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19. März 2012

Im heutigen Kloster hat jeder seine eigene E-Mail-Adresse

Riesiges Interesse am Vortrag von Pater Armin Russi aus der Benediktinerabtei Mariastein / "Wir leben nicht mehr wie im Mittelalter".

  1. Pater Armin Foto: Roswitha Frey

WEIL AM RHEIN (ros). "Wir leben heute im Kloster nicht mehr wie im Mittelalter, da hat sich einiges verändert." Dies stellte Pater Armin Russi von der Benediktiner-Abtei Mariastein gleich zu Beginn seines Vortrags im Museum am Lindenplatz fest. Der studierte Theologe und Priester, der seit 1975 Mitglied der Benediktinergemeinschaft ist, berichtete im Rahmen der Mittelalter-Ausstellung "Mönche, Bauern, Rittersleut" offen und ausführlich über das Alltagsleben in einem Kloster.

Das Thema fand außerordentlich großen Anklang. Kuratorin Simone Meyer zeigte sich "überwältigt vom Andrang". So enorm viele Zuhörer kamen, dass die Plätze nicht reichten und viele zusätzliche Stühle geholt werden mussten.

Zum Einstieg erzählte Pater Armin über die Gründungslegende des Ursprungsklosters Beinwil und den katholischen Marien-Wallfahrtsort Mariastein im Kanton Solothurn. Besonderes Interesse fanden indes die lebendigen und humorvollen Schilderungen über das alltägliche Leben der Benediktiner in Mariastein: "Unsere Gemeinschaft besteht derzeit aus 25 Mitgliedern, das Durchschnittsalter liegt bei 70 Jahren." Der älteste Mönch sei 95. Die Hauptaufgaben der Mönche heute sind die Wallfahrtsbetreuung und die Aushilfe in der Pfarrei-Seelsorge. "Wir haben immer wieder junge Leute, die sich interessieren, aber es bleibt kaum jemand. Diese Angst vor Bindung ist ein Problem der ganzen Gesellschaft", meinte Pater Armin. In Mariastein ist er Hausmeister für den Innenbereich. Das Haus sei offen für Gäste, die sich zurückziehen wollen und Stille suchen. Größte Sorgen bereiten der Gebäudeunterhalt und die schwindenden Einnahmequellen. Nicht alle Mitbrüder könnten als Lehrkräfte oder in der Aushilfsseelsorge arbeiten, die anderen "kriegen nur ein absolutes Minimum".

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Die Gemeinschaft sei den Regeln des heiligen Benedikt verpflichtet, der ein Gleichgewicht von Beten und Arbeiten, von "ora et labora" anstrebte. Pater Armin schilderte das anhand eines normalen Tagesablaufs im Kloster, der um halb sechs Uhr mit dem ersten Gebet beginnt und im genau festgelegten Rhythmus geistliche Lesungen, Gebete, Messe, Arbeitszeiten, Essenszeiten beinhaltet. Nach dem Nachtgebet um acht Uhr ist "Stillschweigen". Der Pater erklärte, dass die Mönche in verschiedenen Bereichen wie Küche, Speisesaal, Verwaltung, Pforte, Bibliothek eingesetzt sind. Größere Anschaffungen und Entscheidungen werden demokratisch abgestimmt. "Wir stimmen mit schwarzen und weißen Bohnen ab", verriet Pater Armin. Neuerdings habe man eine Frau als Betriebsleiterin, die streng aufs Budget achte. "Es weht jetzt schon ein anderer Wind", meinte Pater Armin schmunzelnd.

Sympathisch ehrlich gab er Auskunft über die Sechs-Tage-Woche im Kloster und die "Probleme eines modernen Mönchs", dem der Wechsel zwischen Gebet und Arbeit in Computerzeiten nicht immer leicht fällt. Auch in einer Klostergemeinschaft seien es Alltäglichkeiten und Kleinigkeiten, die "der Sand im Getriebe sind". "Technisch sind wir auf aktuellem Stand, bei uns hat jeder eine eigene E-Mail-Adresse", so Pater Armin. Er lebe auf 18 Quadratmetern Arbeits- und Schlafbereich. Seit der Sanierung hätten alle Zellen eine Nasszelle, "da waren wir die Ersten, die den Mut hatten, das zu machen". Es gebe auch zwei Fernsehzimmer. "Da steht dann: Hier Tagesschau, hier Fußball", verriet der Pater zur Erheiterung der Zuhörer.

Autor: ros