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28. Februar 2017

Anekdoten aus 50 Jahren Volksbildungswerk

Zum Jubiläum führt Kulturamtsleiter Tonio Paßlick durch die Stadt und erinnert an die Entwicklung der kulturellen Bildung in Weil am Rhein.

  1. Kulturamtsleiter Tonio Paßlick (links) erzählt bei der Stadtführung Anekdoten und Geschichtliches. Foto: Siemann

WEIL AM RHEIN (ysie). "Lebenslanges Lernen ist wichtig, denn die Welt verändert sich laufend." Dieser sehr modern anmutende Gedanke stand am Anfang des Weiler Volksbildungswerks und des einige Zeit später errichteten Hauses der Volksbildung. Zu seinem 50-jährigen Bestehens erzählte deshalb Kulturamtsleiter Tonio Paßlick an der ersten Stadtführung des Jahres den über 20 Zuhörern von der Geschichte der kulturellen Bildung in Weil am Rhein.

Paßlick selbst hat vor 20 Jahren diese Stadtführungen ins Leben gerufen. Sie sollen bei den Einheimischen Verständnis für den eigenen Lebensraum wecken, indem sie die Gebäude und ihre Geschichte – wenn möglich durch Zeitzeugen – erfahren lassen, wobei oft auch die Zuhörer eigene Erfahrungen beisteuern. Und so konnte Paßlick zahlreiche selbst erlebte Anekdoten aus seiner 31-jährigen Tätigkeit erzählen, aber auch Geschichten, die er im Gespräch mit anderen erfahren hat.

Volksbildungswerk wird ehrenamtlich gegründet

Die Wissenschaftler des deutsch-französischen Forschungsinstituts Saint-Louis (ISL), die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Weil kamen, hätten wichtige kulturelle Impulse gebracht. Gleichzeitig "wollten die Leute etwas über die Welt hören" nach der geistigen Enge der Nazi-Zeit, so Paßlick. Einer der Wissenschaftler, Hubert Schardin, stellte zusammen mit Edgar Dietz, dem Vater des jetzigen Oberbürgermeisters, ehrenamtlich das Volksbildungswerk auf die Beine. "Wobei die Hauptarbeit wahrscheinlich Erna Dietz hatte, die Energiefeder dahinter", sagte Paßlick.

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Das Programm bestand hauptsächlich aus Vorträgen, zu denen manchmal einige hundert Personen kamen. Themen waren etwa "Erlebnisse in den USA: Zwischen Wolkenkratzern und Büffelherden" oder "Wie gewinnt man Atomenergie". Auch die neue Technologie des Fernsehens habe die Zuhörer angelockt in einer Zeit, in der die meisten Leute diese Geräte nur vom Hörensagen kannten. Weitere Themen waren Erziehungs- oder Rechtsfragen und es gab Englischkurse.

Gleichzeitig verlagerte sich das Zentrum der Stadt langsam in Richtung Westen und im Jahr 1962, als das alte Rathaus aus allen Nähten platzte, wurde dort auch das heutige Rathaus errichtet. In unmittelbarer Nachbarschaft erfolgte dann 1965 der Spatenstich für das Haus der Volksbildung, das 1,1 Millionen Deutsche Mark kostete. Der große Saal mit Bühne sei in den 1960er Jahren in kultureller Hinsicht ein "Riesenfortschritt" für die Stadt gewesen, sagte Paßlick. Er erinnerte an die verschiedenen Konzert- und Theateraufführungen vor der Eröffnung des Lörracher Burghofs 1998, etwa einer Reihe zu Cage, Stockhausen und anderen modernen Komponisten. Viele bekannte Schauspieler wie Inge Meysel oder Horst Tappert kamen damals nach Weil.

Auch das Büro des Volksbildungswerks zog von Dietzens Küche ins Untergeschoss. Lange Jahre nutzten zudem das Abendgymnasium und das Berufskolleg das Gebäude. Mit der Zeit wurden einige Änderungen vorgenommen, wie der Einbau eines Lifts, und seit einigen Jahren ziert eine Keramik von Richard Bampi die Eingangshalle. Zum Jubiläum gestaltete Patrick Lützelschwab die Fassade neu mit Bildern vom Kesselhaus, dem Stapflehus und anderen kulturellen Orten in Weil. Mittlerweile befindet sich auch das Büro der Volkshochschule in dem Haus, obwohl die meisten Kurse an anderen Orten stattfinden. Auch die Aufgaben der Volkshochschule haben sich im Lauf der Zeit verändert: Paßlick erinnerte etwa an die Deutschkurse für Spätaussiedler, wohingegen heute Integrationskurse für Flüchtlinge aktuell sind. Stolz sei Paßlick darauf, dass das Programm ohne Personalkosten selbsttragend sei, wie er sagte.

Lange befand sich auch die städtische Bücherei in diesen Räumen, die in den 20er Jahren auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Rudolf Kraus mit einem Anfangsbestand von 600 Büchern in der Leopoldschule entstanden war. Bis zum Umzug ins neue Haus der Volksbildung 1967 wurde die Bücherei von Margarethe Trimpin geleitet, die 1942 noch mit einem Leiterwagen die Bestände der Zweigstelle Friedlingen vor den Bombenangriffen gerettet hatte. Ende der 1980er Jahre seien etwa 14 000 Bücher auf 103 Quadratmetern zusammengepfercht gewesen, so Paßlick, so dass man sich in den Gängen kaum habe bewegen können. Und natürlich konnte man damals auch noch nicht auf die Hilfe von Computern zählen. Da 1989 St. Peter und Paul fertiggestellt wurde und somit die Kirche auf der Leopoldshöhe leer stand, regte Paßlick an, hier einen Konzertsaal oder die Bibliothek unterzubringen. Da die Klangqualität nicht überzeugte, entschied man sich schließlich für eine Bibliothek.

Einer der meist besuchten Kulturorte der Stadt

Vor dem eigentlichen Umbau und der Neueröffnung 1994 gab es in den Räumen noch verschiedene Kunstaktionen und Veranstaltungen. Etwa "Orpheus und Eurydike", wobei Paßlick selbst mitwirkte, für ihn selbst wie auch für einige der Zuhörer ein besonderes Highlight. Mittlerweile ist laut Tonio Paßlick die Bibliothek der am meisten besuchte Kulturort der Stadt. Nicht nur biete sie viele Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche, auch fördere sie als eine der ersten weit und breit entstandenen Artotheken viele Künstler aus der Region.

Und obwohl mit Hinblick auf die Kosten und bautechnischen Herausforderungen damals längst nicht alle von der Idee begeistert gewesen seien, so der Kulturamtsleiter, sei die Bibliothek heute eines der Wahrzeichen der Stadt. Regelmäßig kämen Sachverständige von auswärts, um den modernen Kern in der alten, neoromanischen Hülle zu begutachten.

Autor: Yvonne Siemann