Wenn Schlagzeuger mit Instrumenten fremdgehen

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 12. April 2018

Klassik

Im sinfonischen Entdeckerdschungel: Das Philharmonische Orchester Freiburg unter Simon Gaudenz mit Werken von Schostakowitsch, Lärvlepp und Moeran.

Gespielt haben wir damit alle schon: mal auf einer Flasche geblasen oder auf einer Dose getrommelt. Auch die "ehrenwerten" Instrumente wie Trommel und Pauke sind letztlich aus dem Spieltrieb heraus entstanden – und der Entdeckung, dass Hohlkörper mit einem Stoff oder Fell bespannt Resonanz erzeugen. Der kanadische Komponist Jan Lärvlepp hat das in seinem Garbage Concerto 1995 perfektioniert, indem er fünf Solisten aus der Abteilung Perkussion mit einem Arsenal von Garbage – Abfall – ausstattet und sie mit einem ganz klassisch besetzten Orchester ganz klassisch – dreisätzig – konzertieren lässt.

Das sorgt für Stimmung und immer wieder auch Heiterkeit, allein schon, weil die fünf Herren vom Schlagwerk beim Philharmonischen Konzert im gut und jugendlich besuchten Freiburger Konzerthaus in orangenen und gelben Warnwesten auftreten und die Aufstellung der Flaschen einer bekannten Brauerei aus dem südlichsten Südbaden zelebrieren. Und dann ist es von exzellenter rhythmischer Perfektion und Ausgesuchtheit, wie Tilman Collmer, Alexander Lang, Klaus Motzet, Adrian Romaniuc und Thomas-Anton Varga miteinander ihre besonders in den Ecksätzen diffizil motorischen Perkussion-Parts virtuos bewältigen.

Im langsamen Satz mutieren sie zu Bläsern (auf Bierflaschen), was indirekt eine Antwort auf eine der semi-existenziellen Fragen aus Loriots alias Vicco von Bülows komödiantischem Pandämonium gibt: "Können Geiger eigentlich nur geigen und Trompeter nur blasen?" Musikalisch vermittelt dieser Satz als modernes Notturno Großstadt-Atmosphäre, während man sich bei der Musik des Kanadiers sonst fragt, ob hinter der Fassade von Rhythmus und Tempo ausreichend musikalische Grammatik zu finden ist.

Allzu polemisch wäre es indes zu unterstellen, "Garbage" sei womöglich ein Leitmotiv für das gesamte Programm. Gleichwohl gehört auch Schostakowitschs Festouvertüre op. 96 nicht zu den sinfonischen Großtaten ihres Schöpfers. Die Philharmoniker und ihr Gastdirigent Simon Gaudenz interpretieren das affirmative Perpetuum mobile, das ein wenig an den Schlusssatz aus Prokofjews – weit besserer – Symphonie classique erinnert, mit Leidenschaft und Laune, wenngleich die Balance zwischen Bläsern und Streichern zuungunsten letzterer ausfällt.

Ob man den anglo-irischen Komponisten Ernest John Moeran kennen muss? Sein Hauptwerk, die ausgedehnte, 1938 uraufgeführte g-Moll-Sinfonie, fordert Interpreten und Zuhörern einiges an Konzentration ab. Simon Gaudenz, wie immer mit klarer, charismatischer Schlagtechnik, arbeitet die postromantische Orientierungslosigkeit dieser Musik ebenso gezielt heraus wie ihr irisches Idiom mit seinen Fiddler-Passagen und lyrischen Momenten. Oft klingt es nach ganz spätem Sibelius, allein: Es fällt schwer, dieser spröden, pathetischen und langatmigen Sinfonik zu folgen. Bei aller rühmlichen Entdecker-Lust jenseits ausgetretener Repertoire-Pfade, die das Programm der gesamten Philharmonischen Spielzeit auszeichnet: Ein paar Fixpunkte mehr hätten dem Programmdschungel nicht schaden können.