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29. April 2015

"Falsche Bewegungsabläufe sind unglaublich schwierig zu ändern"

BZ-INTERVIEW mit Musikschullehrerin Barbara Leitherer, die mithelfen will, dass die Weiler Musikschule das Zertifikat "Gesunde Musikschule" erhält.

  1. Barbara Leitherer Foto: Frey

WEIL AM RHEIN. Als eine der ersten im Land bewirbt sich die städtische Sing- und Musikschule um das Zertifikat "Gesunde Musikschule". Hierfür hat Dozentin Barbara Leitherer eine Zusatzausbildung als Mentorin für Musikergesundheit absolviert (die BZ berichtete). Was mit dieser Ausbildung und dem Zertifikat bewirkt werden soll, wollte Jochen Fillisch von der neuen Mentorin wissen.

BZ: Frau Leitherer, was verbirgt sich hinter dem Projekt Musikergesundheit?

Leitherer: Untersuchungen haben gezeigt, dass 75 Prozent der Berufsmusiker körperliche oder psychologische Probleme haben. Wenn die sich erst einmal manifestiert haben, sind sie nur schwer zu beseitigen. Kinder stecken viel weg und bemerken Fehlentwicklungen, körperliche Fehlhaltungen oder eine ungünstige Körperhaltung gar nicht. Die machen sich dann oftmals im Musikstudium bemerkbar. Was man als Kind lernt, tut man auch als Erwachsener. Und falsche Bewegungsabläufe sind unglaublich schwierig zu ändern. Man muss also schon am Anfang der musikalischen Ausbildung auf diese Dinge achten.

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BZ: Wie kann das geschehen?

Leitherer: Zuerst geht es einmal darum, von Anfang an die effiziente Körperhaltung zu vermitteln. Kleine Kinder sollen auf kleinen Stühlen sitzen, die Füße müssen auf den Boden reichen und die richtige Haltung von Körper und Instrument muss stimmen, die richtigen Hilfsmittel müssen benutzt werden. Darüber hinaus soll der Lehrer ein Auge dafür bekommen, ob ein Kind Auftrittsangst hat, und darauf Rücksicht nehmen. Es geht aber nicht nur um die Kinder, sondern auch um die Lehrer. Wenn ein Klavierlehrer sieben Stunden lang neben seinen Schülern sitzt, dann muss er wissen, wie er das am besten macht.

BZ: Hatten Sie selbst schon gesundheitliche Probleme beim Musizieren?

Leitherer: Ich selbst noch nicht, aber meine Tochter spielt Geige, und nach langem Üben tun ihr Arme und Schultern weh. Und je länger geübt wird, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit. Bei unserer Mentorenausbildung auf Schloss Kapfenburg konnten wir das Landesjugendorchester Baden-Württemberg beobachten, und das war interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Musiker eine Probenbelastung von acht bis neun Stunden weggesteckt haben.

BZ: Wie lief diese Ausbildung ab?

Leitherer: Wir hatten fünf einwöchige Module zu Themen wie Physiotherapie, Alexandertechnik (Lösung von Fehlhaltungen und Verspannungen), Feldenkraistechnik (bewusste Bewegungen) und Psychologie. Wir haben die Übungen an uns ausprobiert und sind alle Instrumente mit ihren haltungsspezifischen Problemen durchgegangen.

BZ: Gab es dabei Erkenntnisse, die Sie überrascht haben?

Leitherer: Durchaus. Zum einen die Erfahrung, dass das Thema nicht überall ein Thema ist. Da sagt der Lehrer, wenn’s wehtut: "Das ist normal so." Und damit wird die Fehlhaltung natürlich noch verfestigt. Auf der anderen Seite war es spannend zu sehen, wie einer der Kollegen, ein Posaunist, der sich noch nie damit beschäftigt hatte, nach fünf Wochen seine eigenen Rückenschmerzen los war.

BZ: Wie geht es weiter mit dem Projekt?

Leitherer: Ich bin jetzt an der Weiler Sing- und Musikschule für das Thema Musikergesundheit zuständig. An einem pädagogischen Tag Ende April werde ich den Kolleginnen und Kollegen von meinen Erfahrungen berichten. Dann sammeln wir Fragen und Wünsche und bereiten einen Aktionstag vor, an dem sich auch die Eltern über das Thema Musikergesundheit informieren können.

Zur Person: Barbara Leitherer ist Dozentin für Blockflöte an der Städtischen Sing- und Musikschule Weil am Rhein. Darüber hinaus unterrichtet sie historischen Tanz und Barocktanz an der Scola Cantorum Basiliensis. Die studierte Gambistin spielt in verschiedenen Barockensembles.


Autor: jof