Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. Oktober 2017

Das gemeinsame Gedächtnis bewahren

Der Verein für Heimatgeschichte und Volkskunde feiert sein 50-jähriges Bestehen / Festvortrag von Dr. Thomas Schnabel.

  1. 50 Jahre Heimatverein: Vorsitzender Uwe Kühl, Gründungsmitglied Paula Röttele, Festredner Dr. Thomas Schnabel und OB Wolfgang Dietz hatten am Mittwoch Grund zur Freude. Foto: Lauber

WEIL AM RHEIN. Dass man aus der Geschichte lernen soll, wird gerne gefordert. Ob man es tatsächlich kann, steht aber mitunter in Frage. Dass die Beschäftigung mit Geschichte aber zu interessanten Erkenntnissen führt, dafür war die Feier zum 50-jährigen Bestehen des Weiler Vereins für Heimatgeschichte und Volkskunde im Haus der Volksbildung mit der Festrede von Dr. Thomas Schnabel, Leiter des Hauses der Geschichte in Stuttgart, ein lehrreiches Beispiel.

Ehe Schnabel aber ans Rednerpult trat, gab der Vereinsvorsitzende Uwe Kühl Einblick in Gründungsgeschichte und Selbstverständnis des Vereins (siehe weiteren Bericht), während OB Dietz die Wichtigkeit der Beschäftigung mit Geschichte im regionalen, kommunalen Bereich unterstrich. Das alles wurde musikalisch umrahmt vom jungen Pianisten und Weiler Musikschüler Victor Ferger.



Der Vereinsvorsitzende
Uwe Kühl erinnerte daran, dass der Verein sich von Anfang an nicht nur auf rein lokale Themen beschränkte. Schon die ersten Exkursionen führten über die Landesgrenzen ins Burgund oder die Schweiz. Kundige Begleiter waren der Elsässer Professor Paul Stintzi und der Basler Dr. Markus Fürstenberger. Während die ersten Vereinsjahre im Zeichen des Aufbaus des Heimatmuseums standen, entwickelte sich seither ein Tätigkeitsprofil, das mit Vermittlung, Bewahrung und Erforschung gut umrissen ist.

Werbung


Neben Exkursionen, Ausstellungs- und Museumsbesuchen widmet sich der Verein der Bewahrung des historischen Erbes der Stadt, etwa mit seinem Einsatz für den Erhalt des alten Badischen Zollhauses (Rebhus), mit der Sicherung des Archivs der Firma Lofo oder mit der Herausgabe seiner Tagebuchblätter. Zuletzt konzentrierte er sich auf die Geschichte der NS-Zeit in Weil am Rhein. Dass die Stadt mit Hüningen eine neue, moderne Geschichte für beide Orte in Angriff nehmen will, werde die Unterstützung des Vereines finden, versprach Kühl an diesem Abend.

Der Oberbürgermeister
Wolfgang Dietz, dessen Vater und Onkel zu den Gründern des Vereins gehörten, erinnerte daran, dass gerade die europäischen Gesellschaften Lehren aus der Geschichte gezogen hätten. Nie wieder Krieg, nie wieder Diktatur, Vorrang für Menschenrechte, Toleranz und Respekt, Meinungs- und Koalitionsfreiheit nannte er als kennzeichnende Schlagworte. Daraus sei zu ersehen, dass die Beschäftigung mit Geschichte Lernqualität habe, nach seiner Auffassung sogar für eine aufgeklärte Gesellschaft notwendig sei. "Ich halte die Beschäftigung mit Geschichte für notwendiger denn je", meinte Dietz, der zugleich Zweifel an der Lernfähigkeit der Gesellschaften hegt: "Wenn die groß wäre, dann hätten es politische Verführer und Despoten heute nicht so einfach."

Der Festredner
Dr. Thomas Schnabel, der aus Heilbronn stammt und 16 Jahre in Freiburg studierte und arbeitete, wusste noch einen weiteren Grund beizusteuern, weshalb man von der Beschäftigung mit Geschichte profitiere. Man stelle nämlich fest, dass vieles, was heute für aufregend neu gehalten werde, oft schon einmal da gewesen sei und sich dadurch sehr relativiere.

Beispiele dafür begegneten den Zuhörern später in seinem Vortrag, den er als große Tour durch die baden-württembergische Geschichte anlegte und der mit der für Alemannen höchst provokativen Feststellung begann, dass Badener und Württemberger Schwaben seien. Denn das Verbindende sei die Sprache, und deren Sprecher seien im Mittelalter synonym als Schwaben oder Alemannen bezeichnet worden. Der Begriff Alemanne ging aber verloren und wurde erst wieder durch Johann Peter Hebel und seine alemannischen Gedichte eingeführt. Seither bezeichnet er aber nicht mehr alle Angehörigen des Sprachraums, sondern nur die am Oberrhein und in der Schweiz.

Breiten Raum in Schnabels Ausführungen nahmen die Folgen der napoleonischen Kriegszüge ein, die die jahrhundertealte Ordnung zerstörten und Baden zum Großherzogtum und Württemberg zum Königreich machten. Dass die badische Verfassung eine der liberalsten war und der Südwesten getrost als Wiege der Demokratie bezeichnet werden darf, ist bekannt. Dass aber diese Entwicklung wie auch der Hang zur Unbotmäßigkeit gegenüber der Herrschaft und manch andere Entwicklung keineswegs von den großen Städten wie Stuttgart oder Karlsruhe ausging, sondern meist von den mittleren Städten verteilt über das ganze Gebiet, zog sich wie ein roter Faden durch den Vortrag Schnabels. Selbst in jüngster Zeit lasse sich das beobachten, etwa an der Verteilung der Universitäten und Hochschulen oder an der dezentralen Struktur der Industriestandorte.

Dass es in Baden und Württemberg Kommunalwahlen und damit die ersten demokratisch gewählten Volksvertretungen gab, hat aus Schnabels Sicht nach dem Zweiten Weltkrieg wesentlich dazu beigetragen, dass die demokratischen Spielregeln rasch wieder zur Gewohnheit wurden. Diese "Graswurzeldemokratie" sei der Garant für die demokratische Entwicklung des Landes gewesen.

In diesem Sinne sei auch jeder Geschichtsverein wichtig, stellte Schnabel am Ende seines detailreichen und bisweilen mit ironischen Brechungen versehenen Vortrags fest. Denn er leiste wichtige Beiträge zur Bewahrung der Geschichte. Wer die Geschichte kenne, habe zwar noch keine Gewissheit, dass er das Richtige daraus gelernt habe, doch "wer die Geschichte nicht kennt, der trifft fast immer die falschen Entscheidungen", war sich Schnabel sicher. Auch der Verein trage zur "Aufrechterhaltung des gemeinsamen Gedächtnisses" bei. Ihm sei zu wünschen, dass er das noch lange tun könne.

Autor: Hannes Lauber