Krebs – eine Diagnose, die man Kindern nicht verheimlichen sollte

Yvonne Siemann

Von Yvonne Siemann

Mo, 19. November 2018

Weil am Rhein

Die Psychoonkologien Sabine Brütting gab auf Einladung der Hospizgruppe Grenzach-Wyhlen im Alten Rathaus Tipps, wie Familien mit der Krankheit umgehen sollten.

WEIL AM RHEIN (ysie). Kinder krebskranker Eltern wünschen sich Informationen, Ehrlichkeit, Interesse für ihr eigenes Befinden und Zeit mit dem kranken Elternteil ebenso wie Auszeiten, in denen sie ganz normale Kinder sein dürfen. Das ist das Fazit des Vortrags "Was sich Kinder krebskranker Eltern wünschen", den Sabine Brütting am Freitagabend im Keller des Alten Rathauses hielt.

Die Psychoonkologin hat seit vielen Jahren eine eigene Praxis für Kinder und Jugendliche in Frankfurt am Main. Außerdem hat sie mehrere Bücher über Kinder krebskranker Eltern herausgegeben und zusammen mit Jugendlichen einen Ratgeber für andere Jugendliche erstellt. Der Vortrag wurde organisiert vom Kulturamt und der Hospizgruppe Grenzach-Wyhlen und unterstützt von der Sparkasse Markgräflerland und der Hospizstiftung Lörrach. Um die 30 Personen, unter ihnen viele Mitglieder von regionalen Hospizgruppen, interessierten sich für das Thema. Neben dem öffentlichen Vortrag gab es am Samstag auch ein Seminar und am Sonntag eine Matinee mit Tonio Paßlick und Martin Kutterer zum Thema Vergänglichkeit.

Krebs ist eine erschütternde Diagnose, die die Lebensplanung über der Haufen wirft und auch den gesunden Teil der Familie betrifft.

"Kinder bekommen mehr mit

als wir manchmal denken."

In Deutschland sind bis zu 200 000 Kinder jährlich von dieser Diagnose eines Elternteils betroffen, die oft für lange Zeit Auswirkungen auf ihre Leben hat. Damit steigt für solche Kinder das Risiko, selbst einmal psychische Auffälligkeiten zu entwickeln. Daher bedauert Brütting, dass bei der Diagnosestellung noch immer selten angesprochen werde, ob jemand Kinder habe. Oft seien die Eltern unsicher, ob man die Diagnose den Kindern überhaupt zumuten kann und inwieweit sie den Kindern ihre eigenen Gefühle zeigen dürfen. Brütting jedoch findet es wichtig, auch mit kleinen Kindern vor dem Beginn der Therapie über die Krankheit zu sprechen, das heißt, bevor sich der Alltag für lange Zeit verändert: "Denn Kinder bekommen mehr mit, als wir manchmal denken." Zudem bedeutet die Krankheit eines Elternteils oft auch, dass vor allem Jugendliche plötzlich mehr Verantwortung im Haushalt übernehmen müssen. Viele Eltern haben zudem Angst vor der Frage "Musst du jetzt sterben?". Dabei warnt Brütting davor, falsche Versprechen auf Heilung zu geben; stattdessen solle man offen über den Tod sprechen.

Offene Kommunikation ist auch deshalb wichtig, weil Kinder sonst oft falsche Vorstellungen entwickeln. Wie Brütting mit vielen Beispielen aus ihrer eigenen Praxis zeigte, glauben manche etwa, sie selbst seien schuld an der Krebserkrankung von Mama oder Papa; andere fühlen sich ausgeschlossen, wenn die Eltern mit ihnen nicht über die Erkrankung reden wollen. Oft meinen Kinder auch fälschlicherweise, dass nach einem Krankenhausaufenthalt alles vorbei sei. Deshalb gelte es, die Kinder darauf vorzubereiten, dass Mama oder Papa nach einer Chemotherapie müde sind und nicht einfach keine Lust haben, mit den Kindern etwas zu unternehmen. Auch führe die Krankheit nicht unbedingt zu mehr Einigkeit in der Familie. Konflikte zwischen den Eltern bedeuteten dann eine zusätzliche Belastung für die Kinder. Gleichaltrige Kinder und Jugendliche können die Situation ebenfalls selten nachvollziehen. Brütting verwies deshalb darauf, dass externe Hilfe manchmal sinnvoll sei.

Dennoch können Kinder und Jugendliche aus der Situation am Schluss auch gereift hervorgehen. Auch sie wollen lachen und mit ihren Freunden Spaß haben und auch sie haben das Recht auf eigenes Glück. Denn, wie ein Jugendlicher zu Brütting sagte: "Wir sind trotz allem ganz normale Kinder und Jugendliche."

Im Anschluss gab es noch einige konkrete Fragen zu unkomplizierten Hilfsangeboten. Da es lange Wartefristen für Psychologen gibt, verwiesen Brütting und Christa Häfner von der Hospizgruppe Grenzach-Wyhlen auf Beratungsstellen, Vereine und Hospizgruppen als mögliche Anlaufstellen.