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04. Februar 2012

Zur Erholung ins Funkloch

Eine elektrosensible Amtsrichterin aus Augsburg hat Zuflucht im Wehratal gesucht.

  1. Gegen die Winterkälte hilft heißer Tee: Barbara Domberger in ihrem Campingbus Foto: Schmidt

WEHR. Regen prasselt auf das Dach des engen Campingbusses. Obwohl Barbara Domberger die Standheizung angestellt hat, kriecht die Winterkälte über den Boden. Unerbittlich legt sie sich um die Füße. Domberger macht Urlaub im Wehratal. Die schroffe Schlucht ist einer der wenigen Rückzugsorte für Elektrosensible.

Früher habe sie noch besonders abgelegene Ferienwohnungen gekannt, in die sie sich zurückziehen konnte, erzählt Domberger. Doch nach und nach seien auch diese Gebiete erschlossen worden. "Der digitale Behördenfunk ist momentan unser größtes Problem", sagt sie. Die 43-jährige Amtsrichterin ist auf der Flucht – vor Funkstrahlen, Radiowellen und Handynetzen. "Ich bin elektrosensibel", sagt sie. Die Juristin ist überzeugt: Wenn sie sich zu lange elektromagnetischen Feldern aussetzt, wie sie etwa von schnurlosen Telefonen oder kabellosen Internetanschlüssen ausgehen, wird sie krank.

Sie fühle sich dann "wie künstlich aufgeputscht", finde keinen Schlaf und könne sich schlecht konzentrieren, schildert sie die Symptome. "Und alle Muskeln werden ganz hart." Ihr Hausarzt habe auf zu viel Stress getippt. Erst nach drei, vier Jahren habe eine alte Schulkameradin sie dann auf die richtige Spur gebracht, sagt Domberger. Damals war ihr Elektrosensibilität kein Begriff. Das hat sich geändert: Domberger hat viele Studien dazu gelesen und Kontakte zu anderen Betroffenen geknüpft. Sie ist Vorsitzende des Vereins für Elektrosensible und Mobilfunkgeschädigte in München.

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Mühelos kontert sie die Argumente der Mobilfunkindustrie und klingt dabei mindestens ebenso überzeugend. Sie weiß, dass viele sie gerne in die "Psycho-Ecke" abschieben. Doch wie bitteschön sei zu erklären, dass sich ihre Herzratenvariabilität verändert, sobald sie sich in einem Raum mit Strahlung aufhalte, fragt Domberger und spricht von einem klaren medizinischen Beweis.

Die Angst vor den Strahlen bestimmt ihr Leben. Die einst so erfolgreiche junge Frau ist aus ihrer Eigentumswohnung mit 17-Quadratmeter-Dachterrasse am Rand der Augsburger Innenstadt ausgezogen. "Die Wohnung ließ sich einfach nicht abschirmen", sagt sie. Ihre Möbel sind eingelagert. Sie sucht jetzt eine kleine Wohnung in einem möglichst strahlungsarmen Viertel, die sie mit Spezialwandfarbe gegen Strahlung abschirmen kann.

Vor die Tür geht sie ohnehin nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Zum Einkaufen natürlich. Aber ins Kino oder ins Theater? "Früher bin ich gerne essen gegangen", erzählt Domberger. Heute schlägt sie selbst Einladungen zum Geburtstag aus, weil fast jeder ein schnurloses Telefon zu Hause hat. "Mir fehlt der Kontakt zu normalen Leuten", sagt Domberger nachdenklich. Seit Januar 2010 ist die Amtsrichterin krankgeschrieben. Seither prüft das Land Bayern die Dienstfähigkeit der Beamtin auf Lebenszeit.

"Mir fehlt der Kontakt

zu normalen Leuten."

Barbara Domberger
Domberger war als Betreuerin für Alte und Behinderte tätig. Sie würde gerne wieder arbeiten, sagt sie, "Richterin ist mein Traumberuf." Acht Jahre arbeitete sie am Amtsgericht Augsburg, davor sechs Jahre als Staatsanwältin, auch im Bundesjustizministerium. Jetzt kämpft sie dafür, dass Elektrosensibilität als Krankheit anerkannt und den Betroffenen geholfen wird.

Erholung findet sie im Wehratal. "Hier geht’s mir total gut, wie früher", sagt Barbara Domberger und lächelt. Dort, wo sie ihren weißen Campingbus abgestellt hat, reichen fast keine Strahlen hin. Anders als an Flughäfen oder Bahnhöfen. Eine Urlaubsreise in den warmen Süden? Höchstens mit dem Auto. Für längere Fahrten hat sie sich eine spezielle Bluse gekauft, mit einem eingearbeiteten Silber-Kupfer-Gewebe. 90 Euro habe die Bluse gekostet. "Etliche Elektrosensible können sich das gar nicht leisten", sagt Domberger und bittet noch darum, ihren genauen Rückzugsort nicht preiszugeben.

Autor: Barbara Schmidt