut zur quasi kammermusikalischen Atmosphäre dieser Lesung.

Die Gedichte der in Rottweil lebenden Lyrikerin Fe Berg erforderten von den Zuhörern ein gewisses Maß an Konzentration und die Bereitschaft, in sich hineinzuhorchen, um den Bedeutungen jener subjektiven Stimmungsbilder auf den Grund zu kommen. Die meist kurzen Gedichte sind reimlos und verzichten auf klassische Versmaße, dafür zeigen sie ein hohes Maß an Sprachmelodie. Das Thema ist das, was nicht direkt aus- oder angesprochen , sondern zwischen den Worten ausgespannt wird. In dem Gedicht "Auf der Straße nach Stettin" beschreibt sie die Eindrücke beim Wiederaufsuchen eines Ortes, in dem man die Kindheit verbracht hat. An Sinneseindrücke knüpfen sich assoziativ die Erinnerungen. Zum Beispiel beschwört der "Geruch der Hefe" das Bild eines "Festtagskuchens, köstlich geschichtet in den Moränen der Erinnerung" als Chiffre für glückliche Kindheitstage herauf. In den Erinnerungen beginnen die Gegenstände zu leben und werden vermenschlicht, etwa im "Haus des Großvaters", in dem es "blau um vernarbte Wände" zuckt.

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Von der ironischen Seite zeigte sich Imre Török, der als jugendlicher Flüchtling nach Deutschland kam und heute Bundesvorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller ist. Geistreich und treffsicher ist die Selbstreflexion eines Poeten: Im eleganten und rhythmisierten Sprachfluss spiegelt sich der Enthusiasmus, von dem er sich angesichts seiner erhabenen Visionen ergreifen lässt, um abschließend, ganz im Sinne romantischer Ironie, die selbstgeschaffenen Illusionen zu zerstören und mit dem Verweis auf sein schmerzendes Handgelenk auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. In einer "Skizze aus Afrika" verspottet Imre Török die Dokumentationswut des Europäers, der alles per Kamera festhalten will, während die Afrikanerin das ihr geschenkte Lächeln lieber im Gedächtnis behält, wo es nicht verblassen kann.

Vor gut zehn Jahren geschrieben, aber angesichts der Finanzkrise wieder besonders aktuell ist die Geschichte der hannoverschen Schaumschläger, die bei den nüchternen Bauern im Schaumburger Land nicht reüssieren, aber dafür in der Politik und Hochfinanz Karriere machen. Romantisch-ironisch sind auch viele seiner Tiergeschichten: So beschreibt er eine Ameise, die, nachdem sie die Rückkehr in den Bau versäumt hat und auf sich alleine gestellt ist, zum ersten Mal in ihrem Leben nachdenkt, anstatt ihrem Instinkt zu folgen. Der Sternenhimmel erscheint ihr als ein Wunderwerk, und es erwacht die Sehnsucht nach dem fernen Horizont.

Autor: mig