Unfälle an Stauenden

Wenn ein Stau kommt: "Die rechte Spur vermeiden"

Manuel Fritsch

Von Manuel Fritsch

Fr, 16. Februar 2018 um 20:20 Uhr

Panorama

Das Szenario ähnelt sich meist: Ein Lkw fährt auf Fahrzeuge auf, die vor ihm im Stau stehen. Die Folgen sind gravierend. Allein diese Woche starben auf deutschen Autobahnen so zehn Menschen. Ein Unfallforscher erklärt, was man tun kann.

BZ: Herr Brockmann, haben schwere Auffahrunfälle zuletzt zugenommen?
Brockmann: Als Forscher fällt es mir schwer, das für so kurze Zeiträume zu sagen. Zumal wir die Zahlen für 2017 noch nicht haben. Rein subjektiv würde ich sagen, dass sich Auffahrunfälle in letzter Zeit häufen. Es gäbe auch ein Erklärung: Gerade fließt sehr viel Geld in den Straßenbau, das heißt, wir haben sehr viele Baustellen auf den Autobahnen und damit mehr Staus. Daraus ergibt sich, dass die Gefahr größer ist, dass es mal schief geht.
BZ: Woran liegt es, wenn, wie Sie sagen, es schief geht?
Brockmann: Bei Lkws ist es so, dass der Lkw-Arbeitsplatz ein anachronistischer ist. Der Fahrer muss etwas leisten, was psychologisch fast unmöglich ist: Er muss über viele Stunden konzentriert fahren, obwohl er immer die gleiche Geschwindigkeit fährt und de facto nichts passiert. Daher gibt es meistens zwei Ursachen: Entweder sind dem Fahrer die Augen zugefallen oder aber der Fahrer hat gemerkt, dass er müde ist, kann aber wegen des Zeitdrucks, unter dem er steht, nicht einfach mal eine Pause machen. Also lenkt er sich ab, um wach zu bleiben. Dann lesen die Fahrer unterwegs etwas oder gucken auf den Laptop oder ihr Smartphone. So bekämpfen sie die Langeweile. Aber das ist natürlich auch nicht gut.
BZ: Was kann ich als Pkw-Fahrer tun, um mich am Stauende vor solchen Auffahrunfällen zu schützen?
Brockmann: Da gibt es zwei Szenarien: fahre ich auf den Lkw auf, oder fährt der Lkw auf mich auf. Ersteres endet meist für den Pkw-Fahrer tödlich, weil sein Fahrzeug unter den Lkw geschoben wird. Der Heckunterfahrschutz eines Lkws hält schon bei 70 Kilometer pro Stunde nicht mehr. Andererseits kann ein Pkw-Fahrer einem Unfall leichter vorbeugen als ein Lkw-Fahrer: Er kann, wenn er sich müde fühlt, eine Pause einlegen. Er kann sich auch in seiner Geschwindigkeitswahl mäßigen. Pkw fahren meist nicht auf stehende Lkw, sondern beispielsweise auf ausscherende auf. Also ist die eigene Geschwindigkeit entscheidend. Wer auf einer zweispurigen Autobahn mit Tempo 180 an einer Lkw-Kolonne vorbeirast, hat ein wesentlich höheres Risiko – das würde ich mir gut überlegen.
BZ: Und wenn ich am Stauende stehe und sehe, wie ein Lkw von hinten kommt?
Brockmann: Ich sollte, wenn ich das Stauende bin, immer versuchen, die rechte Spur zu vermeiden. Da ist die Gefahr größer, dass ein Lkw von hinten herankommt. Dann sollte ich immer zwei Fahrzeuglängen Abstand zum Vordermann halten, bis hinter mir sich genügend aufgebaut hat. Ich muss noch Optionen haben. Und die bestehen in dem Fall darin, dass ich die Vorderräder einlenke und entweder selber noch Gas gebe oder zumindest beim Aufprall in eine Lücke oder auf den Standstreifen geschoben werde.
BZ: Welche Rolle spielen Unfälle von Pkw auf Pkw?
Brockmann: Das ist für Auffahrunfälle der häufigste Fall, doch sind sie in der Regel weit weniger schwer. Normalerweise erleidet man im vorderen Fahrzeug dabei ein Schleudertrauma. Bei einem auffahrenden Lkw wäre man tot. Die Fahrzeugsicherheit hat sehr große Fortschritte gemacht hat: Wir haben Airbags, sehr gute Gurte, eine sichere Fahrgastzelle – da hat man auch im auffahrenden Auto eine gute Chance, mit mehr oder weniger schweren Verletzungen davonzukommen. Wenn ein Lkw im Spiel ist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass das ein schwerer Unfall wird.
BZ: Wäre da nicht ein Tempolimit gut?
Brockmann: Nicht für die Lkw-Unfälle am Stauende. Da spielt das keine Rolle. Für die andere Variante wäre das eher relevant. Allerdings haben wir schon jetzt eine Richtgeschwindigkeit. Der Pkw-Fahrer muss schon jetzt seine Geschwindigkeit den Gegebenheiten anpassen. Bei Gerichtsverfahren kann deshalb die Geschwindigkeit eine Rolle bei der Verteilung der Schuld spielen.

Siegfried Brockmann (59) ist gelernter Kraftfahrzeugmechaniker und Politikwissenschaftler. Seit 2006 leitet er die Unfallforschung der Versicherer.