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19. Mai 2017

Mit mehr Empathie mehr rausholen

Angela Winkelmann erläutert bei den Weiler Gesprächen, welche weichen Faktoren Frauen in Führungsetagen einbringen können.

  1. Angela Winkelmann im Gespräch mit Matthias Zeller Foto: Siemann

WEIL AM RHEIN. "Ich kann mich auf die Sache konzentrieren, eine klare Linie vorgeben und trotzdem die Menschen nicht vergessen." Diese Eigenschaften sind zentral für Angela Winkelmann, bis zu ihrer Pensionierung vor einigen Monaten Personalchefin und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Helvetia-Versicherung in Basel. Im Rahmen der von der Bürgerstiftung organisierten Reihe "Weiler Gespräche" war sie bei SWR-Moderator Matthias Zeller im Vitrahaus zu Gast.

Um die dreißig Zuhörer und vor allem auch Zuhörerinnen lauschten konzentriert den Lebenserfahrungen der seit vielen Jahren in Ötlingen wohnenden Diplom-Volkswirtin und Managerin. Schon in ihrer Jugend hat Winkelmann gelernt, sich stets neuen Herausforderungen zu stellen: Der Vater als Berufsoffizier wurde oft versetzt, doch für sie waren die häufigen Umzüge eher ein Abenteuer. Als älteste von drei Schwestern hat sie im Elternhaus gelernt, autonom zu sein und Verantwortung wahrzunehmen, zu organisieren sowie strukturiert zu denken und zu handeln. Nach dem Abitur studierte Winkelmann Wirtschaftswissenschaften in München. Die Stadt hat sie als tollen Ort zum Leben und Studieren empfunden: Sie konnte dort ihren vielfältigen Interessen nachgehen, etwa Kurse über Philosophie besuchen oder Theater und Jazz genießen. Neben der Begabung für Zahlen mag sie aber auch insbesondere die französische Lebensart. So hat sie verschiedene Frankreichaufenthalte gemacht und als Studentin schon mit selbst gezogenem Thymian und Basilikum gekocht, als dies in München noch exotisch war.

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Während des Studiums arbeitete Winkelmann an der Bundeswehrhochschule, wo sie lernte, mit Computern zu arbeiten, nämlich mit "einer Kiste so groß wie ein Klavier für die gesamte Hochschule", mit der man Serienbriefe drucken konnte und die darum heiß begehrt war. Dieses Computerverständnis half ihr, bei der Baloise einzusteigen – obwohl ihr Vater sie lieber als Beamtin gesehen hätte. Den Basler Dialekt konnte sie relativ schnell verstehen, mit Kollegen aus Bern oder dem Wallis war es aber anfangs recht schwierig. Auch musste sie lernen, dass ihre forsche und direkte Art in der Schweiz nicht unbedingt gut ankam.

Wichtig waren Winkelmann in ihrer Rolle als Managerin immer die vielen Gestaltungsmöglichkeiten: "Wenn man in der Geschäftsleitung ist, kann man mehr Dinge vorantreiben, deshalb habe ich die Arbeit immer als Herausforderung gesehen " – obwohl daneben natürlich wenig Zeit für das Privatleben bleibt. Dazu hat sie auch versucht, gezielt Frauen als Führungskräfte aufzubauen und in die Geschäftsleitung einzubinden, da diese vielleicht mehr "weiche Faktoren" bei Umstrukturierungen oder im Marketing einbringen können: "Mit mehr Empathie kann man bei vielen Unternehmen mehr rausholen." Dennoch hat sie sich praktisch immer als Frau unter lauter Männern ernstgenommen gefühlt. So will sie auch nicht von typisch männlichen oder weiblichen Methoden sprechen, jedoch: "Frauen fehlt es oft an Mut und Risikobereitschaft, sie warten, dass sie entdeckt werden." Auch die Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf war ihr stets ein Anliegen, obwohl sie selbst keine Kinder hat – und so musste sie auf Zellers Frage, ob ihre Karriere mit Kindern möglich gewesen wäre, erst überlegen: "In Frankreich bestimmt, aber in Deutschland oder erst recht in der Schweiz…? Wahrscheinlich wäre es schwierig gewesen."

Trotz ihrer erfolgreichen Karriere ist sie bescheiden geblieben: "Meine Erziehung ist so, ich möchte etwas leisten, nicht darüber reden." Halt in schwierigen Phasen gibt ihr ihr Partner – "nicht alle Männer sind so gelassen wie er, wenn die Frauen solche Jobs haben" – und ihr Garten – "da sieht man schnell ein konkretes Ergebnis und kann seine Hände gebrauchen". Für die Zeit im Ruhestand hat sie schon einige Ideen, möchte es aber erst einmal langsam angehen, zumal sie bereits Präsidentin der Tertianum-Stiftung ist. Außerdem freut sie sich darauf, jetzt wieder mehr Zeit für Freunde ebenso wie zum Reisen, Lesen und Nähen zu haben und endlich einmal in der Vorweihnachtszeit in aller Ruhe in den Geschäften nach Geschenken zu stöbern.

Autor: Yvonne Siemann